Erinnern Sie sich noch? Gerade mal zwei Jahre ist es her, da galten Mitarbeiter als Kostenstellen – zu teuer im globalen Vergleich, zu alt und unflexibel. Überall folgten Entlassungswellen. Vorbei. Der Arbeitsmarkt boomt wie nie, überall entstehen neue Jobs. Mit rund 3,7 Millionen waren im Juli 670.000 weniger Menschen in Deutschland ohne Arbeit als vor einem Jahr – Rekord. Der niedrigste Juli-Wert (.pdf) seit zwölf Jahren! Rund 23 Prozent der Unternehmen wollen in den kommenden zwölf Monaten neue Stellen schaffen, in nahezu sämtlichen Branchen soll zusätzliches Personal eingestellt werden, ergab kürzlich eine Konjunkturumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) unter mehr als 20.000 Unternehmen. „Jobrekord“ und „Jobwunder“ nannten das bereits Marktbeobachter. In der WirtschaftsWoche widmen wir dem Thema diese Woche sogar unsere Titelgeschichte.
Das Problem am Boom: Zwar sind die Auftragsbücher der Unternehmen rappelvoll, die Wachstumschancen enorm – doch gehen gleichzeitig die versierten Spezialisten aus. Das Gros der Stellenofferten verhallt ungehört, in den Personalabteilungen herrscht Mangelwirtschaft statt Wirtschaftswunder. Überall fehlen Fach- und Führungskräfte. Entsprechend entbrennt gerade ein neuer Kampf um Köpfe: Durch die Bank verzeichnen Personalberatungen einen Anstieg der Suchaufträge um durchschnittlich 20 Prozent, einige kommen gar auf ein Plus von 35 Prozent. Das ist das Ergebnis einer exklusiven WirtschaftsWoche-Umfrage unter den zehn größten Personalberatungen, darunter Delta Management Counsultants, Egon Zehnder International, Heidrick & Struggles, Kienbaum und Ray & Berndtson.
„Was wir gerade erleben, ist der neue Kandidatenmarkt“, sagte mir Stephan Füchtner, Managing Partner bei Gemini Excecutive Search in Bad Homburg in einem Hintergrundgespräch. Und das spiegelt sich in „deutlich steigenden Gehältern“, so Martin Hofferberth von der Vergütungsberatung Towers Perrin. Absolventen werden aktuell mit nie dagewesenen Einstiegsgehältern hofiert, rare Fachkräfte mit Kopfprämien und Zusatzleistungen gelockt, Manager mit immer höheren Spitzensalären an die Unternehmen gebunden. Je nach Branche und Position seien locker „20 Prozent Wechselrendite drin“, sagt Kienbaum-Geschäftsführer Tiemo Kracht. Vor allem Spezialisten aus der Investitionsgüterbranche, aus dem Maschinenbau sowie aus dem Bereich der regenerativen Energien seien zurzeit rar und deshalb im Fadenkreuz der Talentjäger. Aber auch in den kaufmännischen Berufen, im Vertrieb und Marketing wird fieberhaft nach Spezialisten gefahndet. Sie dürfen sich über ein Gehaltsplus von bis zu 15 Prozent freuen.
Auch die Einstiegsgehältern sind laut Towers Perrin von 2006 auf 2007 um zehn Prozent gestiegen. Für Ingenieure und Naturwissenschaftler mit fachlicher Eignung und Doktortitel sind derzeit etwa zwischen 55.000 und 58.000 Euro drin. Allerdings nur in den gut zahlenden Branchen wie Banken, Pharma, Finanzdienstleistung oder Automobilindustrie. Noch besser sieht es für die akademische Elite aus: Bis zu 80.000 Euro bieten Beratungsunternehmen wie McKinsey oder Boston Consulting Group ihren künftigen Stars. Dazu kommt meist noch ein Dienstwagen sowie ein sogenannter Signing Bonus: Wer gleich nach dem Studium den Arbeitsvertrag unterschreibt, erhält 5000 Euro Extra für die erste Geschäftsgarderobe.
„Die richtig guten Leute sind sich ihrer aktuellen Marktmacht durchaus bewusst und können das ausnutzen“, sagt Stefan Koop, Geschäftsführender Gesellschafter der Delta Management Consultants. Allerdings warnt er auch vor allzu überzogenen Forderungen: Wer mehr als 25 Prozent Zulage fordert, bugsiert sich leicht ins Aus.
Wo Licht ist, ist allerdings auch Schatten. Gering qualifizierte Angestellte sowie Buchhalter oder Sachbearbeiter mit Standardqualifikationen gehören allenfalls zu den Beobachtern der aktuellen Gehaltsrunde – in den vergangenen Jahren stagnierten oder schrumpften ihre Gehälter. Und das bleibt laut den Experten auch so: Berufsgruppen mit Jahresgehältern unter 35.000 Euro werden dieses Jahr kaum mehr verdienen, Saläre oberhalb von 55.000 Euro hingegen kräftig zulegen.







Eva Ihnenfeldt
Das Problem ist, dass die Unternehmen meistens “eierlegende Wollmilchsäue” suchen. Da ist kaum einer gut genug. Wie bei den Lehrlingen. Ich glaube nicht, dass wir wirklich so eine einzigartige Generation von Versagern herangezüchtet haben – ich glaube einfach, der “Konsument” Unternehmer/ Handwerksmeister ist selbst auch ganz schön vewöhnt. So ist das eben im Wirtschaftswunderland.
Zumindest sehe ich, dass die Leute, mit denen ich zu tun habe: Jungunternehmer, die sich mit Förderung der Agentur für Arbeit selbständig gemacht haben, zwar allesamt nicht mehr “gut genug” für den ersten Arbeitsmarkt waren (vor allem zu alt), aber nun plötzlich wunderbar für sich und ihr Einkommen sorgen können! Vom Facharbeiter/ Handwerker bis zur Führungskraft (Manager, Ingenieur, Vertriebsleiter, Banker…)
Jochen Mai
die unternehmen suchen in der tat vor allem top-kandidaten. das kann man beklagen, in der vergangenheit nach fehlern suchen… alles gut. vor allem aber kann man daraus lernen und einen trend für die zukunft ableiten: die hochqualifizierten haben hierzulande zukunft, die gering qualifizierten haben es immer schwerer. deshalb ist man gut beraten, in eine gründliche ausbildung (studium) und stetige weiterbildung zu investieren, will man auf dem arbeitsmarkt attraktiv bleiben…