Der Mensch liebt es, zu planen. Unablässig sind wir damit beschäftigt, Konzepte zu machen, Entwürfe zu entwickeln, Weichen zu stellen: fürs Wochenende, für den Urlaub, für die Karriere. Doch wie sagte John Lennon einst so schön: Life is what happens while you are busy making other plans. Der allumfassende Masterplan - er scheitert nur allzu gern an der Realität. Unverhofft kommt eben oft und anders als man denkt. Umso schwerer wiegt daher eine Erfolgseigenschaft, die gerne übersehen wird: Improvisationstalent. Es ist die Kunst, entspannt mit unvorhergesehenen Veränderungen umzugehen und zu retten, was scheinbar gerade gewaltig schief läuft. Die gute Nachricht: Es lässt sich durchaus lernen, sich im Leben und im Job durchzuwursteln...

Improvisationstalent Durchwursteln Spontan Alternativen

Der Umgang mit Veränderungen

Erinnern Sie sich noch: Völlig unerwartet fiel eines der Tore im Champions-League-Halbfinale 1998 zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund um. Ganze 76 Minuten dauerte es, bis ein neues Tor aufgestellt wurde und das Spiel angepfiffen werden konnte.

Marcel Reif und Günther Jauch standen damals vor der Aufgabe, die schier endlose Zeit bis zum Anpfiff zu überbrücken. Es konnte weder auf eine andere Sendung umgeschaltet, noch Werbung eingeblendet werden - schon gar keine 76 Minuten lang. Es hätte ja jede Minute weitergehen können.

Im ersten Moment war Reif völlig überfordert mit der Situation. In einem Interview mit der Welt sagte Reif später: "Ich wollte tatsächlich nicht zur Kenntnis nehmen, dass hier etwas nicht stimmt und dachte, dass jeden Moment ein neues Tor eingehängt wird und es schnell losgeht."

Die rettende Idee hatte Günther Jauch: Er begann einfach das Geschehen rund um die Auswechselung des Tores zu kommentieren. Mit lustigen Kommentaren wie: "Für alle die, die nicht rechtzeitig eingeschaltet haben, [...] das erste Tor ist schon gefallen", hielt er das Publikum bei der Stange. Letztendlich schalteten mehr Zuschauer ein, um den Kommentaren der beiden zu lauschen, als sich das Spiel anzusehen.

Improvisationstalent eben.

An diesem Beispiel lässt sich zugleich gut erkennen, dass es zwei Arten gibt, mit Veränderungen umzugehen:

  1. Man sträubt sich gegen die Veränderung. Am ursprünglichen Plan wird - komme was wolle - festgehalten. Zugegeben, manchmal können sich solche Terrierqualitäten auszahlen. Oft aber offenbart sich dadurch auch die geistige Flexibilität einer Betonschwelle.
  2. Man akzeptiert die Veränderung. Blitzschnell wird der Plan, den man hatte, verworfen und angepasst. Kurz: Man analysiert, agiert intuitiv - und improvisiert.

Jauch entschied sich zu improvisieren und hatte damit großen Erfolg.

Was uns davon abhält, zu improvisieren

Der Mensch bewegt sich am liebsten auf gewohnten Pfaden. Das Kontrollbedürfnis ist uns eingeimpft - es wiegt uns in Sicherheit und minimiert (scheinbare) Risiken, von denen das Leben voll genug ist. Was einmal geklappt hat, funktioniert bestimmt auch wieder.

Dahinter steckt häufig aber auch die Angst, etwas falsch zu machen und sich vor anderen zu blamieren. Deswegen wird alles geplant und so vorhersehbar wie möglich gemacht. Es steckt ja schon im Wort selbst: die Kontrolle behalten - bloß nicht abgeben, loslassen, verlieren.

Dabei verfolgt Improvisation das genau gegenteilige bis widersprüchliche Konzept: Loslassen, um die Kontrolle zu gewinnen. Und genau das fällt vielen schwer.

Die Kunst der Improvisation

Ursprünglich stammt das Wort improvisieren vom lateinischen Begriff "improvisus" ab, was mit "unvorhergesehen" übersetzt werden kann. Zu improvisieren bedeutet also, mit etwas Unvorhersehbarem ohne Vorbereitung und aus dem Stegreif konstruktiv umzugehen. Womöglich gar das Beste daraus zu machen.

Ein solches Vorgehen hat in unseren Breitengraden allerdings kein gutes Image: zu unvorbereitet, zu planlos, zu spontan wirkt es. Eben so gar nicht ausgeklügelt, durchdacht und smart. Das wiederum steckt im Synonym des Durchwurstelns. Das klingt schon nach durchmogeln, schummeln und mehr Schein als sein.

Improvisation steht nicht selten mit der Inkompetenz auf einer Stufe.

Doch das Gegenteil ist der Fall: Nur wer Vieles kann (also sehr kompetent ist), schnell und flexibel ist und genauso Entscheidungen trifft, der kann auch improvisieren.

Nur wer sich auf sein Publikum gut vorbereitet hat und seine Themen aus dem Effeff beherrscht, dem ist es auch möglich, einen Spontanvortrag zu halten, wenn die Technik ausfällt oder die Workshop-Teilnehmer zunächst etwas ganz anderes klären müssen.

Damit ist Improvisation zugleich eine wichtige Fähigkeit zur Problemlösung.

Man könnte auch sagen: Wer Improvisationstalent besitzt, ist in der Lage, mit den Mitteln, die ihm oder ihr gerade zur Verfügung stehen, ad-hoc eine Lösung zu erarbeiten. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass einen diese Fähigkeit im Beruf weit bringen kann...

Wie funktioniert Improvisation

Tatsächlich gibt es einige Methoden und Techniken, die die spontane Problemlösungskompetenz schulen helfen. Diese sind häufig aus dem Improvisationstheater entlehnt. Bei dieser Form des Theaters werden Szenen gespielt, die vorher nicht einstudiert wurden. Das Publikum macht Vorschläge, in dem es Orte oder Personen in den Saal ruft - und die Schauspieler reagieren darauf.

Bei einer Bühnen-Improvisation gibt es allerdings drei Regeln:

  1. Zuhören und präsent sein.

    Man muss seine Gedanken auf den Moment fokussieren und auf sein Gegenüber achten. Ansonsten ist man nicht in der Lage zu reagieren.

  2. Alles ist ein Angebot.

    Der Partner bietet einem eine Situation an und diese wird nun weitergesponnen. Man wirft sich praktisch einen Spielball hin und her. Alles dreht sich um positive Kommunikation. Diese Haltung wird auch als "Yes and"-Technik bezeichnet.

  3. Den Partner gut dastehen lassen.

    Das ist wohl einer der schönsten Aspekte an der Improvisation: Man steht einander bei und rettet den jeweils anderen, wenn der beispielsweise den Faden verliert. So bewahren sich alle Beteiligten gegenseitig vor der Blamage.

Wie Sie die Prinzipien der Improvisation im Job integrieren

Im Grunde ist Improvisation nicht eine einzige Fähigkeit, sondern besteht aus verschiedenen Komponenten:

  • Die Fähigkeit, zuzuhören

    Bei einer Improvisation im Theater reagieren die Schauspieler auf das, was die anderen sagen oder machen. Dafür muss man aufmerksam und konzentriert zuhören (und zuschauen). Nur so bleibt man in der Lage, die Situation zu verstehen und zu reagieren.

    So trainieren Sie Ihr Improvisationstalent: Konzentrieren Sie sich bei der nächsten Gelegenheit ganz auf die Situation und hören Sie (zunächst) genau zu. Lassen Sie nicht zu, dass Ihre Gedanken abschweifen oder flüchten, weil die Kontrolle versagt. Nehmen Sie Randaspekte wahr, Details - und versuchen Sie, daraus etwas zu spinnen.


  • Die Fähigkeit, im Team zu arbeiten

    Bei einer Improvisation interagieren die Schauspieler miteinander und mit dem Publikum. Sie sind ein Team und bilden eine Einheit. Passiert dem einen ein Fehler, fängt ihn der andere auf.

    So trainieren Sie Ihr Improvisationstalent: Wer beispielsweise seine Kollegen als Mitspieler begreift, stellt diese bei Fehlern nicht bloß, sondern eilt ihnen zur Hilfe und unterstützt sie. Nehmen Sie sich vor, den Kollegen das nächste Mal zu unterstützen, wenn ihm beispielsweise die Worte fehlen oder jemand im Vortag einen blöden Kommentar abgibt. Spielen Sie mit Ihrem Kollegen zusammen.


  • Die Fähigkeit, Gelegenheiten zu erkennen

    Wenn Sie improvisieren, müssen Sie aus dem, was Ihnen gerade zur Verfügung steht, etwas machen. Sie weiten Ihren Blick für alles, was Ihnen in dieser Situation behilflich sein kann.

    So trainieren Sie Ihr Improvisationstalent: Betrachten Sie die nächste schwierige Situation nicht gleich als Sackgasse. Lehnt Ihr Chef etwa eine Gehaltserhöhung ab mit den Worten: "Im Moment ist das nicht drin" - steckt darin auch eine Chance: Fragen Sie ihn, wann denn ein besserer Zeitpunkt wäre, um darüber zu sprechen. Oder Sie verhandelt sogleich mögliche Alternativen - mehr Urlaub, Überstundenausgleich, Boni, ...


  • Die Fähigkeit, Fehler zu akzeptieren

    Beim Improvisieren gibt es keine Fehler. Was viele Menschen im Job aufhält, ist die Angst, Fehler zu machen. Und der Wunsch, immer die beste Lösung zu finden. Bei dem Streben nach Perfektion verrennen sich allerdings auch viele. Es geht gar nicht darum, fehlerfrei zu sein, sondern mit diesen richtig umzugehen, daraus zu lernen und die Lösung anzupassen.

    So trainieren Sie Ihr Improvisationstalent: Notieren Sie sich, welche Fehler Sie an Ihnen oder auch an Ihren Kollegen besonders nerven. Fragen Sie sich warum. Nehmen Sie sich vor, das nächste Mal, wenn dieser Fehler auftritt, anders als gewohnt darauf zu reagieren. Ärgern Sie sich nicht darüber. Sehen Sie es lieber gelassen und konzertieren Sie sich auf das, was Sie daraus lernen können.


  • Die Fähigkeit, sich auf seine Intuition zu verlassen

    Wir entscheiden und reagieren oft spontan und aus dem Bauch heraus. Diese Entscheidungen basieren nicht auf einem bewussten Verarbeitungsprozess, sondern aus einem Impuls, einem Gefühl heraus. Und das kann zuweilen besser beurteilen als unser Verstand. In Momenten, in denen wir improvisieren, wird Wissen, dass in uns schlummert, aktiviert. Dieses Wissen besteht überwiegend aus Erfahrungen. Leider kann unser bewusster Verstand nicht immer darauf zugreifen - unser Unterbewusstsein aber schon. Bei spontanen Reaktionen passiert das ganz von selbst. Mehr noch: Die Erkenntnis, sich in scheinbar ausweglosen Situationen auf sein Unterbewusstsein verlassen und eine Lösung finden zu können, steigert das Selbstbewusstsein enorm.

    So trainieren Sie Ihr Improvisationstalent: Je konsequenter wir unser Bauchgefühl trainieren, desto zuverlässiger berät es uns. Besonders beim Sport können Sie Ihre Intuition schulen: Spieltaktik, Angriff oder Verteidigung - all das entscheiden wir meist aus dem Bauch heraus. Wer aber lernt, das bewusst einzusetzen, wird häufiger richtige Entscheidungen treffen und zugleich mehr improvisieren können.

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