Ein paar meiner Leser wissen es: Diese Seite ist nicht mein erstes Blog. Ich bin im Internet schon eine gute Dekade unterwegs, habe schon ein gutes Dutzend Webseiten betrieben, darunter auch einige experimentelle Blogs, um die Soziologie des Internets ein wenig zu studieren. Und psst, ich war auch schon mal eine Frau. Natürlich nur virtuell und anonym, aber überzeugend. Ich könnte Ihnen dazu Geschichte erzählen… Was ich so erlebt habe! Mach ich aber nicht. Sorry. Nicht hier.
Was ich Ihnen stattdessen erzählen kann, ist eine Erfahrung, die ich beim Betreiben meines ersten Forums gemacht habe (und wie man sie in fast jedem Unternehmen ebenso machen kann): Nachdem sich die Kerngruppe etabliert hatte, kamen weiterhin neue Mitglieder hinzu. Natürlich wurden diese von den Administratoren herzlich empfangen. Das gehört sich ja auch so. Einige hörten erst einmal nur zu, andere diskutierten gleich mit (was durchaus erwünscht war) und wieder andere waren vom ersten Tag an sehr kritisch, Sie verstehen schon. Was dabei passierte, hat mich dennoch jedes Mal aufs Neue überrascht: Die Newcomer machten eine (kritische) Anmerkung – und wurden ignoriert. Ein paar Threads später tippte ein etabliertes Mitglied genau dasselbe ein – und wurde mit Lob und Kommentaren überhäuft.
Cyber-Mobbing? Ja und Nein. Ja, weil es ohne Frage grob unhöflich ist. Nein, weil Sie das in zahllosen Gruppen und Meetings genauso beobachten können: Schon die Hamburger Diplomsprecherin und Rhetoriktrainerin, Isabel García, hat mir dazu einmal eine ähnliche Geschichte aus ihren Seminaren erzählt:
„Ich habe immer wieder Teilnehmer, die klagen: Ich habe in dem Meeting etwas gesagt, aber niemand hat es gehört und niemand ist darauf eingegangen. Als dann zehn Minuten später ein Kollege genau dasselbe gesagt hat, meinten alle: Wow, geniale Idee!“
Das kann viele Gründe habe. Oftmals steckt dahinter aber ein Gruppenphänomen, dass bereits der Psychologie-Professor Matthew J. Hornsey von der Universität von Queensland beobachten konnte:
When criticizing their workplace (Experiment 1; N = 116), their profession (Experiment 2; N = 106), or an Internet community (Experiment 3; N = 189), newcomers aroused more resistance than old-timers, an effect that was mediated by perceptions of how attached critics were to their group identity. Experiment 3 also showed that newcomers could reduce resistance to their criticisms by distancing themselves from a group of which they were previously members.
Mit anderen Worten: Wer neu in einer Gruppe ist, sollte sich mit Kritik zunächst stark zurückhalten. Andernfalls schürt er nur die Ressentiments der Etablierten. Im Grunde ist es der wissenschaftliche Beleg für einen klassischen Rat, den alle Berufseinsteiger beherzigen sollten. Zuerst sollte man sich etablieren, erst dann kritisieren.
Spannend wäre natürlich jetzt, zu erfahren, was Sie schon so erlebt haben. Schließlich waren wir alle mal irgendwie irgendwo irgendwann der oder die Neue…







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Melanie Joos
Die Neue war ich natürlich schon. Und auch schon ohne diesen Rat halte ich mich zunächst immer erst einmal eine Weile zurück, bevor ich die erste Kritik oder Ratschläge äußere.
Allerdings frage ich mich auch gerade selbst, ob es Situationen gab, in denen ich es mit “Neueren” zu tun hatte, die Kritik äußerten und wie ich damit umging. Leider fällt sowas spontan nicht ein.
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Dani
Eine besonders interessante Variante sind Unternehmen, die gezielt Kritik von den Neulingen einholen um der Betriebsblindheit entgegenzuwirken. Auch wenn die Kritik also offiziell erwünscht war, traf sie auf mehr oder weniger taube Ohren (“Ja, schon, aber das ist halt so.”). Ein paar Monate später habe ich den selben Punkt noch einmal angesprochen und bekam ganz andere Reaktionen.
Anderes Beispiel unser neuester Azubi, der gleich am zweiten Tag feststellte, das IT System sei ja ziemlich veraltet. Sehen wir ja eigentlich auch alle so, trotzdem war die Reaktion der Kollegen: “Der hat ja eine ganz schön große Klappe!”
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