Es war ein einfacher Versuchsaufbau. Ein paar Ärzte wurden in Dreiergruppen aufgeteilt und bekamen je zwei Videos von einem Patienten zu sehen. Das erste Video sahen alle. Vom zweiten Video gab es drei Varianten, so dass in jeder Gruppe die Ärzte je einen zweiten unterschiedlichen Clip sahen. Anschließend sollten Sie eine Diagnose für den Patienten erstellen. Soweit, so normal. Der Knackpunkt in dem Experiment war jedoch: Die entscheidenden Informationen für eine richtige Diagnose lagen in den individuellen Videos. Die Ärzte würden also nur richtig entscheiden können, wenn sie jeweils exklusive Informationen teilen würden. Was passierte?
Vermutlich ahnen Sie es: Weißkittelträger redeten fast ausschließlich über den Film, den alle drei gesehen hatten, mit dem Effekt, dass ihre Diagnose nur suboptimal ausfiel. Frag drei Ärzte, und du bist tot… Dabei kann man den Ärzten eigentlich überhaupt keinen Vorwurf machen: Sie handeln wie wir alle.
Immer wieder bescheinigen psychologische Studien, dass Menschen, wenn sie versuchen Gruppenentscheidungen zu treffen, die meiste Zeit damit verbringen, anderen Dinge zu erzählen, die sie schon alle wissen. Kaum einer ist bereit, neue Aspekte einzubringen oder Informationen zu teilen, die nur er oder sie besitzt. Und dabei ist es völlig unerheblich, ob diese Teams nach einem neuen Mitarbeiter, dem besten Investment oder nach einem Schuldigen suchen. Das Ergebnis ist in allen Fällen dasselbe: Mittelmaß – und miese Entscheidungen.
Warum das so ist? Nun, dafür kommen gleich mehrere Motive infrage:
Was sich dagegen tun lässt? Nicht viel…
Mehr Kontroverse. „Wenn zwei Menschen immer die gleiche Meinung haben, ist einer von ihnen überflüssig“, ätzte schon der britische Premierminister Winston Churchill. Und er hat Recht: Je mehr die Teilnehmer untereinander harmonieren, desto weniger Reibereien gibt es. Das mag dann zwar kuschelig sein, es wirkt aber wie Gift fürs Geschäft. Und Kreativitätsforscher wissen: Ist die Gruppe zu gleichartig, entstehen kaum noch brillante Ideen. Die Gedanken drehen sich lediglich im Kreis.
Weniger Gruppendruck. Wenn Teammitglieder das Gefühl haben, neue Ideen sind grundsätzlich willkommen und werden zunächst gehört, dann bekommen sie auch mehr Mut diese zu äußern. Das ist jedoch vor allem eine Management-Aufgabe, Neues und Ungewohntes zuzulassen beziehungsweise zu fördern und zu belohnen.
Advocatus diaboli. Klassische (und erfolgreiche) Kreativtechniken setzen darauf, die Dinge bewusst aus unterschiedlichen Warten zu sehen. Bevor Sie eine Entscheidung treffen, sehen Sie es einmal ganz bewusst von der anderen Warte und bürsten Sie das dicke Fell der Kollegen gegen den Strich. Meist bringt das völlig neue Erkenntnisse – und vielleicht auch bislang exklusive Informationen.
1. Kommentar
Siegfried
15.09.09 um 16:49 Uhr
Guter Artikel. Das Fazit sehe ich aber anders.
Der Knackpunkt ist, dass jeder bei sich selber anfangen sollte. Ein Team kann noch so gleichartig und “kuschelig” sein, wenn jeder zuerst das Team, und erst danach sich selber sieht, dann klappt sogar das. In diesem Fall weiss Jeder, dass er respektiert wird, und eventuell “dumme Spinnereien” landen nicht auf der Müllhalde der allgemeinen Kritik. Man wird nicht gleich nieder gemacht, und am Ende stellt man fest, dass selbst die spinnertsten Ideen zumindest indirekt zur Lösung beigetragen haben. Nicht Druck schafft Höchstleistung, sondern Freiraum. Druck schafft nur so viel Leistung, wie nötig ist, um dem Druck standzuhalten. Wer nicht fürchten muss, dass seine Offenheit schamlos ausgenutzt wird, braucht auch kein geheimwissen zu verstecken.
Und es wäre die Aufgabe von Führungskräften, genau Sowas zu lenken.
Meine Frau ist Führungskraft und schafft genau Dieses ganz passabel. Sie hat es geschafft, aus einer unbeliebten dauerkranken Mitarbeiterin eine fleissige und engagierte und kreative Mitarbeiterin zu machen, die inzwischen mehrfach belobigt wurde. Und das mit ganz simplen Methoden. _Das_ ist Führung.
2. Kommentar
Jochen Mai
15.09.09 um 16:54 Uhr
@Siegfried: Hm, da muss ich jetzt aber nachfragen: Ihre These ist, es beginnt bei einem selbst. Danach aber plädieren Sie dafür, dass die Führungskräfte so etwas lenken müssen – und auch das Beispiel Ihrer Frau belegt eher, dass es nicht bei einem selbst (in diesem Fall der dauerkranken Mitarbeiterin) begann, sondern bei Ihrer Frau, der Führungskraft. In meinen Augen ist das ein Widerspruch zu Ihrer Ausgangsthese. Vielleicht habe ich Sie aber auch nicht richtig verstanden…
3. Kommentar
Siegfried
15.09.09 um 17:24 Uhr
Doch, richtig verstanden. Die Wenigsten sind in der Lage, bei sich selbst ohne Nachhilfe anzufangen und Etwas zu Ende zu bringen. dazu sollten Führungskräfte da sein, um Sowas zu führen.
In der Bibel heisst es: “Wer unter Euch der Erste sein will, der sei Euer aller Diener”. Das ist es, was Führung ist: Eine Hilfsfunktion, eine dienende Funktion. Auch der Persönlichkeitsbildung dienen. Denn Persönlichkeiten nutzen der Gesamtheit am Meisten. Manche haben das Talent, grosse Dinge zu schaffen, Andere haben das Talent, große Menschen zu schaffen. Kaum Einer hat alle Talente. Talente sollten genutzt werden.
4. Kommentar
Siegfried
16.09.09 um 10:45 Uhr
Sehr interessant gerade in diesem Zusammenhang: http://karrierebibel.de/3-grunde-warum-es-gut-ist-ein-niemand-zu-sein/
(Auch, wenn ich den Begriff “Niemand” hier für irreführend halte)
5. Kommentar
Jochen Mai
16.09.09 um 10:51 Uhr
@Siegfried: Irreführend finde ich den “Niemand” überhaupt nicht. Im Gegenteil: Er ist bewusst gewählt, sonst hätte niemand eine Interpretationsfläche – und vermutlich hätte es auch niemand gelesen.
6. Kommentar
Siegfried
16.09.09 um 12:14 Uhr
In gewisser Hinsicht hast Du Recht. Insbesondere, was die Interpretationsfläche angeht, und dass es sonst wohl Niemand gelesen hätte.
Der Begriff ist insofern irreführend, als dass so ein “Niemend” eben ganz und gar kein Niemand ist, sondern ein sehr wichtiger Jemand.
Sehr interessant fand ich den Zusammenhang mit diesem Artikel hier :)
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