Das Kundenprojekt muss nächste Woche fertig werden. Sonst drohen saftige Vertragsstrafen. Alle verfügbaren Kräfte arbeiten mit Hochdruck an der Aufgabe. Da bricht die Grippe aus. Auf einen Schlag werden zwei wichtige IT-Mitarbeiter krank und liegen mit Fieber im Bett. Der Boss fängt schon mal an, sich gedanklich mit einer Insolvenz auseinander zu setzen – da kommen Sie: Rein prophylaktisch hatten Sie vorab Kontakt zu drei günstigen Zeitarbeitsunternehmen aufgenommen. Alle drei können Ihnen noch heute qualifizierte Ersatzkräfte ins Haus schicken. Ihr Chef atmet tief durch, ruft die Unternehmen auf ihrer Liste an. Am Ende der Woche erhalten Sie einen satten Bonus.
Noch drei Stunden bis zu dem wichtigen Meeting. Diesmal geht es um alles. Wenn Ihr Unternehmen diesen Kunden kriegt, ist der Umsatz für das kommende Jahr gesichert. Alles soll perfekt sein. Da klingelt das Telefon. Die Druckerei, die sich um sämtliche Präsentationsmappen kümmern sollte, sagt kurzfristig ab. Keine Kapazitäten mehr frei. Und das merken die erst jetzt??? Eine Katastrophe! Ihr Chef kreist unter der Decke. Die Kollegen heucheln Anteilnahme und spielen Panik. Nur Sie nicht. Sie gehen ruhig zu Ihrem Schreibtisch, holen die Liste mit alternativen Anbietern hervor, die in der Lage sind, binnen einer Stunde eine angemessene Broschüre zu liefern. Natürlich haben Sie alle bereits durchtelefoniert, haben Konditionen und Gestaltungsunterschiede erfragt. Die Liste überreichen Sie Ihrem völlig überraschten Chef. Das Meeting, der Deal – gerettet.
Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt
Die Einführung des Produktes droht ein Flop zu werden. Es gibt kleinere Macken, die einige Kunden bemerkt haben. Ein paar davon sprechen bereits mit der Presse. Dem Unternehmen droht ein schwerer Imageschaden, dabei waren alle anfangs so euphorisch. Sie haben sich davon allerdings nicht anstecken lassen und im Stillen einen Krisenplan erstellt. Sie haben mit Kollegen aus der Kommunikationsabteilung gesprochen, haben Techniker und ein paar befreundete PR-Profis befragt und deshalb genaue Vorstellungen, was das Unternehmen jetzt tun muss, um das Schlimmste abzuwenden. Die Konzernleitung ist von soviel Weitsicht beeindruckt. Sie haben soeben den Grundstein für eine rasante Karriere gelegt…
Sie ahnen natürlich längst, welche Botschaft hinter diesen Fiktionen steckt.
In jedem Unternehmen wird geplant, konzipiert, organisiert. Nur: Manche Dinge lassen sich eben nicht planen. Aus solchen Zufällen oder unglücklichen Verkettungen entstehen dann leicht Katastrophen. Die wenigsten Menschen machen sich darüber Gedanken. Chefs sowieso nicht. Deren Aufgabe ist es, kühne Pläne zu schmieden und deren Erfolg bereits zu imaginieren. Jedenfalls glauben das viele. Und falls nicht, ist das für die Karriere gefährlich: Bedenkenträger sind nicht sonderlich beliebt.
Es ist aber auch so: Jede Krise bietet eine enorme Chance, sich zu profilieren. Und diese Wirkung steigert sich noch einmal enorm, wenn niemand damit rechnet, dass es einen Notfallplan gibt. Sie kennen doch sicher diese Gefühlsachterbahn aus Hoolywood-Blockbustern: wenn der Sympathieträger so richtig in der Klemme sitzt und man denkt: Das war’s. Null Ausweg. Spannung, Wut, Trauer und Ohnmacht steigern sich dabei ins Unermessliche. Und dann taucht auf einmal der Held auf – und rettet alle aus dem Schlamassel. Was für eine Erleichterung!
Dieser Held können Sie sein.
Immer ein Ass im Ärmel behalten
Vielleicht erscheint es Ihnen als Zeitverschwendung, im stillen Kämmerlein das Unerwartete zu erwarten und nach getaner Arbeit noch ein paar Krisenstrategien zu entwerfen. Vielleicht kommen diese auch nie zum Einsatz. Falls aber doch, schlägt Ihre Stunde. Ich kenne ein paar Karrieren, die darauf basieren, dass die Betreffenden einen Trumpf im Ärmel behielten, den sie erst im richtigen Moment ausspielten. Sie wurden Helden. Sehr erfolgreiche dazu. Betrachten Sie es als Investition. Eines Tages zahlt es sich aus!
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Kittyluka
“Am Ende der Woche erhalten Sie einen satten Bonus.”
Ha ha…
Hast wohl noch nicht von Finanzkrise gehört.
Holger Reich
Ich erkenne den ganz normalen Alltag wieder … zumindest den Teil mit den Katastrophen …
In Krisenzeiten meckern, nörgeln oder heimlich opponieren kann jeder. Der Profi erweist sich IN der Krise als ein Solcher. Insoweit stimmt die Botschaft zu 100%. Leute mit Ideen gibt es zuhauf – es fehlen die “Macher” (Manager)
Jochen Mai
@Kittyluka: Wenn man den Laden rettet, ist immer was drin – auch bei Finanzkrise.
@Holger: So ist es: Managen, nicht Zustände verwalten.
Tobias
Is aber immer einer Frage ob es auch angenommen wird.
Steffen
Können einem die lieben Kollegen daraus nicht einen Strick drehen, indem Sie behaupten, man hätte auf ein Scheitern von Anfang an spekuliert? Bzw. untergräbt das nicht das Ansehen des Chefs (zumindest nach innen)?
Siegfried
Wenn man den Laden rettet, ist immer was drin? Naja, ein Bisschen vielleicht. Das letzte mal, als ich mit den bescheidenen Möglichkeiten meiner Position als Entwickler den Laden “gerettet” habe (ist etwas überzogen, ich weiss), da habe ich einen Benzingutschein von 50€ bekommen. Immerhin.
Was mir eigentlich wichtiger war: Es wurde anerkannt, dass ich gute Arbeit gemacht hatte. Das war mir persönlich sehr viel mehr wert.
Meist ist auch nicht “die Firma retten” die Tat eines einzelnen Helden, sondern Teamarbeit.
Jochen Mai
@Tobias: Natürlich…
@Steffen: Nein, wenn man dabei nicht versucht, den Chef wie einen Deppen aussehen zu lassen. Und Vorsicht, bzw. Umsicht ist nie ein Karrierekiller.
@Siegfried: Es ist ja auch ein fiktiver Fall, der etwas verdeutlichen soll. Ich denke, man sollte diese Parabel auch nicht überstrapazieren.
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