Silvester! Heute Nacht um Zwölf endet das Jahr 2012. Vorbei. Das war es nun also. Vielleicht war es nicht immer das allerbeste Jahr. Immerhin, die Welt ist nicht untergegangen, allenfalls ein paar Esoteriker, die nicht rechtzeitig abgeholt wurden. Selbst auf Aliens ist heute kein Verlass mehr. Das heißt aber auch: 2013 kann nun noch besser werden. Und das wünsche ich Ihnen, liebe Leser, natürlich von Herzen. Vor allem noch mehr Erfolg. Ach, und: Einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Einen guten Rutsch! – das wünschen einem derzeit viele zum Jahreswechsel. Man ist ja zunächst geneigt, darin eine besonders perfide Form der vorauseilenden Schadenfreude zu entdecken. Schließlich wird der deutsche Jahreswechsel gerne mal von Schneematsch oder Glatteis begleitet und von erhöhtem Alkoholkonsum. Bei uns ist es aber gerade recht trocken (ich bin es auch) – und das bei fast schon frühlingshaften zehn Grad. Das Einzige, was da noch rutschen kann, ist die Hose. Und selbst die sitzt seit Weihnachten strammer. Anderes Thema!

Hineingleiten in den Rosch Ha Schanah

Ich habe irgendwo mal gelesen, mit dem guten Rutsch sei mehr eine Art Hineingleiten ins neue Jahr gemeint. Das geht wohl auf das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm zurück. Darin findet sich auch eine Erklärung für das Verb rutschen. Rutschen – das sei, wenn sich jemand gleitend bewegt, freiwillig oder unfreiwillig. Wer also ins neue Jahr rutscht, der gleitet mehr oder weniger willentlich in ein neues Zeitalter. So eine richtige Wahl hat man dabei aber nicht. Es sei denn, man wandert schnell nach China aus. Dort hat das chinesische Jahr 2012 erst am 23. Januar begonnen und endet 2013 auch erst am 9. Februar.

Tatsächlich gibt es noch eine Reihe weiterer Erklärungen für den rutschigen Neujahrsgruß. Überzeugend fand ich die alle nicht. Nur diese: Das Wort “Rutsch” geht dabei auf das hebräische “Rosch Ha Schanah” zurück, das im Jiddischen oder Rotwelchen auf “Rosch” verkürzt wurde, was wiederum dem deutschen “Rutsch” recht ähnlich klingt und übersetzt “Anfang des Jahres” bedeutet.

Wer einem einen guten Rutsch ins neue Jahr wünscht, wünscht einander also schlicht einen guten Jahresanfang.

Wie andere Silvester feiern

Apropos: Andere Länder, andere Sitten – nicht überall wird das Zünden von Feuerwerkskörpern gerne gesehen. Entsprechend haben sich im Laufe der Jahrhunderte überall auf der Welt recht eigentümliche Silvesterbräuche etabliert – abergläubische meist (zur Abwehr böser Geister), kuriose, amüsante, manchmal auch recht amouröse. Zum Abschluss in diesem Jahr gibt es daher noch einmal eine kleine Liste mit den bemerkenswertesten Silvesterbräuchen. Manche sind zur Nachahmung durchaus zu empfehlen…

  • Italien.

    Die feurigen Italiener machen in der Silvesternacht ihrem Ruf alle Ehre: Hier wird unbedingt rote Unterwäsche getragen. Egal ob als Spitzenhöschen, Seidenpant oder Baumwolltanga – rote Dessous sind für Frauen wie für Männer ein Muss. Das soll Glück, vor allem aber Liebesglück bringen. Bunga Bunga eben. Nach Mitternacht werden traditionell noch Linsen gegessen – die wiederum stehen wegen ihrer Form für reichen Geldsegen. Ob die Kombination aus Linsen und sexy Wäsche dem Liebesleben so zuträglich ist, ist nicht überliefert.

  • Brasilien.

    Unter den Brasilianern ist der Aberglaube weit verbreitet. An der Copacabana werfen die Einwohner Rio de Janeiros in der Silvesternacht deshalb Blumen ins Meer. Gehen die im Meer unter, geht der Wunsch für das nächste Jahr in Erfüllung, spülen die Wellen die Stängel an den Strand zurück, gilt die Bitte als abgelehnt. In Sachen Unterwäsche halten es die körperbetonten Südamerikaner übrigens ähnlich wie die Italiener – nur lieben sie (es) noch etwas bunter: Wer rote Dessous trägt, wünscht sich mehr Leidenschaft im Bett, Rosa steht für mehr Liebe, Gelb für mehr Geld und Weiß für Ruhe und Harmonie.

  • Argentinien.

    Die Argentinier, gleich nebenan, haben indes eine besonders originelle Art, sich alter Unterlagen zu entledigen: Sie machen daraus am letzten Jahrestag Papierschnipsel und werfen das Konfetti in der Silvesternacht aus dem Fenster – und damit symbolisch auch alle Altlasten. Blöd nur, wenn darunter zufällig das Sparbuch war.

  • Spanien.

    Zurück nach Europa: Die Spanier essen um Mitternacht exakt zwölf Weintrauben – zu jedem Glockenschlag der Kirchenuhr eine. Aber wehe einer verzählt sich dabei – der hat im nächsten Jahr angeblich Pech. Deshalb bieten Supermärkte kurz vor dem Jahreswechsel Dosen mit abgezählten zwölf Trauben an. Bevor die Spanier dann im neuen Jahr mit Sekt anstoßen, legen sie noch einen goldenen Ring ins Glas – auch das soll Glück bringen (insofern man das gute Stück nicht verschluckt). Und wie die Italiener und Brasilianer tragen auch die Spanier – Männer wie Frauen – an Silvester rote Unterwäsche.

  • Österreich.

    Weiter nordöstlich, in Wien wird traditionell getanzt – und zwar, na klar: Walzer. Vor dem Stephansdom werden die Böller gezündet, leckere Käsekrainer gegessen und Sekt getrunken. Dumm ist nur, dass die Wiener auch den Brauch pflegen, die leeren Flaschen anschließend auf den Pflastersteinen zu zerdeppern – statt Knaller. Und zwar vor den Füßen der Mitfeiernden. Das sorgt nicht nur für jede Menge angeblich Glück bringende Glasscherben, sondern für erhöhte Verletzungsgefahr für all jene, die wegen Trunkenheit auf einen der Scherbenhaufen stürzen. Frauen sollten in dem Umfeld daher keine feinen Stilettos tragen.

  • Großbritannien.

    Die Briten lassen es zwar auch knallen – jedoch weniger privat, sondern organisiert durch Großfeuerwerke, etwa am Riesenrad „London Eye“. Der eigentliche Feuerwerkstag ist auf der britischen Insel der 5. November. An dem Tag versuchte seinerzeit der Offizier Guy Fawkes ein Attentat auf König Jakob I. Hogmanay dagegen heißt Silvester in Schottland. Wer hier mit Whiskey, Rosinenbrot und einem Stück Kohle unterm Arm an der Tür klopft, muss ins Haus gelassen werden. Auch das bringt angeblich Glück und Gäste sowieso.

  • Frankreich.

    Der gemütliche Franzose lässt es eher ruhig angehen. Feuerwerk gibt es hierzulande kaum, allenfalls auf den Pariser Champs-Elysées. Dafür treffen sich die Franzosen in der Silvesternacht mit Freunden zum Abendessen, trinken Champagner und erfreuen sich an Foie gras (Gänsestopfleber) und Austern. Bon apetit!

  • Griechenland.

    Hier wird am Neujahrtag das sogenannte Basiliusbrot gereicht. Als Glücksbringer hat der Bäcker vorher eine Münze eingebacken. Wer die Münze findet, darf auf Geldsegen im neuen Jahr hoffen.

  • Tschechien.

    Bei den abergläubischen Tschechen wird traditionell Blei gegossen. Verbreitet ist aber auch, Äpfel zu teilen und aus der Lage der Kerne seine Zukunft zu deuten: Bilden die Kerne eine Sternenform, wird alles gut – bilden sie ein Kreuz, droht Unheil.

  • Bulgarien.

    Die Bulgaren prügeln sich ins neue Jahr – wörtlich. Mit Schlägen auf den Rücken wird dem neuen Jahr sch(m)erzhaft eingepeitscht. Dazu wird erst ein Ast des Kornelkirschbaums geschmückt und dann in eine Rute („Surwatschka“) verwandelt. Mit der gehen zum Jahreswechsel die Kinder von Tür zu Tür und ziehen den dankbaren Nachbarn damit eins über. Die hegen dann die Hoffnung, dass Ihnen die infantilisierte Auspeitschung im neuen Jahr Reichtum und Gesundheit bescheren möge. Meist macht die aber nur Aua.

  • Russland.

    Russen können Feste feste feiern. Aber hallo! Den Beweis dafür treten sie jedes Silvester eindrucksvoll an: Unser schnöder nächtiger Jahreswechsel ist für die Russen Auftakt für eine zehntägige Sause, bei der sich alle gegenseitig beschenken. Die orthodoxe Kirche richtet sich nämlich nicht nach dem gregorianischen, sondern nach dem julianischen Kalender – und bei dem fällt Weihnachten auf den 7. Januar und Neujahr auf den 13. Januar. Deswegen auch zehn Tage. Und die können Russen locker durchfeiern.

  • USA.

    Die Amerikaner, insbesondere die in den Südstaaten, essen an Silvester Linsen, beziehungsweise Linsensuppe – als Geld- und Glücksbringer (wie die Italiener). Andere pflegen am Neujahrstag eine Art selbst auferlegten Hausarrest: Unter dem Motto „Nothing Goes Out“ darf niemand das Haus verlassen – auch nicht, um die kalte Linsensuppe vom Vortag zu entsorgen. Wer es trotzdem wagt, dem droht ein Jahr voller Pech. Oder eine muffige Bude.

  • Israel.

    Wie schon erwähnt: Rosh Ha Shana heißt der Jahresbeginn in Israel und wird mit lautem Tuten eines Widderhorns eingeleitet. Der durchdringende Hornschall soll die Menschen zur Buße und Umkehr mahnen. Versüßt wird das Getöse durch Äpfel mit Honig, Honigkuchen oder ein süßes Möhrengericht, das auf jiddisch Meren heißt.

  • China.

    Die Chinesen feiern an Silvester: nichts. Ihr Neujahr beginnt nämlich erst im Februar. Dann aber wird das Haus mit Bambuszweigen von bösen Geistern gereinigt und alles erneuert: Bettwäsche wie Kleidung. Das Haus wird noch mit roten Papierstreifen und goldenen Glückssymbolen geschmückt, und an manchen Orten werfen die Alleinstehenden Mandarinen ins Meer – damit sie nicht länger Single bleiben und einen Ehepartner finden (oder angespülte Mandarinen). Kurz vor Neujahrsbeginn, ab 23 Uhr, werden alle Fenster geöffnet, um das neue Jahr hineinzulassen. Und den Smog.

  • Japan.

    Ähnlich wie die Chinesen putzen auch die Japaner ihre Häuser kurz vor Silvester auf Hochglanz. Punkt Mitternacht schlagen im ganzen Land die Tempelglocken genau 108 Mal – um die 108 Übel der Menschen und des alten Jahres zu vertreiben. An Silvester selbst werden zudem Klöße aus Klebreis („Mochi“) geformt und am Neujahrsmorgen gegessen. Das soll ein langes Leben bewirken – tut es aber nicht immer: Weil die Reisklöße so klebrig sind, bleiben sie immer wieder einigen Pechvögeln im Halse stecken, die daran ersticken. 1998 war diesbezüglich ein Rekordjahr: Es gab 21 Kloßtote.

  • Niederlande.

    Den Abend über wird traditionell eine Kabarett-Sendung im Fernsehen angesehen. Das nennt sich Oudejaarsconference. Die Sendung ist durchaus politisch: Was hier gesagt wird, steht am nächsten Tag in allen Zeitungen. Dazu gibt es “Oliebollen” (Krapfen mit oder ohne Rosinen) und “Appelflappen” (fritierte Apfelkrapfen), beides sehr fettig und sehr köstlich. Zum Jahreswechsel gibt es dann drei Wangenküsse von jedem, dem man begegnet. Geballert wird ähnlich wie in Deutschland und – natürlich – auch ordentlich gesoffen.

  • Deutschland.

    Tja, wir Deutschen wiederum lieben Feuerwerk, Böller, neuerdings auch „Batterien“ genannt – also Kisten mit mehreren Effektraknallern und Leuchtspurraketen. Auf eine Kurzformel gebracht, ließe sich unser Silvester auch mit Kiss-Kiss, Bang-Bang beschreiben. Seinen Ursprung hat die hiesige Tradition übrigens im Vertreiben böser Geister: Sie sollen so daran gehindert werden ins neue Jahr mitzukommen. Überdies pflegen bei uns manche noch den Brauch des Bleigießens. Dabei wird das Blei erst geschmolzen und dann in kaltem Wasser abgeschreckt. Die entstandene Form wird dann gedeutet: Herz- oder ringförmige Gebilde verheißen Liebesglück.

  • Also dann…

    Prosit Neujahr!