Rein biochemisch betrachtet, sind am Schwitzen zunächst nur zwei Dinge interessant: Die Menge und die Zusammensetzung. Rund einen Liter Schweiß sondert der Körper an normalen Tagen ab. Dazu muss es weder heiß sein, noch muss man sich dafür groß anstrengen. Wer sich aber anstrengt, viel und regelmäßig schwitzt, wie Leistungssportler etwa, schafft natürlich mehr. Fußballprofis schwitzen bei einem Spiel auch schon mal bis zu fünf Liter aus.

Das meiste davon ist allerdings Wasser. Beim durchschnittlichen Schweiß machen die darin enthaltenen Mineralstoffe, Milch-, Harn- und Fettsäuren allenfalls ein Prozent aus – und selbst diese Zusammensetzung ist abhängig davon, wie viel und was man vorher trinkt und isst.

Zwischen zwei und fünf Millionen Schweißdrüsen verteilen sich über den gesamten menschlichen Körper, ausgenommen Lippen und Gehörgang. Die meisten davon sitzen an Handflächen und Fußsohlen. Wobei sich die Drüsen unter den Achseln, um den Bauchnabel und im Genitalbereich von den anderen unterscheiden: Sie sondern spezielle Duftsekrete, sogenannte Pheromone oder Sexualhormone ab, die darüber entscheiden, ob wir einen Menschen sprichwörtlich gut riechen können beziehungsweise, ob zwischen beiden die Chemie stimmt.

Das läuft jedoch meist unbewusst ab. Wesentlich auffälliger – und für die Betroffenen problematischer – ist das das übermäßige Transpirieren. Ein feuchter Händedruck, Teller große Schwitzmonde unter den Achseln, durchgeschwitzte, klatschnasse Hemden oder Blusen, Schweißfüße – all das wird von den meisten Kollegen und Geschäftspartnern als unangenehm und peinlich empfunden. Derlei Starkschwitzer stehen sofort unter dem Generalverdacht, unsicher, unbelastbar und obendrein ungepflegt zu sein. Für die Betroffenen kann das die Hölle sein: Entweder sie werden mit der Zeit gemieden oder isolieren sich ihrerseits aus Scham von sämtlichen sozialen Kontakten – nicht selten auch privat.

Solche unkontrollierbaren, übermäßigen Schweißausbrüche sind jedoch keinesfalls ein veritables Indiz für eine labile Persönlichkeit, sondern für eine chronische Fehlfunktion mit dem unspektakulären Namen Hyperhidrose. Schätzungen zufolge leiden in Deutschland rund zwei Prozent der Bevölkerung daran. Genau weiß das natürlich keiner, weil die Betroffenen meist nicht darüber sprechen. Oft beginnt ihr Leidensweg schon in der Pubertät und verstärkt sich über die Jahre: Stress ist dabei der häufigste Auslöser. Wobei die Sorge, jemandem eine feuchte Hand geben zu müssen, freilich noch mehr Stress auslöst, so dass sich der Effekt immer weiter verstärkt. Im Extrem reicht das Handschwitzen dann bis zu konstanter Tropfenbildung auf den Handflächen. Und das ist beim Händeschütteln natürlich beiden Seiten mehr als unangenehm.

Verlässliche Mittel gegen Hyperhidrose gibt es bisher nur wenige. Das Thema ist einfach zu wenig erforscht. Nicht wenige Menschen, die vermehrt am ganzen Körper transpirieren, wechseln einfach mehrfach am Tag ihre Kleidung oder kaufen ihre Klamotten doppelt, damit keiner das heimliche Umziehen im Büro bemerkt. Wer dagegen unter Hyperhidrose an Händen oder Füßen leidet, kann entweder die sogenannten Leitungswasser-Iontophorese anwenden. Dabei werden Hände und Füße täglich 10 bis 15 Minuten lang in ein Wasserbad getaucht und schwachen Gleichströmen ausgesetzt. Eine Besserung ist allerdings erst nach rund zehn Anwendungen bemerkbar und das Verfahren ist verhältnismäßig aufwendig sowie teuer: Die Geräte kosten rund 350 Euro.

Andere schwören indes auf eine Behandlung mit einer Aluminiumchlorid-Lösung. Die Aluminiumsalze dringen dabei in die Schweißkanäle ein und verstopfen die Drüsengänge, beziehungsweise sollen sie dauerhaft zurückbilden. Die Lösungen bekommt man in der Apotheke und je nach Anwendungsgebiet gibt es Rezepturen mit unterschiedlichen Aluminiumchlorid-Konzentrationen. Meist aber wird eine 20-prozentige Lösung verabreicht, die dann vor dem Schlafen auf die entsprechenden Körperstellen aufgetragen wird. Allerdings kommt es hierbei manchmal zu Nebenwirkungen wie Juckreiz und Hautirritationen. Dafür liegt die Erfolgsquote dieser Therapie angeblich bei 95 Prozent.

Wieder andere lassen sich Botulinumtoxin (auch Botox genannt) unter die Haut spritzen. Das wirkt zwar von Mensch zu Mensch verschieden bis zu einem halben Jahr, weil es die Schweißdrüsen tatsächlich lähmt. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass Botox eines der stärksten bekannten Gifte ist, die man sich da alle halbe Jahr injiziert. Außerdem ist es teuer: 400 Euro pro Behandlung sind keine Seltenheit.

Noch brachialer und endgültiger ist nur noch die sogenannte endoskopische transthorakale Sympathektomie (ETS). Hierbei werden unter Vollnarkose gezielt die für das Schwitzen verantwortlichen Nerven mittels Hochfrequenzstrom zerstört, durchtrennt oder abgeklemmt (Clipping). Die Risiken sind hoch: In einigen Fällen kommt es zum kompensatorischen Schwitzen (die Betroffen schwitzen dann zwar nicht mehr an den Händen, dafür aber vermehrt an Rücken oder Po), es kann zu taktilen Gefühlsstörungen oder gar zu Impotenz kommen und verschiedene Studien berichten von einer Rückfallquote von 60 bis 90 Prozent.

Was weniger hilft, sind laut Betroffenen (Forum 1, Forum 2) Entspannungstechniken, wie Meditation, der Verzicht auf Kaffee, Tee oder Nikotin sowie spezielle Medikamente und Tabletten, die zwar das Schwitzen etwas minimieren können, jedoch meist auch zu Schläfrigkeit und Mundtrockenheit führen.

So oder so: Für die Betroffenen bleibt das Problem eines, vor allem im Beruf. Das Wichtigste ist jedoch, das eigene Selbstbewusstsein zu erhalten und sich sozial auf keinen Fall zu isolieren. Auch wenn man jemandem eine feuchte Hand geben muss: Besser es ist ein feuchter und fester Händedruck als das unsichere Hineinlegen eines kalten, glitschigen Fisches.