Für viele Studiengänge existieren in den Köpfen klar vorgezeichnete Berufswege: Juristen wechseln in die öffentliche Verwaltung, Naturwissenschaftler bleiben in der Forschung, Ingenieure gehen in die Industrie… Es ist sicher nicht falsch, diese Wege einzuschlagen, offensichtlich versprechen sie ja Erfolg. Was aber, wenn der Arbeitsmarkt nicht alle Absolventen aufnehmen kann oder die Berufseinsteiger keine Lust auf diese ausgetretenen Pfade haben? Dann heißt es: umdenken, variieren, improvisieren – und quereinsteigen.

Die Suche nach beruflichen Alternativen scheitert oft schon an der Frage, was mit dem eigenen Abschluss überhaupt machbar ist: Schließlich nutzt der beste Master oder Bachelor, das tollste Staatsexamen nichts, wenn der Titel nicht die Kenntnisse bescheinigt, die anderswo gefragt sind. Die Konsequenz ist leider allzu oft ein Rückzieher, obwohl auf dem Standard-Weg kaum Erfolgsaussichten bestehen und sie ihm vielleicht auch gar nicht folgen wollen. Das Ergebnis ist dann: Schöner Scheitern – bestenfalls.

Grundlagen schaffen

Es geht aber auch anders. Nur: dieser Weg ist mühevoller. Um realistische Perspektiven entwickeln zu können, müssen Sie sich mit den Möglichkeiten auseinandersetzen, die der Arbeitsmarkt bietet. Was ist überhaupt gefragt? Wie können Sie sich das aneignen, was Sie nicht sowieso schon können? Und viel grundlegender: Wo wollen Sie eigentlich hin? Wo liegen Ihre Ziele? Was sind Ihre Erwartungen?

Zuerst die Optionen…

Berufsorientierung beginnt mit Informationsbeschaffung. Erste Ansprechpartner sind die Beratungsstellen von Hochschulen und die Arbeitsagentur. Sie können wertvollen Hinweise auf berufliche Alternativen und Quereinstiege geben, die mit Ihrem Abschluss möglich sind. Denken Sie bitte vorurteilslos über alle Optionen nach – und sehen sich diejenigen näher an, die Ihnen auch auf den zweiten Blick plausibel erscheinen. Falls Ihnen jemand unbedingt zu den ausgetretenen Pfaden rät, dürfen Sie diesen Tipp ignorieren. Es sei denn, Sie brauchen ihn, um sich in Ihrem Schicksal zu bestätigen.

Oder Sie recherchieren selbst.

Gute Ansätze liefern die klassischen Suchmaschinen mit Schlüsselwörter wie „Quereinstieg Jura“ oder „Alternativen Biologie“, die Sie anschließend vertiefen können – etwa mit “Kriminalistik Biologie” oder “Ingenieur Vertrieb”. Besser für die Suche geeignet sind allerdings Soziale Netzwerke wie Google+, LinkedIn und XING: Dort sehen Sie, in welchen Positionen Absolventen Ihres Fachs aktuell arbeiten, können gleich mit ihnen Kontakt aufnehmen und so persönliche Tipps aus der Praxis bekommen.

Optimal ist die Suche in der realen Welt (die durch die Recherche im Internet natürlich ergänzt werden kann): Ihre Fakultät hat sicher noch Kontakt zu Absolventen früherer Jahrgänge und weiß, welche Positionen diese heute inne haben. Oder Ihr Professor stellt direkt den Kontakt zu den Personen her, die er früher betreut hat. So erfahren Sie direkt, wie die das geworden sind, was sie heute sind.

Überhaupt sollten Sie so viele Gespräche wie möglich mit Praktikern führen, um ein Gespür dafür zu bekommen, was gehen kann – und was Sie dafür brauchen. Wahrscheinlich finden Sie so auch Perspektiven, auf die Sie selbst nie gekommen wären.

Erfüllen Sie alle Voraussetzungen?

Viel grundlegender für die Suche nach alternativen Berufswegen sind allerdings Ihre persönlichen Voraussetzungen. Dabei sind die zentralen Fragen:

  • Was wollen Sie erreichen?
  • Was sind Ihre Werte, was Ihre Ziele?
  • Was ist notwendig, damit Sie sich bei der Arbeit gefordert und glücklich zu fühlen?
  • Reicht es Ihnen, wenn Sie viel Geld verdienen, oder suchen Sie Sinn in Ihrem Tun?
  • Wolle Sie Karriere machen – oder Verantwortung übernehmen? Oder vielleicht gleich Beides?

Bitte sind Sie bei den Antworten unbedingt ehrlich zu sich!

Es gibt keine richtigen und falschen Antworten. Bei dem, was für Sie richtig ist, dürfen die Ansprüche keine Rolle spielen, die Andere an Sie herantragen. Je ehrlicher Sie zu sich selber sind und je genauer Sie Ihre eigentlichen Wünsche aufspüren, desto besser gelingt Ihnen Ihre berufliche Orientierung.

Genauso wichtig sind Ihre Talente. Weil Menschen das, was sie gut können, in der Regel auch gerne tun, finden Sie Ihre größten Stärken vielleicht bei den Hobbys, die Sie ausüben. Natürlich sollten diese Fähigkeiten auch im späteren Beruf zum Tragen kommen können und Ihre Schwächen dort möglichst keine Rolle spielen. Sonst fühlen Sie sich im neuen Job entweder über- oder unterfordert – beides schadet Motivation und Arbeitsleistung.

Entwickeln Sie neue Perspektiven!

Jetzt müssen Sie herausfinden, welche der Möglichkeiten für Sie in Frage kommen. Das ist nicht unbedingt ganz etwas anderes als das, was Sie bislang getan haben: Vielleicht liegt der neue Weg nur ein bisschen neben der geplanten Route.

Spezialisieren

Oft reicht schon die Konzentration auf eine passende Nische, um ein interessantes Betätigungsfeld zu finden. Wenn Sie sich spezialisieren, müssen Sie auf dem Arbeitsmarkt mit deutlich weniger Konkurrenz zu rechnen: Damit steigen Ihre Chancen auf einen schnellen Berufseinstieg. Und meist verdienen Spezialisten auch deutlich mehr als Generalisten.

So kann sich die Biologin beispielsweise auf Allergene im Essen konzentrieren und damit Expertin bei einer Umweltschutzorganisation werden. Und der Jurist verlegt sich aufs Patentrecht und reüssiert damit bei einem innovativen Mittelständler, der die eigenen Produktentwicklungen schützen muss, um am Markt zu bestehen.

Kombinieren

Gangbare (Aus-)Wege können auch aus der Kombination des eigenen Studiums mit anderem Wissen entstehen. Wenn Sie vor dem Studium bereits eine Ausbildung absolviert haben, können diese Kenntnisse mit Ihrem Studienfach zusammenbringen. Das klappt auch, wenn beide auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Ein gelernter Kfz-Mechaniker und studierter Wirtschaftswissenschaftler fängt so zum Beispiel in der Entwicklungsabteilung eines Automobilkonzerns an, wo er die Wirtschaftlichkeit der firmeneigenen Innovationen prüft.

Eine andere Möglichkeit ist, die eigenen Talente mit den Inhalten des Studiums zusammen zu bringen. Ingenieure, die lieber mit Menschen arbeiten als mit dem CAD-Programm und obendrein gut erklären können, stoßen derzeit zum Beispiel im Vertrieb auf eine sehr hohe Nachfrage. Ein Maschinenbauer, der gut Schreiben kann und sich schnell in neue Themen einarbeitet, steigt als technischer Redakteur in einen wachsenden Arbeitsmarkt ein. Schließlich wächst die Nachfrage nach Dokumentationen und Bedienungsanleitungen mit jeder neuen Konsumentenschutzinitiative der EU.

Die dritte Möglichkeit heißt Weiterbildung. Der Weg in die Wirtschaft führt beispielsweise für Juristen (und Psychologen) über eine Fortbildung in Controlling oder Personalwesen. Eine Schulung im Projektmanagement kann ebenso der Türöffner sein wie bestimmte Programmkenntnisse. Wenn Sie’s noch noch gründlicher angehen wollen, satteln Sie eine ganze Ausbildung drauf – und landet als Biologe beispielsweise im Polizeidienst: CSI Miami lässt grüßen…

Wechseln

Wenn Sie festgestellt haben, dass Jura zwar schön ist, Sie aber nicht den Rest Deines Lebens damit verbringen wollen, Urteile zu lesen, können Sie sich natürlich auch komplett von Ihrem Studienfach verabschieden. Vielleicht gibt es auch schon einen Plan B – etwas, das Sie schon lange gern tun würden und sich einfach noch nicht getraut haben.

Nichts ist leichter als mit dem Bachelor in der Tasche auf Probe eine Trainee-Stelle anzunehmen und zu schauen, ob die gewählte Richtung wirklich die richtige ist. Weitere Gelegenheiten fürs Austesten berufliche Alternativen sind Praktika, Volontariate und freie Mitarbeit. Nutzen Sie jede sich bietende Möglichkeit – Hauptsache, sie finden heraus, was Sie wirklich tun wollen.