Rein biochemisch betrachtet sind am menschlichen Gehirn vor allem zwei Dinge interessant: Sein Potenzial ist schier unerschöpflich und mit zunehmendem Alter wird es immer besser. Das hat es übrigens mit gutem Wein gemein.

Alter. Schon bei dem Wort assoziieren viele Demenz, Depression und Degeneration. Ältere Menschen sind die Inkarnation des Heavy Metal: Silber im Haar, Gold in den Zähnen, Blei in den Knochen. Aus der Achtung vor dem Alter wird so allmählich ein Achtung, vor dem Alten! Ein haltloses Vorurteil. Tatsächlich malt die Hirnforschung ein völlig anderes Bild. Wer älter wird, dem baut der Geist Brücken statt Krücken. So verbessert sich etwa mit dem Alter das Sprachvermögen, die Ausdrucksvielfalt nimmt zu, der Zugang zu Synonymen und Antonymen fällt leichter. Sicher, man lernt nicht mehr ganz so schnell Neues. Dafür aber gelingt der Zugriff auf Gelerntes besser, denn der gereifte Geist fängt nicht bei Null an, sondern fügt seinem Wissen lediglich neue Bausteine hinzu. Das ist hochgradig effizient.

Synapsen, also die Verbindung von Erfahrungsschätzen und Expertenwissen, sind „wie in Stein gemeißelt“, sagt der Neurowissenschaftler John Morrison von der Mount Sinai School of Medicine in New York. Sie sind damit hochgradig resistent gegen die körperlichen Effekte des Alterns. Zum Beweis: Bei einem Experiment der Universität von Illinois traten einmal 60-jährige Fluglotsen gegen ihre 30 Jahre jüngeren Kollegen an. Dabei wurden in typischen Tests ihr Reaktionstempo, ihre Merkfähigkeit und Aufmerksamkeit verglichen. Wie zunächst erwartet, schnitten die Jüngeren besser ab. Es folgte ein zweiter Test. Der entsprach jedoch stärker der beruflichen Praxis: Die Lotsen mussten verschiedene Maschinen koordinieren und plötzlich auftretende Notfälle managen. Diesmal waren es die Älteren, die den Anfängern zeigten, wo es langging: Sie brauchten nicht nur weniger Kommandos, um die simulierten Maschinen sicher durch den Himmel zu leiten. Sie blieben auch durchweg cooler dabei.

Weitere Studien belegen: Die Fähigkeit, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren und Ablenkendes zu ignorieren, nimmt im Alter eher noch zu. Das reife Gehirn braucht sogar weniger Blut und Sauerstoff, um optimal zu arbeiten. Der größte Vorteil aber ist sein komplexes Denken: Während Jüngere Probleme in der Regel Schritt für Schritt lösen, finden Ältere die bessere Lösung, indem sie diese mit gespeicherten und bewährten Mustern vergleichen und modifizieren. Zudem sind sie besser in der Lage, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

All diese Fähigkeiten versetzen sie in die Lage, sich besser in andere hineinzufühlen, ihre Motive zu verstehen und gleichzeitig die eigenen Gefühle im Auge zu behalten: An der Universität von Sydney wurden Probanden Porträts von Menschen mit unterschiedlichen Emotionen gezeigt und gleichzeitig ihre Hirnaktivität gemessen – und siehe da: Das Frontalhirn der Älteren war beim Verarbeiten negativer Emotionen deutlich aktiver. Kurz: Sie verfügen über emotionale Weisheit.