Büro ist wie Boxen: Ständig gibt’s was auf die Nase und nur wer ordentlich einstecken kann, kommt eine Runde weiter. In nicht wenigen Unternehmen gilt das Motto: Die Abwesenheit von Kritik ist Motivation genug. Wie sagte schon der deutsche Maler Anselm Feuerbach: “Tadeln ist leicht, deshalb versuchen sich so viele darin. Mit Verstand loben ist schwer, darum tun es so wenige.” Dabei vermissen deutsche Arbeitnehmer genau das: Lob. Das ergab etwa eine repräsentative Studie der von Bund, Ländern, Arbeitgeberverbänden, Gewerkschaften und Krankenkassen getragenen Initiative „Neue Qualität der Arbeit“ (INQA). Danach wünschen sich 61 Prozent der Befragten mehr Anerkennung für ihre Arbeit.
Peter geht das genauso. Peter ist ein Freund von mir und hat einen verantwortungsvollen, kreativen Job, der ihn ausfüllt und ihm Spaß macht. Jeden Tag kniet er sich voll rein, arbeitet länger als er müsste, wohl auch, weil der Job irgendwie cool ist und die Konkurrenz groß. Peter arbeitet beim Fernsehen. 10-Stunden-Tage sind da normal, nicht selten werden es zwölf Stunden. Wenn alles gut läuft, sind seine Chefs zufrieden. Wenn nicht, gibt es Krisensitzungen. Aber dass er sich mehr abrackert als manch anderer im Team, dass er sich im Grunde selbst ausbeutet ohne dass das Einfluss auf seine Laufbahn oder Leidenschaft hätte, das interessiert keinen. Die Leistung stimmt, es ist nun mal sein Job, was soll man dazu noch sagen?!
Solche Peters gibt es zuhauf. In der Medien- und Werbebranche besonders. Aber anderswo genauso. Und es sind immer die Fleißigen, die Leidenschaftlichen und Engagierten, die darauf besonders sensibel reagieren. Sie geben alles für ihren Job und spüren gleichzeitig, wie wenig davon zurückkommt. Was sie auch schaffen, es wird kaum geschätzt, womöglich nicht einmal registriert. Das frustriert ungeheuer und tut manchmal sogar physisch weh, wie wenn man seinem Partner sagt “Ich liebe Dich” und der nur antwortet “Ich weiß”.
Besonders schlimm sind diese Mitarbeiter-des-Monats-Meetings. Fast immer sitzen in diesen Runden gleich mehrere Kollegen, die innerlich fühlen, dass sie die Auszeichnung gerade mehr verdient hätten als jeder andere im Raum. Sie bangen und beten, dass wenigstens diesmal alle mitbekommen, wie sehr sie sich aufgerieben haben, für das Projekt, den Pitch, die Präsentation, bis nachts um drei. Doch dann nennt der Chef einen anderen Namen, hält seine Laudatio für irgend so einen Hallodri, der sein Lieblingsprojekt gerettet hat. Und hängen bleibt nur noch: Leistung lohnt nicht.
Gerade in den mittleren Positionen wird erstaunlich selten gelobt. Wer die Karriereleiter hochklettert, muss immer stärker auf Anerkennung verzichten. Kollegen können sich noch untereinander auf die Schulter klopfen, aber wenn Mitarbeiter ihre Chefs loben, stehen sie immer im Verdacht, sich einschleimen zu wollen. Und je höher einer kommt, desto kleiner wird der Kollegenkreis, bis hin zur sprichwörtlichen Einsamkeit an der Spitze. Dabei sind auch Manager nur Menschen, die Anerkennung genauso brauchen wie der Mann am Band.
Nun ist das mit dem Lob allerdings so eine Sache. Einerseits hat es enorme Kraft: Lob bringt die Menschen dazu, selbigem gerecht zu werden; es wärmt das Herz und öffnet sanft den verstockten Geist. Durch sublimen Beifall lassen sich Chefs genauso lenken wie Kollegen oder Konkurrenten. Das hat nichts mit Schleimen zu tun, weil das lediglich Botschaften transportiert, die der andere hören will. Belobigen dagegen vermittelt eigene Ziele und verstärkt so gewünschtes Betragen. Jemandem zu sagen, dass er dieses oder jenes sein lassen soll, wirkt längst nicht so überzeugend wie die diskrete Einflussnahme durch gezielte Wertschätzung: “Der Schmeichelei gehen auch die Klügsten auf den Leim”, erkannte schon der französische Dramatiker Molière. Und auch rund 300 Jahre später stellte der Tiefenpsychologe Sigmund Freud noch fest, dass sich der Mensch wohl gegen Angriffe wehren könne, gegen Lob aber “machtlos” sei.
Die positive Wirkung der Wertschätzung wies auch Albert Bandura, Psychologie-Professor an der Stanford Universität, in Studien nach: Gelobte sind motivierter, stecken sich höhere Ziele, fühlen sich diesen stärker verpflichtet, teilweise unterstellen sie sich sogar bessere Fähigkeiten, was wiederum ihre Leistungskraft verbessert (Latham/Locke 1991). “Es ist ein Zeichen von Mittelmäßigkeit, nur mittelmäßig zu loben”, mäkelte der US-Präsident Benjamin Franklin. Vielleicht war das sein Fehler: Er hätte die Botschaft in Lob kleiden sollen, damit sie gehört wird.
Andererseits kann Lob durchaus destruktiv wirken. Dann etwa, wenn es zu einer Art Motivations-Droge mutiert. Sicher, wer im Job schlecht behandelt wird, verliert die Lust daran und die Produktivität sinkt. Fühlen viele so, sinkt sie gleich im gesamten Unternehmen. Aber ein bauchpinslerisches “Prima!”, “Super!” oder “Weiter so!” kann niemals die eigene, die intrinsische Motivation ersetzen. Für den Managementberater und Bestsellerautor Reinhard Sprenger (“Mythos Motivation”) sind solche Lobesarien letztlich nichts weiter als “Fremdsteuerung und Manipulation” durch Vorgesetzte. Dahinter stecke der Generalverdacht, Arbeitnehmer seien von Natur aus faul, und wenn man ihnen nicht ab und an eine Karotte vor die Nase hält, bewegen sie sich nicht. Also muss man sie immer wieder bedrohen, bestrafen, bestechen, belohnen, belobigen – alles klassische Indizien einer Misstrauenskultur.
Das Lob wirkt dann allenfalls kurzfristig, so wie Prämien oder Gehaltserhöhungen. Damit sie auch weiterhin Wirkung zeigen, muss dann jedes Mal die Dosis erhöht werden. Und wehe, der Bonus bleibt einmal aus! Dann ist die Stimmung sofort aufgeheizt und der Entzug kalt. Folglich kann die Aussage, dass einer mehr gelobt werden möchte, unfreiwillig entlarven: Sie degradiert den Jammerer zum unselbstständigen Esel, der seine Möhre vermisst. So jemand profiliert sich nicht wirklich als Leistungsträger und Leiter in spe.
Loben ist keine Holschuld. Es bleibt eine Bringschuld. Für den Einzelnen heißt das, dass er sich davon möglichst unabhängig machen sollte. Schon im eigenen Interesse. Es heißt aber auch, möglichst oft selber zu loben – auf Augenhöhe genauso wie nach oben oder unten. Und als Führungskraft vielleicht noch etwas mehr. Loben Sie nicht zu oft, aber auch nicht zu selten (einmal im Monat ist definitiv zu selten!). Und vor allem:
- Seien Sie ehrlich dabei und loben Sie nur, was auch Lob verdient!
- Seien Sie dabei so konkret wie möglich und pauschalisieren sie nicht! So bleiben Sie glaubwürdig.
- Loben Sie Außergewöhnliches mehr als Selbstverständliches, aber nicht ausschließlich! Sonst beflügelt es nicht.
- Loben Sie schnell, nicht vier Wochen später!
- Loben Sie nicht nur Ergebnisse, sondern auch Engagement!
- Loben Sie laut, vor Publikum und nicht nur im Verborgenen! Das spornt alle an.
- Loben Sie nicht immer dieselben, aber loben Sie immer alle, die es verdient haben!
- Loben Sie stets nach transparenten wie fairen Maßstäben! Willkür entwertet jeden Applaus.







Rolf F. Katzenberger
Hallo Jochen :)
Diesen Artikel hab ich mir gleich lokal abgespeichert. Toll:
1. er fasst alles zusammen, was ich mir sonst aus verschiedenen Quellen erst mühsam zusammenschreiben müsste
2. er beschreibt nicht nur, wie “man” “technisch” lobt, sondern auch warum und wie Lob funktioniert
3. jeder Absatz ist aufs Wesentliche “eingedampft” und trotzdem gut lesbar fomuliert
4. er kommt mir heute gerade recht, weil ich meine Karteikarten mit hilfreichen Notizen am Überarbeiten bin
5. die meisten hätten nur über ihre eigenen Erlebnisse berichtet, statt sich die Mühe einer Recherche zu machen und aus breiterer Perspektive zu schreiben
6. ich kann ihn guten Gewissens in meine social bookmarks aufnehmen, er verdient ein breites Publikum
7. Du hast für Dein Blog sowieso längst ein Lob verdient
8. der Artikel ist wie alles gut Brauchbare knapp, informativ, und “mini-enzyklopädisch”.
Dankeschön! ;-) :-)
Réka Anna Horváth
Lob und im Allgemeinen das Gefühl von Erfolg ist wirklich bedeutend im Arbeitsleben.
In einigen Jobs – z. B. als Programmierer – bekommt man ziemlich viel Feedback automatisch vom Arbeitsprozess („ja, es funktioniert endlich“). Es ist aber ganz anderes – und auch viel seltener –, von den Benutzern Anerkennung zu bekommen.
In eine Menge von Arbeitskreisen gibt es weder dieses automatische Feedback, noch direkten Kontakt mit Kunden. In solchen Fällen muss der Chef noch mehr darauf achten, häufig genug positive Rückmeldung zu geben.
derherold
Was ist mit der Ansicht, daß derjenige, der lobt, sich über den zu Lobenden stellt ?
(Jochen, das hast Du aber fein gemacht. Dieser Artikel trifft einmal meine Erwartungen). ;-)
… ich bin auch der Meinung Lob&Strafe möglichst zeitnah erfolgen sollten.
Manfred Böcker
Hallo Herr Mai,
prima Beitrag. Ich möchte nur einen Aspekt ergänzen: Die Diskussion um richtiges “Lobverhalten” von Führungskräften ist zu stark auf die Ebene der Verbaläußerungen fixiert.
Führungskräfte machen es dann richtig, wenn Sie sich leistungsstarken Mitarbeitern gegenüber nicht nur lobend äußern, sondern sich auch “lobend verhalten”. Das heißt zum Beispiel:
- Konzeptpapiere, Entwürfe der Mitarbeiter etc. werden tatsächlich intensiv gelesen und ernst genommen. Es gibt Führungskräfte, die Entwürfe immer erst während des entsprechenden Termins mit Mitarbeitern in deren Beisein lesen. Das hat eine fatale Signalwirkung…
- Sehr gute Leistungen der Mitarbeiter werden als solche im Unternehmen erkennbar. Eine gute Führungskraft sorgt in dieser Hinsicht für “lobende Transparenz”.
- Letztlich: Auch die Bitte von Führungskräften an Mitarbeiter, ihre Meinung zu einem bestimmten Problem zu äußern sowie das Vertrauen, das mit komplexeren Aufgaben einhergeht, die Führungskräfte an Mitarbeiter übertragen etc. sind Ausdruck eines lobenden Verhaltens.
Ich persönlich glaube, dass die Frage, wie sich Führungskräfte verhalten, mindestens genau so entscheidend ist wie die Frage, ob sie sich häufig genug und richtig lobend äußern. Verbale Lobhudelei bei konträrem Verhalten führt schnell zum Eindruck: “Ihr habt mir viel zu oft auf die Schulter geklopft.”
Grüße aus Köln,
Manfred Böcker
Jochen Mai
@Manfred Böcker: Da haben Sie völlig Recht. Der Punkt fehlte. Und wie singt es Madonna so schön: “words are cheap”?! Die Taten wiegen oft schwerer und wirken nachhaltiger (oder entlarven die Worte als bloße Floskeln).
@Herold: Natürlich erhebt sich der Lobende über den zu Lobenden, so wie der Kritiker gegenüber dem Autor. Das ändert aber nichts daran, dass wer viel leistet, diese Leistung dennoch anerkannt haben möchte. Mehr noch: Wenn das Lob “von oben” kommt, baut es noch mehr auf.
@Réka: Diejenigen, die dort arbeiten, sollten ihre Leidenschaft für den Beruf aber dennoch nicht vom Lob des Chefs abhängig machen.
@Rolf: Danke.
Armin Scheuermann
Schöner Artikel!
Kleine Ergänzung: Wenn Führungskräfte nicht loben, wird´s für das Unternehmen teuer – denn ungelobte, aber verdiente Mitarbeiter neigen dazu, in der nächsten Gehaltsverhandlung mehr zu fordern.
Réka Anna Horváth
@Jochen,
Das wollte ich keineswegs sagen. Es kann vielleicht aus dem Ansichtspunkt des Chefs interessant sein: er / sie soll wissen, welche Mitarbeiter mehr Bewertung vom Arbeitsprozess kriegen, und wer brauchen häufigere Rückmeldung.
Und ich bin mit Manfred total einverstanden: berufliche Möglichkeiten, Trainings, Projekten und natürlich auch Gehalt müssen mit dem wörtlichen Lob im Einklang stehen. Meistens fehlen nicht (nur) gute Wörter, sondern das Gefühl von Erfolg und Anerkennung.
Réka Anna Horváth
[...] Jochen Mai schreibt über die Mangel an Lob in seiner KarriereBibel [...]
http://www.multiprojecting.com/Blog/Leistungsbewertung.aspx
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Dieter Stahl
Loben vertiefen ;-)
Ich bin über Twitter.com auf Karrierebibel gestoßen – klasse, der hier gezeigte Einsatz, die Einfachheit und Klarheit führen sicher nicht nur bei mir zu einem besseren Verstehen und Verständnis für die verschiedensten Karriere-Aspekte.
Im vorigen Jahr bin ich auf das TugendProjekt gestoßen. Dort werden 5 Strategien kommuniziert, um Charaktereigenschaften zu stärken, zu fördern und mehr Frieden ins Miteinander zu bringen. Die erste Strategie lautet “die Sprache der Tugenden Sprechen”, bzw. “Benenne zu erkennende und gewünschte Charaktereigenschaften” (Tugenden sind schließlich nichts anderes). Das geht weit über “das hast du gut gemacht, klasse!” -Lob hinaus: “Frau Müller Sie haben mit ihrem Enthusiasmus und Einsatz ein vorzügliches Umsatzergebnis aufgebaut, ich bin stolz …” . Das TugendProjekt wird weltweit in über 90 Ländern in Familien, Schulen, Kindergärten, im Beruf und auch in Unternehmen eingesetzt. http://www.tugendprojekt.de
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