Never talk to journalists sagt man sich schon mal unter meinesgleichen. Denn am Ende machen die Pressefuzzis aus allem Gesagten ja doch nur, was sie wollen.

So verallgemeinert stimmt das natürlich nicht, es ist aber auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Ich bin auch schon ein paar Kollegen begegnet, die Zitate solange frisieren oder interpretieren, bis sie mehr zu ihrer Geschichte und deren Zweck passen als zum Original. Das kommt vor, Freunde. Ich will da ganz ehrlich sein.

Deshalb dachte ich auch, mir könne so was nicht passieren. Ich sagte mir, du weißt, wie die Journalisten ticken, und wenn du deine Antworten nur kurz und präzise genug wählst, dann bietest du wenig Interpretationsfläche. Vor allem, wenn du wenig sagst. Ein Wort ist sehr wenig. Eine sehr präzise Antwort in der Regel, da gibt es nicht viel misszuverstehen, dachte ich. Das war vielleicht etwas vorschnell. Vor allem war es Bullshit.

Vor ein paar Tagen habe ich dem Wirtschaftsjournalist, einem Fachblatt von meinesgleichen für meinesgleiche, ein Interview gegeben. Eigentlich war es kein richtiges Interview, eher ein Fragebogen, den ich ausfüllen sollte. Da wird man in der Regel so Sachen gefragt wie: Was ist Ihr persönlicher Rekord im Achterbahnfahren? oder Woran merkt man, dass eine Idee gut ist? oder Können Sie manchmal einfach an nichts denken? Ich habe mir gedacht, zu solchen Fragen kannst du gefahrlos deinen Senf dazu geben. Dabei kann wenig schief gehen. Ich bekam dann unter anderem diese Frage gestellt und antwortete darauf so:

Dazu muss man wissen, ich duze meinen Chef nicht. Da bin ich ganz alte Schule. Der Ältere bietet dem Jüngeren das Du an, sonst wird gesiezt. Insofern kann man die Antwort als minimalinvasiven Anflug von Rebellion verstehen, als aufblitzende Chuzpe, eine tollkühne Annäherung und unverschämte Vertrautheitsantäuschung. Ich fand das frech, aber nicht zu frech; mutig, aber nicht übermütig. Jawoll, Baby, man muss auch mal was wagen! Ich schickte den ausgefüllten Fragebogen also so zurück und lehnte mich zufrieden in meinen Stuhl.

Heute bekam ich dann den Newsletter des Wirtschaftsjournalisten zugemailt. In dem wurde angekündigt, was die treuen Abonnenten der Fachzeitschrift in der nächsten Ausgabe Überraschendes von mir würden lesen können. Ich dachte, ich traue meinen Augen nicht. In großen Lettern steht dort:

Nichts von Chuzpe, Rebellion oder Kühnheit. Meinen Moment des Mutes hat die Redaktion zum brennenden Verlangen umgemünzt, zum Bedürfnis nach einem bislang unerfüllten Gunstbeweis. Das also ist der Stoff, der sich verkauft: Ressortleiter, Blogger, Twitter-Sünder, will seinen Boss endlich duzen. Ich rief in der Redaktion an, weil ich wissen wollte, wie denn aus dem einen mal Du-sagen meine größte Sehnsucht werden konnte. Ich habe das vielleicht ein wenig emotionaler rübergebracht. Aber im Kern war es das, was ich fragen wollte. Das täte ihm jetzt furchtbar leid, sagte Markus Wiegand, der Chefredakteur. Aber das sei auch irgendwie ganz klar eine typische Zuspitzung – Drama, Drama, Drama, Sie verstehen – und Ironie, die die geschätzten Kollegen sicher sofort als solche erkennen würden.

Ich bin mir da nicht so sicher. Zuweilen werden ja schon Einwortsätze nicht verstanden, in denen nur ein Hauch Ironie steckt. Was ich aber eigentlich sagen wollte: Never talk to journalists!