Warum tragen Frauen High Heels speziell im Job? Gewiss, hohe Absätze transportieren in unserer westlichen Kultur stets eine sexuelle Botschaft. Die meisten Männer finden Frauen in High Heels attraktiver. Sexy eben. Doch gerade im Beruf gelten sexuelle Botschaften eher als karrierehinderlich. Ein tiefer Ausschnitt, ein üppiges Dekolletee, transparente Kleidung, Unterwäsche, die sich abzeichnet, ein zu kurzer Rock – all das gilt im Job-Dresscode als tabu. Zum Einen, weil es den Betriebsfrieden stören könnte (wobei ich mich über solche Unterstellungen immer etwas ärgere, weil sie Männer auf das triebgesteuerte Wesen eines Troglodyten reduzieren. Und so einer soll dann ein Unternehmen leiten?). Zum Anderen weil es die Frauen auf ihre sexuelle Attraktivität reduziert. Ein typischer Halo-Effekt also. Kurz gesagt beschreibt der Effekt einen Wahrnehmungsfehler, bei dem einzelne Eigenschaften einer Person so dominant auf uns wirken, dass sie einen überstrahlenden Gesamteindruck erzeugen – deshalb auch „Halo“ (englisch für Heiligenschein) Effekt.

Der Effekt lässt sich ständig im Alltag beobachten: Wer zum Beispiel besonders dick ist, wird häufig und vor allem über seinen Körperumfang wahrgenommen – und steht damit sofort im Generalverdacht maßlos, faul oder willensschwach zu sein. Schüler mit Brille wiederum wirken auf zahlreiche Lehrer intelligenter. Und selbst Blondinen-Witze sind nichts weiter als das pointierte Eingeständnis, dass sich Klischees hartnäckiger halten als reale Erfahung – zwischen Haarfarben und Intelligenz gibt es keinerlei Kausalität. Im Fall der High Heels könnte man also auch sagen: Die dabei erzeugte sexuelle Aura macht blind für ebenso vorhandene intellektuelle Vorzüge.

Stimmt – aber nicht so, würde der amerikanische Antropologe Euclid O. Smith von der Emory Universität in Atlanta, Georgia, jetzt sagen. Auch er hat eine eine interessant These (pdf) aufgestellt, warum Frauen im Büro High Heels tragen. Sie geht jedoch über sexuelle Anziehungskraft hinaus:

High Heels verändern die weibliche Silhouette. Sie kreieren ein optische Illusion von kürzeren Füßen, schlankeren Fußknöcheln, längeren Beinen. Vor allem aber erhöhen sie die Frau und verleihen ihr selbst und anderen den Sinneseindruck von höherem Status und Macht.

So gesehen ist auch das ein Spiel mit dem Halo-Effekt. Aber dabei, glaubt man Smiths These, geht es eben weniger um sexuelle Reize (obwohl die vielleicht manchmal auch eine Rolle spielen), und umso mehr um Status, Macht und Größe im doppelten Wortsinn. Aber attraktiv macht es natürlich auch.