Hochstapler-Syndrom-Impostor-Maske
Zweifel kennt jeder. Bei manchen Menschen aber sind diese Selbstzweifel derart ausgeprägt, dass sie sich selbst für Hochstapler halten - immer in der Angst, jemand könnte bemerken, dass sie von dem, was sie da machen, überhaupt keine Ahnung haben. Hochstapler-Syndrom beziehungsweise Impostor-Syndrom heißt das Phänomen in der Fachsprache und ist weiter verbreitet als viele denken. Sogar einige Prominente sind davon betroffen...

Impostor-Syndrom: Zweifel am eigenen Erfolg

Impostor-Syndrom-demaskierenAuf der Bühne nennt man das Lampenfieber, im Hörsaal Prüfungsangst und im Job Meeting – nur, dass bei Letzterem meist die Angst fehlt. In der Regel verschwindet diese genauso schnell wieder wie sie aufgetaucht ist, sobald die Konferenz startet.

Es gibt aber Menschen, die selbst nach einer überstandenen Klausur oder gelungenen Präsentation unfähig sind, an ihre eigene Leistung zu glauben. Vielmehr sind sie davon überzeugt, ihre Erfolge durch Charme, durch Beziehungen oder durch Glück erreicht zu haben, nicht aber durch ihre eigenen Fähigkeiten. Sie halten sich – völlig zu Unrecht – für Betrüger und fürchten, ihr vermeintlicher Bluff könnte schon bald auffliegen.

Entsprechend wurde das psychologisch Phänomen unter dem Begriff Impostor-Syndrom (vom Englischen Wort für "Betrüger") bekannt. 1978 tauchte der Begriff zum ersten Mal in der Literatur auf, entdeckt hatten den Psychoeffekt die Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes.

Impostor suchen meist noch das Haar in der Suppe, während andere schon beim Nachtisch sind. Es ist wie bei einem Experten, der von seinem Kollegen um Rat gebeten wird. Schon während seiner Analyse oder Empfehlung denkt er:

  • "Es gibt garantiert eine bessere Antwort." Oder:
  • "Wahrscheinlich wird er gleich merken, dass ich keine Ahnung habe!"

Entsprechend leben solche Menschen in ständiger Sorge vor Enttarnung und Bloßstellung. Allerdings wohlgemerkt: nur eingebildet. Sie können tatsächlich was.

Promis mit Hochstapler-Syndrom

Was kaum einer ahnt: Das Impostor-Syndrom ist weit verbreitet. Nicht wenige Promis, Schauspielerinnen vor allem leiden darunter:

  • Die US-Schauspielerin Jennifer Aniston aus der TV-Serie Friends gestand einmal der amerikanischen Vogue: "In der Nacht vor einem Fotoshooting denke ich oft: Warum solltest ausgerechnet du in einem Magazin zu sehen sein? Ich bekomme dann regelrecht Panik."
  • Emma Watson, die Darstellering der Hermine Granger aus Harry Potter wiederum bekannte einmal: "Es fühlt sich für mich so an, als ob jeden Moment jemand herausfinden könnte, dass ich eine totale Betrügerin bin und das, was ich bisher erreicht habe, gar nicht verdiene."
  • Ebenso Jodie Foster, die Oskar-prämierte Schauspielerin zählt seit Blockbustern wie Das Schweigen der Lämmer, Contact oder Panic Room inzwischen zu den bestbezahlten Schauspielerinnen in Hollywood, gibt selbst zu: "Ich fühle mich immer wie eine Hochstaplerin. Ich habe keine Ahnung von dem, was ich mache. Vielleicht ist dies das Geheimnis meines Erfolgs."

Hochstapler-Syndrom: Frauen sind stärker betroffen als Männer

Die Häufung von Schauspielerinnen in der obigen Liste ist kein Zufall. Interessanterweise sind vom Hochstapler-Syndrom insgesamt mehr Frauen als Männer betroffen sowie Menschen, die tatsächlich überdurchschnittliche Leistungen erbringen - zum Beispiel als Fachkraft oder im Top-Management.

"Manche Manager sind nach einer gewissen Zeit an der Unternehmensspitze derart verunsichert und desillusioniert, dass sie unbewusst das Desaster suchen", stellte zum Beispiel der niederländische Psychoanalytiker und Management-Professor Manfred Kets de Vries Anfang 2008 in einem Interview im Manager Magazin fest. Die Betroffenen "riskieren einen Skandal, sie kaufen Firmen ohne vernünftige Prüfung der Bilanz, sie fordern das Schicksal heraus."

Birgit Spinath, Professorin für Pädagogische Psychologie an der Universität Heidelberg, ist eine der wenigen Forscherinnen in Deutschland, die sich intensiv mit dem Impostor-Phänomen auseinander gesetzt haben. Sie ist heute davon überzeugt, dass die Betroffenen nur schwer von alleine wieder aus dem damit verbundenen inneren Kreislauf herausfinden.

Weil sie fest glauben, die geforderten Fähigkeiten nicht zu besitzen, bereiten sie sich zwar besonders intensiv auf ihre Herausforderung vor. Falls sie den Test dann aber trotzdem nicht bestehen, fühlen sie sich in ihrer Hochstapelei nur noch mehr bestätigt – und falls sie brillieren, war es eben erschummelt oder allein Folge der Vorbereitung und nicht des eigenen Könnens.

Hochstapler-Syndrom: Ursachen und Gegenmaßnahmen

Auslöser für das Hochstapler-Syndrom ist nicht selten die Suche nach Perfektion, wenn sich die Betroffenen selber zu hohe Ziele setzen. Zwar können Kompromisslosigkeit und der Wille, immer der Beste sein zu wollen, enorm motivieren. Häufiger aber führt diese Haltung in eine Abwärtsspirale: Egal, was man erreicht, es reicht nicht.

Viele Wissenschaftler sind allerdings auch davon überzeugt, dass hinter dem Syndrom häufig negative Kindheitserfahrungen stecken. Diese Menschen haben zum Beispiel im Elternhaus gelernt, dass sie nur geliebt werden, wenn sie permanent bestimmte Leistungen erzielen. Entsprechend schwach ist ihr Selbstvertrauen ausgeprägt.

Typisch für Impostor sind allerdings auch diese drei Wahrnehmungsfehler:

  • Eine überdimensionierte Vorstellung von Kompetenz.
  • Eine komplexe Meinung zu Erfolg.
  • Eine große Furcht vor negativer Kritik.

In schweren Fällen kann sich das Impostor-Syndrom selbst verstärken und in Essstörungen oder Depressionen münden. Solche starken Prägungen lassen sich in der Regel nur mit Hilfe eines Experten aufarbeiten.

Darüber hinaus aber empfehlen Psychologen folgende Gegenmaßnahmen:

  • Anforderungen korrigieren

    Entwickeln Sie ein besseres Verhältnis zu Fehlern und stellen Sie vor allem realistischere Anforderungen an sich selbst. Nobody is perfect. Und Zweifel kennt jeder.

  • Tagebuch schreiben

    Führen Sie ein Tagebuch, in dem Sie sich notieren, was Sie bereits geschafft haben. Ziel ist, dass Sie sich vor Augen halten, dass Sie Erfolge wiederholen können – und damit grundsätzlich das Talent dazu besitzen.

  • Fakten finden

    Unterscheiden Sie genau zwischen Gefühlen und Fakten. Wir alle fühlen uns mal unfähig oder dumm. Aber nur weil man sich so fühlt, heißt das nicht, dass es auch der Wahrheit entspricht.

  • Lob annehmen

    Es gibt wohl kaum jemanden, den ein Kompliment nicht verunsichert oder beschämt. Gerade Frauen neigen dazu, ein Kompliment oder Lob zu relativieren: "Ach, das war doch nichts...". Spätestens nach dem dritten Mal, wird allerdings auch der Chef oder Kollege dieser Meinung sein und nichts mehr sagen - war ja nix. So erstickt die Unsicherheit künftige Komplimente schon im Keim. Und Sie machen sich damit sogar selber klein. Nehmen Sie Komplimente also an, als das, was sie sind: Die Anerkennung Ihrer tatsächlichen Leistung.

  • Erfolg visualisieren

    Machen Sie das, was alle professionellen Sportler auch tun: Visualisieren Sie Ihren Erfolg vorab. Stellen Sie sich vor, wie Sie die Präsentation halten und die Leute dazu hinterher applaudieren. Imaginieren Sie, wie Sie im Bewerbungsgespräch auf alle Fragen eine kluge Antwort wissen. Und dass Sie die genau richtige Person für diesen Job sind – weil Sie ihn können und kompetent genug sind.

  • Hilfe suchen

    Durchbrechen Sie die Schweigemauer und sprechen Sie mit Freunden über Ihre Angst und Scham. Sich Hilfe zu suchen, ist keine Schande. Allein schon der eingebildeten Schwindelei einen Namen zu geben, kann nützlich sein, sich davon zu befreien.

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Der Artikel besteht aus Auszügen aus dem Bestseller "Ich denke, also spinn ich". Es ist das dritte Buch von Jochen Mai, das er zusammen mit seinem Kollegen Daniel Rettig geschrieben hat.

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