Identität
Ich bin Blogger. Ich bin Journalist, Autor, Ehemann, Vater, Volkswirt. Aber ist das schon authentisch?

Erst kürzlich habe ich über Selbst-PR geschrieben. Egomarketing ist ein deutlicher Trend, der nicht zuletzt durch die boomenden sozialen Netzwerke im Internet enormen Auftrieb bekommen hat. Der eigene Ruf, das virtuell designte Image wird für den Erfolg immer wichtiger und die Optimierung des Selbst, der Fassade zum wichtigen Karrierefaktor. Oft ist das, was dabei herauskommt, sogar perfekter als das Original. Aber was davon ist dann noch real? Und wie lange bleibt derjenige, der so handelt, selbst noch echt und wo beginnt die Verkaufe, der Bluff?


“Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm nur viel zu selten dazu. Du machst hier bald mit einem Bekanntschaft, den ich genauso wenig kenne wie du”, singen Udo Lindenberg und Jan Delay in ihrem Hit “Ganz anders”. Die erste Hälfte des Zitats stammt aber eigentlich von jemand ganz anderem, genauer von dem österreichisch-ungarischen Schriftsteller Ödön von Horváth und seinem Werk “Zur schönen Aussicht”. Hinter der Aussage steckt letztlich der Wunsch, sich selbst besser zu (er)kennen sowie die Sehnsucht nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Der Wunsch steckt in uns allen. Und je mehr das Egomarketing zunimmt, desto größer der Wunsch.

Entsprechend ist wohl kaum ein Begriff in den vergangenen Jahren so oft erwähnt, erwünscht und gefordert worden, wie der authentisch zu sein, insbesondere in Bezug auf Manager und Bewerber. Allein Google findet dazu rund 1,9 Millionen Einträge.

Doch was heißt das, authentisch zu sein? Tatsächlich empfinden viele ihr Gegenüber schon dann als glaubwürdig, wenn sich der- oder diejenige ihren eigenen Vorstellungen entspechend verhält. Menschen mit Ecken und Kanten dagegen sind latent verdächtig etwas im Schilde zu führen. So kommt es zu der grotesken Situation, dass am Ende diejenigen als besonders authentisch empfunden werden, die ihre Rolle lediglich überzeugend darstellen.

Nun ist unsere Persönlichkeit allerdings kein zementierter Zustand. Vielmehr verändern wir unsere Identität im Schnitt alle 20 Jahre, so jedenfalls das Ergebnis der Untersuchungen von Margaret King und Jamie O’Boyle. Danach liegen die typischen Anpassungsphasen in etwa zwischen 15-20, 35-40, 55-60 und über 75 Jahren. Der abgeschlossene, fertige Mensch ist also eine Illusion.

Die Sozialpsychologen Michael Kernis und Brian Goldman wiederum unterscheiden vier Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit man sich selbst als authentisch erlebt:

  1. Bewusstsein. Wir müssen unsere Stärken und Schwächen ebenso kennen wie unsere Gefühle und Motive, also warum wir uns so oder so verhalten. Erst durch diese Selbstreflektion sind wir in der Lage unser Handeln bewusst zu erleben und zu beeinflussen.
  2. Ehrlichkeit. Leider neigen wir Menschen dazu, uns schöner zu sehen als wir sind. Sogar sprichwörtlich. So gibt es einen amüsanten Versuch von Nicholas Epley und Erin Whitchurch mit Porträtfotos und durch Photoshop geschönten Varianten. Auf die Frage, welches der Fotos die Probanden selbst zeige, entschieden sie sich jedes Mal für das aufgehübschte Foto. Sollten sie hingegen die Porträts anderer Teilnehmer identifizieren, wählten sie ohne Probleme das unbehandelte, authentische Gesicht. Traurig, aber wahr: Wer authentisch sein will, muss der Realität ins Auge blicken und auch unangenehme Rückkopplungen – seien sie optisch oder verbal – akzeptieren.
  3. Konsequenz. Wer Werte hat, sollte danach handeln. Das gilt auch für einmal gesetzte Prioritäten oder für den Fall, dass man sich dadurch Nachteile einhandelt. Kaum etwas wirkt verlogener und unechter als ein Opportunist.
  4. Aufrichtigkeit. Natürlich lässt sich eine zeitlang ein geschöntes Bild aufrecht erhalten. Ein bisschen Show muss sein und so. Aber nicht wenn es um Authentizität geht. Wer wahrhaftig sein will, muss die Größe zeigen, auch seine negativen Seiten zu offenbaren.

Authentizität beginnt immer bei sich selbst. Wer versucht, Rollen zu entsprechen, ist vielleicht beliebt, aber auch opportun und unecht. Wer nach dem Authetischen sucht, der muss allerdings auch bereit sein, Menschen mit Ecken und Kanten zu finden. Menschen, die auch dann noch glaubwürdig sind, wenn sie sich verändern und weiterentwickeln. Oder gerade deswegen.