Wahre Größe lässt sich nicht daran erkennen, wie einer Menschen mit hohem Sozialstatus behandelt oder gar hofiert. Sie verrät sich vielmehr daran, wie einer mit den vermeintlich kleinen Leuten umgeht. Jenen, die sich allenfalls dafür bedanken können, von denen man aber gewiss keine adäquate Gegenleistung erwarten kann.

Zugegeben, der Ansatz erinnert an das moralinsaure Prinzip vom Geben, dass seliger macht als Nehmen. Doch es steckt mehr dahinter: Wer über den Status eines Menschen hinweg und hindurch blickt, der erkennt nicht nur sein wahres Gegenüber, sondern auch sich selbst.

Status und Macht sind schließlich kein Eigentum, sondern Leihgaben. Sie erheben nicht nur, sie verpflichten auch. Und jeder, der sich das bewusst macht und verinnerlicht, macht diese Welt nicht nur zu einem besseren Ort, er bewahrt sich auch vor irrigen Eitelkeiten – und die sind bekanntlich die Vorstufe vom Fall.

Deshalb die Gewissensfrage:

Wie behandeln eigentlich Sie andere Menschen – insbesondere jene, zu denen Sie nicht aufsehen?

Sie müssen die Frage nicht beantworten. Schon gar nicht mir. Wer bin ich schon? Aber womöglich ist es eine Anregung wert. Dazu haben wir hier schon einmal drei Anedoten gepostet, die aber nichts von Ihrer Aktualität eingebüßt haben und immer noch zum Nachdenken anregen – womöglich gar zum Sinneswandel. Es sind drei wunderschöne Geschichten und Lektionen über Opportunitäten, wahre Demut und echte Menschenliebe (PS: Ich gestehe, mir kommen bei der letzten Geschichte jedes Mal die Tränen).

Falls es Ihnen wie mir geht, erzählen Sie diese Anekdoten gerne weiter!

Erste Lektion: Die Putzfrau

In den ersten Wochen an der US-Hochschule händigte der Professor seinen Studenten einen Fragebogen aus. Es war eine Art Quiz über ihre Motivation hier zu studieren, gemischt mit einigen Fragen zur Uni selbst. Nur die letzte Frage fiel aus dem Rahmen, sie lautete: “Wie heißt die Frau mit Vornamen, die regelmäßig diesen Hörsaal reinigt?” Tatsächlich konnte kaum jemand die Frage beantworten. Zwar hatten die meisten der Studenten die Putzfrau schon ein paar Mal gesehen, wussten dass sie um die 50 war, dunkle Haare hatte und einen spanischen Akzent. Aber ihren Namen kannte keiner. Wie auch? Niemand hatte mit ihr ein Wort gewechselt. Also ließen die meisten das Antwortfeld zu dieser Frage frei (einige versuchten es immerhin mit Chuzpe und schrieben einen geratenen Namen hin). Als alle den Fragebogen abgaben, fasste sich jedoch einer der Studenten ein Herz und sprach den Professor direkt auf diese Frage an: “Wird diese Frage Einfluss auf die Gesamtnote am Ende des Semersters haben?”, wollte er wissen. “Absolut”, antwortet der Professor und erklärte auch warum: “In Ihrer Karriere werden Sie einen Haufen Leute kennenlernen. Und alle werden sehr wichtig sein. Und ich meine wirklich a-l-l-e! Jeder einzelne davon verdient Ihre Aufmerksamkeit, Ihre Zuwendung – zumindest aber ein Lächeln.”

Der Student vergaß diese Lektion nie – ebenso wie den Namen der Putzfrau, nach dem er sich kurz darauf bei ihr erkundigte. Sie hieß Dorothy.

Zweite Lektion: Der Regensturm

Es war in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts und schon sehr spät an diesem Abend. Die Zeiger der Uhr standen auf halbzwölf und es goss in Strömen. Eine ältere Frau afro-amerikanischer Abstammung stand am Straßenrand des Alabama Highways und hatte sichtliche Probleme mit dem tobenden Regensturm. Ihr Auto lag im Straßengraben und konnte nicht mehr weiterfahren. Sie selbst hatte es sehr eilig, war verzweifelt und bereits völlig durchnässt. So stand sie also am Straßenrand und versuchte das nächstbeste Auto anzuhalten, um den Fahrer um eine Mitfahrgelegenheit zu bitten. Die meisten Autos aber fuhren einfach weiter. Nur ein junger weißer Mann, dem die Rassenressentiments jener Zeit offenbar völlig egal waren, hielt an. Er kümmerte sich sofort um die alte Dame, gab ihr seine Jacke, packte sie in sein warmes Auto und brachte Sie zu einem Taxi, damit sie ihre Fahrt fortsetzen konnte. Die Frau war wirklich sehr in Eile, schrieb sich aber zumindest seine Adresse auf.

Es vergingen rund sieben Tage, als es bei dem jungen Mann überraschend an der Tür klopfte. Zu seiner Verwunderung trugen zwei Lieferanten ein riesiges TV-Board samt Fernseher in sein Wohnzimmer. Daran war ein kleiner Zettel befestigt, darauf stand: “Vielen herzlichen Dank, dass Sie mir neulich Nacht auf dem Highway geholfen haben. Der Regen hatte nicht nur meine Kleider durchweicht, sondern auch meinen Glauben. Doch dann kamen Sie! Dank Ihnen war ich in der Lage, meinem Mann noch rechtzeitig auf dem Sterbebett beizustehen, bevor er heimging. Gott segne Sie für Ihre selbstlose Tat.

Hochachtungsvoll
Mrs. Nat King Cole

Dritte Lektion: Das Trinkgeld

Zu jener Zeit, als Eiscreme noch ein paar Cents kostete, kam ein kleiner Junge, nicht viel älter als zehn Jahre, in einen Coffee Shop und setzte sich an einen Tisch. Nach einiger Zeit kam die Bedienung an seinen Tisch und brachte ihm ein Glas Gratis-Wasser (was damals ebenfalls noch üblich war). “Was kostet bei Ihnen ein Eiscreme Sundae?”, fragte der Junge. “25 Cent”, gab die Bedienung zurück. Der kleine Junge wühlte in seinen Taschen und kramte einige kleine Münzen hervor, die er nun sorgsam zählte. Er überlegte eine Weile, dann fragte er erneut: “Und wie viel kostet ein kleines Wassereis?” Inzwischen waren auch noch andere Gäste in den Coffee Shop gekommen und wurden allmählig ungeduldig. Entsprechend barscht antwortete die Kellnerin dem Jungen: “20 Cent! Willst du nun ein Wassereis?” Der Junge zählte wieder seine Münzen und bejahte die Frage schließlich. Die Kellnerin beeilte sich, brachte den Jungen das Eis und die Rechnung und verschwand für eine Weile. Der Junge aß sein Eis, legte seine ganzen Münzen auf den Tisch und ging.

Als die Kellnerin später seinen Tisch abräumen wollte, sah sie auf die Rechnung, die Münzen und fing an zu weinen. Auf dem Tisch lagen exakt 25 Cent. Der Junge hatte genau ausgerechnet, dass er auf den leckeren Eiscreme Sundae verzichten musste, um der Kellnerin ein Trinkgeld geben zu können.