Hoffnung Zuversicht Abwarten Geduld
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Das ist nicht einfach nur eine Redensart, ein Spruch oder eine durchaus wahre Lebensweisheit. Dahinter steckt mehr. Hoffnung und Zuversicht gehören zu einem heilsamen Schutzmechanismus unsere Psyche, kurz: Sie mobilisieren unsere Selbstheilungskräfte. Es gibt Studien (oft Placebo-Tests), die zeigen, dass Menschen mit Glauben und Hoffnung schneller genesen und ein besseres Immunsystem aufweisen. Sie finden auch nach einem Schicksalsschlag schneller zurück ins Leben (siehe auch: Resilienz). Aber - und das ist die Kehrseite - Hoffnung kann uns auch blockieren, ja sogar sabotieren...

Hoffnung: Geduld ist eine Frage der Perspektive

Es war ein perfider Versuch. Der Psychologie-Professor der Princeton Universität, Peter Ditto, beobachtete seine Probanden genau: Er hatte ihnen erzählt, dass sie Teilnehmer eines medizinischen Experiments seien, und man hätte einen neuen Weg gefunden, einen gefährlichen Enzymmangel nachzuweisen.

Dazu sollten die Probanden lediglich an einem Teststreifen lecken. Würde sich die Speichelprobe grün färben, hätten sie die gefährliche Krankheit.

Einer Kontrollgruppe erzählte er das genaue Gegenteil: grüner Streifen – kerngesund, andernfalls krank. Aber um die die Wahrheit zu sagen: Beide Geschichten waren eine fette Lüge. Der Teststreifen war ein ordinäres Stück Papier, das seine Farbe niemals verändert. Umso interessanter, was passierte.

Um das Experiment zu verstehen, muss man sich noch einmal kurz vor Augen führen, wie Dittos Geschichten aufgebaut waren:

  • Gruppe 1: grüne Verfärbung - du bist todkrank. Eine negative Diagnose.
  • Gruppe 2: grüne Verfärbung - du bist gesund. Eine positive Diagnose.

Und dann passierte das Erstaunliche: Diejenigen, die aus Gruppe 2 darauf hofften, der Streifen würde sich grün färben, warteten deutlich länger als die erste Gruppe. Sehr viel länger.

Hätte Ditto den Versuch nicht irgendwann abgebrochen, würden einige in Gruppe 2 sich vielleicht heute noch in Geduld üben und hoffnungsvoll warten...

Dittos Psychoexperiment zeigt zugleich, dass Menschen bereit sind, lange, sehr lange auf eine gute Nachricht zu warten - insbesondere dann, wenn sie die schlechte nicht akzeptieren wollen.

Das könnte auch ein Grund sein, warum so viele Menschen an ihrer Idee festhalten, obwohl die von der Zeit längst überholt wurde. Oder sich an ein Geschäftsmodell klammern, das offensichtlich nicht funktioniert. Warum Sie nach dem einen Pro-Argument suchen wie nach Edelsteinen in einem Bergstollen, obwohl es längst 100 Gegenargumente gibt.

Stattdessen denken sie: Irgendwann wird es klappen. Es muss. Das ist nur eine Phase - alles nur eine Frage der Zeit!

Ist es aber nicht. Die Zeit ist längst um.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Daraus lässt sich gleich zweierlei lernen:

  1. Erkenne die Zeit.

    An seien Erfolg zu glauben, Widerstände zu überwinden, ist eine gute Sache. Oft führt nur diese Beharrlichkeit zum Ziel und Erfolg. Es gibt aber auch einen Punkt, an dem man erkennen muss, dass dieses Festhalten geradewegs in den Untergang führt. Zugegeben, diesen Moment zu erkennen, ist schwer. Das Bewusstsein über den oben beschriebenen Effekt, erleichtert aber schon viel.

  2. Erkenne dich selbst.

    Weil wir nur die guten Nachrichten hören wollen, werden wir taub für die schlechten. Im Fachjargon wird dies auch selektive Wahrnehmung genannt. Ursprünglich eine Art Sicherheitsmechanismus unseres Gehirns, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und uns so vor dem Verrücktwerden zu schützen, führt dieser mitunter auch zur Selbsttäuschung. Die große Gefahr liegt darin, dass wir dabei immer nur unsere schon vorhandenen Urteile und Vorstellungen bestätigen und auch falsche Schlussfolgerungen nicht mehr überprüfen. Selbst neue Erfahrungen oder Erkenntnisse, die unseren Stereotypen widersprechen, versuchen wir solange zu interpretieren (oder zu bekämpfen), bis uns nicht länger stören, Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht.

Dittos Experiment ist eine Art Beweis dafür, dass die Hoffnung zwar zuletzt stirbt, die Erkenntnis aber meist schon lange davor umgebracht wurde.

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