Seinen Sieg, zumindest aber sein Ziel schon mal zu imaginieren, noch bevor man überhaupt gestartet ist, gilt in der Motivationsforschung als gute Sache. Das Ganze wirkt dann wie eine Art selbsterfüllende Prophezeiung: Man glaubt daran, dass man es schaffen wird, strengt sich mehr an, spürt die Vorfreude des Erfolgs. So wie ein Bergsteiger, der sich vor dem Aufstieg über die steile Nordwand schon mal den herrlichen Blick über die Täler vorstellt. Oder der Teenager, der darüber sinniert, wie er bald das Mädchen seiner Träume küssen wird.

Alles nicht verkehrt – aber womöglich doch nicht so gut, um eine wirkliche Herausforderung zu bewältigen, wie jetzt eine Studie der beiden Psychologinnen Heather Kappes von der New York Universität und Gabriele Oettingen von der Uni Hamburg andeutet. Um es kurz zu machen: Die Untersuchungen des Forscher-Duos deutet darauf hin, dass sich Menschen mit derart positiven Phantasien weniger anstrengen. Oder anders formuliert: Die Vorfreude bietet ihnen schon so viel Genuss, als hätten sie das Ziel bereits erreicht – mit dem Effekt, dass dann weniger Energie vorhanden ist, wenn sie tatsächlich zur Tat schreiten.

Insgesamt vier Studien waren der Erkenntnis vorausgegangen. Probanden wurden etwa gebeten, sich vorzustellen, wie sie einen einfachen Test bestehen. Anschließend berichteten sie darüber, dass sie im Test selbst weniger Energie hatten als zum Beispiel die Kontrollgruppe, die kritisch über die Prüfung nachdenken sollte. Eine andere Gruppe sollte sich schon mal ein erholsames, freies Wochenende zusammenphantasieren – und war danach weniger erholt, als jene Teilnehmer, die nur so ein wenig tagträumen durften.

Zugegeben, das alles klingt nicht recht nach Raketenwissenschaft. Es könnte aber ein Hinweis für die typische Aufschieberitis – auch Prokrastination genannt – sein. Wer sich regelmäßig vorstellt, wie er für das erfolgreich abgeschlossene Projekt den Bonus einstreicht oder die Klausur besteht, hängt sich in der Regel eben doch nicht mehr ganz so rein und macht lieber anderes. Motto: Alles wird gut.

Muss es aber nicht.