Unser Geist hungert nach Abwechslung. Nach Reizen. Ständig wollen wir etwas Neues lernen, etwas Neues sehen, hören, spüren, schmecken, riechen, erfahren. Die gute Nachricht ist: Das Internet ist voll davon. Es ist ein nie abreißender Strom aus Informationen, E-Mails, Tweets, Bildern, Status updates und Videos von Firmenmotto steppenden Babys oder Klavier spielenden Katzen. Toll.
Die schlechte Nachricht: Eine wachsende Zahl von Wissenschaftlern mutmaßt, das alles könnte uns und unserem Gehirn weniger gut tun, als wir meinen. Es ist vielleicht am ehesten vergleichbar mit salzigen Snacks: Einmal die Tüte angefangen, können wir nicht mehr aufhören, bis der Knabberkram weggemampft ist. Doch wenn wir das jeden Tag, jeden Abend machen, geht es uns hernach nicht besser, sondern wir werden fett.
Ein anderes Beispiel: Was würde wohl jemand tun, wenn draußen vor seinem Fenster plötzlich ein Bautrupp anrückt und mit Presslufthämmern und anderem schweren Gerät die Straße vor dem Büro aufreißt? Klar, das Fenster schließen, den Lärm aussperren! Beim Internet und unseren Smartphones aber machen wir es genau umgekehrt: Egal, wie sehr es um uns herum bereits lärmt, bimmelt und piept – wir öffnen noch ein paar Bildschirmfenster und Apps mehr – und wundern uns über den zunehmenden Verdruss, Stress und Konzentrationsmangel.
Das Internet ist per Konstrukt ein Unterbrechungssystem. Egal, wie sehr man sich auch anstrengt, dessen Störungen beharrlich auszublenden, am Ende beschlagnahmt es doch immer wieder unsere Aufmerksamkeit. Darunter leidet nicht nur das Lernen, sondern auch unser Verstand. Statt unser Wissen zu einem sprichwörtlichen Erfahrungsschatz zu kultivieren, degenerieren wir zurück zu reinen Jägern und Sammlern im Datendickicht. Und das kann nicht einmal im Interesse der Unternehmen sein, die per Diensthandy und Online-Tools ein Überallbüro propagieren.
Clifford Nass und Anthony Wagner von der Stanford-Universität fanden kürzlich heraus, dass Menschen, die chronisch multitasken, bald so etwas wie eine dramatische Fokussierungsschwäche erleiden: Zuerst können sie kaum noch Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden, danach verlieren sie die Fähigkeit, schnell zwischen simultanen Aufgaben zu wechseln – obwohl ausgerechnet das ihre Stärke sein sollte. Man könnte auch sagen: Chronische Mediennutzer werden anfälliger für Ablenkungen und bekommen irgendwann Probleme damit, diese zu ignorieren, beziehungsweise sich selbst zu kontrollieren und zu konzentrieren. Und nicht wenige tragen final die Züge einer veritablen Zwangsneurose.
Auch mir begegnen immer öfter Menschen, Hardcore-Internet-Nutzer, die darüber klagen, sich immer seltener lange Zeit auf ein Buch zu konzentrieren oder auf ein längeres Gespräch. Sie brauchen zwischendurch die anderen Reize, einen kurzen Kick aus dem Web. Doch was dabei am Ende herauskommt, ist doch nur Kopf.www.
Seien wir ehrlich: Vieles von diesem Verhalten trägt die Züge einer veritablen Sucht. Instinktiv spüren wir, dass uns das auf Dauer nicht gut tut, und doch hungern wir nur wieder nach unserem nächsten Schuss, dem nächsten Foursquare-Check-In, dem nächsten Tweet, den wir absetzen, einem Schnappschuss, den wir hochladen oder angucken können. Fragen Sie sich mal: Wie viel Zeit verbringen Sie zusammengerechnet tatsächlich den ganzen Tag über im Internet? Drei Stunden, vier, fünf, zehn? Das läppert sich…
Und um sich selbst zu schützen, sein Gehirn und Geist, aber auch die Fähigkeit, sich auf etwas konzentrieren zu können, hilft nur eines: wenigstens temporär abschalten.
Ich bin davon überzeugt: So wie es in der Dialektik unserer Existenz das Böse geben muss, damit sich das Gute manifestieren kann, braucht es auch in unserer technisch hoch vernetzten Welt wieder ein totales Offline, damit das Online weiterhin Nutzen stiften kann. Die Osterfeiertage mit diesem phantastischen Wetter da draußen sind übrigens eine perfekte Gelegenheit dazu…






