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“Der Narzissmus ist die Leitneurose der Gegenwart, so wie es zu Zeiten Sigmund Freuds die Hysterie war. Narzissten bringen zwar viele Stärken mit: Engagement, Durchsetzungskraft, Belastbarkeit. Auf der anderen Seite der Waagschale jedoch befinden sich geringe Teamfähigkeit, Taubheit für Kritik und mangelnde Einfühlung in die Mitarbeiter.”
Gerhard Dammann, Schweizer Psychologe

15 Prozent. Mehr als ein Siebtel unserer Arbeitszeit wird von Spannungen, Zwist und Kalamitäten dominiert, so das Ergebnis einer Umfrage des Hernstein International Management Institute. Und gar nicht mal so selten ist der Urheber dieser Zwistigkeiten der eigene Boss. Bei einer Umfrage des Münchner Geva-Instituts gaben etwa 88 Prozent der Arbeitnehmer an, Probleme mit ihrem Vorgesetzten zu haben, jeder Fünfte gestand sogar, seinen Chef regelrecht zu hassen.

Folgt man anderen Studien zu dem Thema, wird deutlich: Es gibt einfach zu viele Narzissten auf der Chefetage. Dieser Typ Manager giert ständig nach Anerkennung und Aufmerksamkeit, gibt gerne vor, alles zu können, macht sich aber selbst nie die Hände schmutzig. Für ihn zählt nur der kurzfristige Erfolg, durch den er glänzen kann. Tatsächlich steckt hinter den Entscheidungen dieser Führungskräfte nur selten Substanz, sondern vielmehr der Wunsch kurzfristig ins Rampenlicht, die Schlagzeilen oder auf den nächst größeren Thron zu rücken. Der Führungsstil ist deshalb extrem erratisch – und zersetzt die Moral der Mitarbeiter.

Nur: Wie kommt das? Warum sind Narzissten so populär, obwohl sie keiner mag?

Wie Wissenschaftler neuerdings feststellen, besitzen Narzissten ganz oft eine Reihe hilfreicher Eigenschaften, wie Intelligenz, ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein (man könnte auch sagen: Ego), Grandezza, Eloquenz, natürliche Autorität, (Selbst)Fokussierung. Natürlich haben diese Eigenschaften auch negative Ausprägungen wie Arroganz, Anspruchsdenken oder die Fähigkeit zur Manipulation. Tatsache ist aber, dass sie den zweiten Teil meist gut zu verbergen wissen.

Delroy Paulhus etwa fand bei einem Experiment heraus, dass narzisstische Gruppenmitglieder bereits beim ersten Treffens von allen anderen als besonders offen, kompetent, gewissenhaft, kontaktfreudig oder unterhaltsam empfunden wurden. Allerdings kippte dies nach rund sieben Tagen ins Gegenteil.

Was war passiert?

Im Grunde nichts, bis auf den Fakt, dass den Teilnehmern erst allmählich dämmerte, dass die quirlig-sympathischen Narzissten gar nicht an ihnen persönlich, sondern nur an ihrer Aufmerksamkeit und der damit verbundenen Popularität in der Gruppe interessiert waren – ihrem Spezialgebiet eben.

Und so ist es denn auch: Narzissten sind Meister des ersten Eindrucks (der freilich auch mal länger dauern kann). Sie verstehen es, eine besonders charismatische Aura zu erzeugen und uns genau das zu geben, was wir bewundern (wollen): Attraktivität (Narzissten sind meist auch sehr eitel), Coolness, Charme, Humor, Wortgewandtheit und leichte Star-Allüren – die freilich zugleich suggerieren, ein Star zu sein. Als Resultat beklatschen oder befördern wir sie gar. Bis in die Chefetage.

Doch Geltungsdrang ist wie eine Droge, die ständig eine höhere Dosierung benötigt, um noch zu wirken. Entsprechend schlecht sind Narzissten darin, langfristige oder gar verlässliche Beziehungen aufzubauen. Sie benötigen ständig neue Fan-Kreise – oder wenn sie es schon recht weit gebracht haben: wechselnde Bewunderer und Bestätigungen, sei es durch wachsende Boni oder dankbare Betätigungsfelder mit viel Ruhm inside. Auch das könnte womöglich erklären, warum so viele Manager lieber kurzfristige Erfolge anstreben, statt auf nachhaltige Ergebnisse zu bauen. Oder gute Beziehungen zu ihrer Belegschaft.