Es ist ganz schön starker Tobak, den der Hirnforscher Manfred Spitzer in seiem Buch Digitale Demenz verbreitet: Die Hirnleistungsfähigkeit lasse rapide nach, weil uns Computer, Smartphones und Organizer die Denkarbeit abnähmen. Schlimmer noch: Weil das Gedächtnis nicht gefordert werde, stürben die unbenutzten Hirnzellen ab und die kognitive Leistungsfähigkeit verringere sich drastisch.
Gerade Jugendliche seien dabei extrem gefährdet: Weil sie siebeneinhalb Stunden täglich vor dem Computer säßen, verringere sich ihre Lernfähigkeit drastisch. Die Folgen seien Lese- und Aufmerksamkeitsstörungen, Ängste und Abstumpfung, Schlafstörungen, Depressionen, Übergewicht, Gewaltbereitschaft und sozialer Abstieg. Doch das ist, gelinde gesagt, nur heiße Luft.
Denn für Spitzer ist jede Computernutzung nur Berieselung, die die Menschen verdummt. Dass im Internet auch nach wertvollen Information gesucht, gelesen und gelernt wird, lässt der Grazer Psychologe nicht gelten. Surfen und Googlen statt überlegen und nachschlagen führt für ihn zu einer Verflachung des Wissens. Unbegrenzt verfügbare Informationen sind für ihn einfach nur Reizüberflutung. Dabei belegen verschiedene Studien das genaue Gegenteil.
Die Mär von der digitalen Demenz ist längst widerlegt
So zeigte etwa eine Studie im Auftrag des britischen Nominet Trust, dass das Internet auf die kognitive Leistung positive Auswirkungen hat: „Das Internet ist eine wertvolle Lern-Ressource, und jede Art von Lernen involviert Veränderungen im Gehirn. Manche technisch-basierten Formen von Training können das Gedächtnis verbessern, andere können mentale Stimulation bieten, die gegen langsamen kognitiven Abbau hilft”, sagt etwa Paul Howard-Jones, der Autor der Studie.
Allerdings nimmt die Merkfähigkeit – oder vielleicht auch nur Lernwilligkeit – der Internet-Nutzer ab. Die Psychologin Betsy Sparrow von der Columbia Universität will herausgefunden haben, dass die Probanden sich Lernstoff schlechter merkten, wenn sie wussten, dass sie ihn jederzeit wieder abrufen konnten. In einem weiteren Experiment konnte sie zeigen, dass Versuchsteilnehmer sich den Speicherort von Wissen besser merken konnten als den Lernstoff selbst.
Für den Forscher Nicholas Carr ist das ein Beweis dafür, dass sich das Gehirn flexibel an Umweltanforderungen anpasst: Da das Internet ein großer Auslagerungsspeicher sei, entlaste sich das Gehirn von den Merkaufgaben. Betsy Sparrow teilt diese Ansicht: Für sie wird dadurch sogar geistige Kapazität frei – etwa dafür, Wissen in Relation zu setzen und den Kontext von Informationen zu erkennen. Verdummung sieht irgendwie anders aus.
Die Medien sind nicht das Problem – allenfalls die Nutzer
Außerdem werden in der Debatte um die Schädlichkeit des Internets munter Ursache und Wirkung vertauscht: Zwar haben die Skeptiker recht, wenn sie Gesundheitsgefahren durch exzessives Surfen beschwören. Schließlich steigert jede sitzend verbrachte Stunde die Sterblichkeit um 11 Prozent, wie eine Studie des australischen Medizinprofessors David Dunstan zeigen konnte. Nur: Daran ist nicht das Internet schuld, sondern das exzessive Sitzen.
Außerdem ist das Internet nur ein Medium, ein Mittel zum Zweck: Welche Inhalte der Nutzer abruft, ob er sich dabei bildet oder sich nur berieseln lässt, liegt allein in seiner Verantwortung. Oder ist vielleicht der Supermarkt daran schuld, wenn sich die Menschen nur von Tiefkühlpizza und Dosenbier ernähren? Außerdem, ganz nebenbei: Wer bei der Arbeit entsprechend unter Stress steht, darf sich abends ruhig entspannen und unterhalten – pardon, berieseln – lassen. Eine Pflicht zu permanenter Bildung besteht nicht.
Womöglich ist die Debatte um die Gefahren des Internets aber auch nicht mehr als ein Generationenkonflikt. Auf der einen Seite stehen die Alten, die Arrivierten, die sich verwundert die Augen reiben, wenn Sie den Digital Natives bei ihrem Treiben zusehen und die dabei manchmal das klamme Gefühl beschleicht, einfach abgehängt zu werden. Denn auf der anderen Seite stehen die Digital Natives, die mit den Neuen Medien groß geworden sind, diese virtuos beherrschen – und damit die optimalen Voraussetzungen für die Arbeitswelt von morgen besitzen. Quasi nebenher schaffen sie so neue, eigene Lebenswelten, mit der die heute 50- bis 60-Jährigen teils nur wenig anfangen können.
Wie weit die Welten auseinanderklaffen, zeigt ein Blick auf die Art des Umgangs mit Information: Für die Generation Buch ist Lesen das einzig legitime Mittel zum Wissenserwerb. Außerdem geht Probieren über Studieren, wie einer der Sprüche sagt, denn nur eigene Erfahrung mache klug. Doch dieser Prozess braucht Zeit, viel Zeit.
Ganz anders die Digital Natives: Die US-Firma Rescue Time hat die Profile ihrer Nutzer ausgewertet und dabei herausgefunden, dass ein typischer Informationsarbeiter etwa 50 Mal am Tag seine Mails checkt. 77 Mal nutzt er ein Instant-Messaging-Programm für den schnellen Versand von Nachrichten, nebenher besucht er noch etwa 40 Webseiten. Dabei sortiert er das Wissen in Sekundenbruchteilen: Wichtiges wird gemerkt, Erfahrungen werden gesammelt – oder eher: gebookmarket. Der Rest verschwindet im digitalen Rauschen.
Natürlich ist dieses Lernen anders. Aber es ist nicht gefährlich.
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Wolfgang Messer
Prinzipiell richtig – ich bezweifle aber, dass es eine Generationen- oder Altersfrage ist. Zu den “Digital Natives” (zu denen ich mit 51 übrigens auch gehöre, weil’s in der Schule schon vor 35 Jahren Computerunterricht gab und ich später mit 21 am Linotype-Terminal mit DFÜ saß) kommen noch zahlreiche “Digital Immigrants”, die auch recht virtuos mit den Möglichkeiten der “neuen Medien” umgehen können.
In diesem Zusammenhang erscheint mir “Alter” nicht in Zahlen messbar, sondern eine Frage der geistigen Flexibilität. Ausführlicher habe ich das hier begründet.
muxmux
“Schließlich steigert jede sitzend verbrachte Stunde die Sterblichkeit um 11 Prozent, wie eine Studie des australischen Medizinprofessors David Dunstan zeigen konnte.”
Menschen sterben mit einer Wahrscheinlichkeit von 100%, nur zur Info.
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