Erinnern Sie sich an König Krösus von Lydien? Über ihn gibt es eine schöne Legende, dernach er seinerzeit das Orakel von Delphi befragte, ob er gegen die Perser marschieren solle. „Wenn du das tust“, prophezeite das Orakel, „wirst du ein mächtiges Reich zerstören.“

Was für eine Nachricht! Krösus war begeistert, geradezu elektrisiert: Welches Reich könnte wohl mächtiger sein als das der Perser? Und das Orakel hatte ihm praktisch garantiert, dass Krösus siegreich aus der Schlacht hervor gehen würde. Ein fundamentaler Sieg, ein mächtiges feindliches Reich zerstört. Also zog Krösus hochmütig und siegesgewiss in den Kampf – und verlor.

In seinem Wunsch nach einem kolossalen Triumph über seine Feinde, hörte er nur das, was er hören wollte. Was er überhörte, wenn nicht gar ignorierte, war die Rückfrage, welches Reich das Orakel mit der Prophetie meinte. So besiegelte König Krösus seinen eigenen Untergang und zerstörte sein eigenes Reich Lydien.

Diese selektive Wahrnehmung basiert letztlich auf einer wesentlichen Stärke unseres Gehirns, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Er giert nach bekannten Mustern und ordnet neue Informationen diesen zu. Im Grunde ist diese Aufmerksamkeitsblindheit ein reiner Schutzmechanismus: Ohne ihn würden wir die Informationsfülle, die täglich auf uns einprasselt, gar nicht verarbeiten können und verrückt werden. In zahlreichen psychologischen Experimenten wurde diese visuelle Aufmerksamkeitsstörung bereits nachgewiesen, eines der bekanntesten stammt von dem US-Psychologen Dan Simons: In dem Film spielen zwei Teams Basketball, während jemand im Gorillakostüm durchs Bild läuft. Rund die Hälfte der Zuschauer nehmen das jedoch überhaupt nicht wahr – insbesondere, wenn man ihnen vorher sagt, sie sollten die geworfenen Körbe zählen.

Das Phänomen ist aber eben nicht nur ein visuelles, sondern auch ein kognitives. Ganz oft nehmen wir eben nur die Dinge wahr, auf die wir unsere Aufmerksamkeit richten. Nicht, dass wir heute noch regelmäßig Orakel befragen würden, bevor wir eine wichtige Entscheidung treffen. Aber wir fragen vielleicht die Familie, Freunde, Kollegen, uns selbst – und hören und sehen doch nur, was wir hören und sehen wollen. Bis uns Hören und Sehen vergeht. So können wir trotz guten Ratgebern letztlich die falschen Schlüsse ziehen und scheitern. Unsere (tendenziöse) Wahrnehmung entscheidet damit maßgeblich über die Qualität unserer Entscheidungen und Handlungen. Schon Sokrates stellte fest, dass wir bei unmittelbaren Beobachtungen die absolute Wahrheit ohnehin nicht zweifelsfrei erkennen können. Zumal wir dabei auch noch von unseren aktuellen Gefühlen beeinflusst werden.

Einen wirklich befriedigenden Ausweg (im Sinne von drei Bulletpoints) gibt es dazu leider nicht. Die einzige Chance, den Effekt abzumildern, besteht in möglichst kritischer Selbstreflexion und dem wiederholten Ratsuchen bei eben jenen Freunden und unabhängigen Dritten, verbunden mit genauem Zuhören und Nachfragen. Schließlich hätte womöglich eine einzige Frage in der Krösus-Parabel sein Schicksal verändert: Welches Reich meinst du?