Jahresanfang – das ist die klassische Zeit, in der sich viele beruflich um- oder gar gänzlich neu orientieren. Neuer Arbeitgeber, neuer Job, neue Karriere… Das Jahr bietet sicher zahlreiche Chancen. Doch nicht zu schnell! Ob Sie nun in die Ausgabe einer überregionalen Tageszeitung schauen oder die Listen diverser Online-Stellenbörsen durchstöbern – jede Stellenanzeige enthält immer auch einen Subtext, den Sie sich bewusst machen sollten, falls Sie sich für die dort ausgeschriebene und vakante Stelle interessieren. Diese teils unabsichtlichen Botschafften sind gar nicht mal so unwichtig, denn oft erfahren Sie dort viele zusätzliche Informationen über die zu besetzende Position oder den Arbeitgeber in spe. Indizien enthalten etwa…
…der Anzeigentext: Ein seriöses Stellenangebot beschreibt vor allem, was ein Bewerber können muss – die Muss-Qualifikation. Wer diese Kompetenzen nicht mitbringt, braucht sich gar nicht erst bewerben. Darüber hinaus enthalten solche Offerten teils aber auch Kann-Qualifikationen. Die sind oft im Konjunktiv formuliert. Die sollten Sie ebenfalls besitzen. Denn Ihre Chancen steigen mit jedem Haken auf dieser Liste. Darüber hinaus sollten Sie auf versteckte Hinweise achten: Ein Unternehmen, das „Belastbarkeit“ erwartet, obwohl das eigentlich selbstverständlich ist, bietet vermutlich ein raues Klima. Ein allzu steifer Text spricht eher für einen straff geführten, bürokratischen Laden und ein „hohes Maß an Eigenverantwortung“ für einen latent chaotischen Haufen.…die Größe der Stellenanzeige: Jobofferten sind wie Schaulaufen – je größer die Anzeige, desto höher schätzt der Arbeitgeber die Stelle ein und desto wichtiger nimmt sich freilich auch das Unternehmen, denn es will damit auffallen. Damit ist aber auch klar: Genauso viel Renommee und Strahlkraft erwartet man auch von einem geeigneten Kandidaten. Auch auf die Gefahr hin, dass das hart klingt: Wer in der Branche ein nur kleines Licht ist, braucht sich in der Regel auf eine halbseitige Anzeige nicht bewerben. Eine solche Anzeige heißt aber auch: Wenn das Unternehmen schon bereit war, so viel Geld für die Ausschreibung zu investieren, ist es beim Gehalt höchstwahrscheinlich auch nicht knauserig.…der Phrasen-Faktor: Gänzlich misstrauisch sollten Sie bei auffällig kleinen (=billigen) Anzeigen werden, die dafür Großes Versprechen: einen schmucken Titel und das große Geld in wenigen Wochen. Solche Anzeigen sind meist Lockvogelangebote, eine Mogelpackung – wie bei jemand dessen Körpersprache etwas anderes sagt als die Zunge. Meist bleiben solche Offerten vage, versprechen lediglich „interessante Aufgaben“, „reizvolle Inhalte“ bei „überdurchschnittlicher Bezahlung“ und „sofortigem Jobantritt“. Gänzlich misstrauisch sollten Sie werden, wenn man von Ihnen extraordinäre Qualifikationen verlangt, wie „ein ansprechendes Äußeres“ oder „ungebunden“ zu sein. Sparen Sie sich die Mühe, sich dort zu bewerben. Wer einen seriösen Job anbietet, kann den auch öffentlich beschreiben. Und der Geheimdienst schaltet andere Anzeigen.…die enthaltenen Fotos: Grafiken und Bilder in Stellenanzeigen sind selten. Die Hauptabsicht dabei ist natürlich dann aufzufallen und aus der Menge der anderen Anzeigen hervorzustechen. Die Subbotschaft ist ansonsten ähnlich wie bei der Anzeigengröße: Bilder machen Anzeigen immer größer und damit auch teurer (insbesondere 4-farbige). Darüber hinaus ist das Motiv interessant: Ein Datenbankbild? Simple Effekthascherei, die dem knochigen Anzeigentext etwas mehr Emotion geben soll. Interessant wird es erst bei realen (kaum gestellten) Bildern aus dem Unternehmen (habe ich allerdings noch nicht gesehen). Das könnte auf großes Selbstbewusstsein und eine offene Firmenkultur hindeuten.…das Absenderfeld: Eine seriöse Anzeige enthält immer eine nachprüfbare, transparente (E-Mail-)Andresse, wie Sie sich bewerben können. Nicht immer muss der Name des Ansprechpartners genannt werden, darauf verzichten Unternehmen in der Regel, wenn sie viele Bewerber erwarten. Um anonyme Handy-Nummern oder E-Mail-Adressen, die auf @gmail.com, @yahoo.de & Co. enden sollten Sie indes einen Bogen machen. Dahinter stecken entweder Datensammler oder obskure Unternehmen.Aus diesen genannten Kriterien lässt sich freilich umgekehrt eine Art Anforderungenkatalog für Stellenanzeigen formulieren. Nämlich…
Informationen, die in jede Stellenanzeige gehören:
Indizien, die gegen das Jobangebot sprechen
- Gehalt Viel Geld für ein paar Stunden Nebentätigkeit bei freier Zeteinteilung? Wer so etwas verspricht, ist entweder unseriös oder vermittelt Sie in die Prostitution. Das schnelle Geld gibt es nun mal nicht. Und hinter “selbstständiger” Arbeit steckt in der Regel ein fieser Strukturvertrieb. Also: Finger weg!
- Jobbeschreibung Werden keine Qualifikationen verlangt, sollten Sie hellhörig werden. Fehlt die Tätigkeitsbeschreibung ganz, gilt höchster Alarm. Entgültig vergessen sollten Sie den Job, wenn von Ihnen vorab eine Art Investition oder Gebühr verlangt wird. Sie wollen Geld verdienen – nicht umgekehrt!
- Kontakt Wer bietet den Job an? Ist das ausschreibende Unternehmen weder erkennbar noch recherchierbar, ist das ein starkes Indiz für eine Abzocke. Sicher wissen Sie es, wenn Sie den vermeintlichen Arbeitgeber nur über teure Vorwahlen wie 0900, 0930, 0900 oder 0190 bis 0195 erreichen können.
- Beschreibung der Tätigkeit, Verantwortung, Vollmachten, Jobtitel
- Einordnung in der Organisation
- Dauer der ausgeschriebenen Beschäftigung (Jahresvertrag, Aushilfe, Praktikum, unbefristet)
- Arbeitsbedingungen: eigener Pkw erforderlich, Heimbüro, viele Dienstreisen
- Einstellungstermin
- Geforderte Muss-Qualifikationen (Ausbildung, Berufserfahrung, Kenntnisse)
- Zusatzqualifikationen, Soft Skills, Kann-Qualifikationen
- Leistungsversprechen: Weiterbildung, Karriereaussichten, Gehalt, Zusatzleistungen wie Firmenwagen oder Boni
- Darstellung des Unternehmens, der Branche, der Produkte, des Selbstanspruchs
- Beschreibung erforderlicher Unterlagen (Mappe, Lebenslauf, Anschreiben, Zeugnisse). Aber auch: Wie soll die Bewerbung erfolgen: ausschließlich online? Per Post?
- Kontakt für Bewerbung: Adresse, E-Mail, Telefon, (Name des Personalers)
Kurzum: Hören Sie bei solchen Indizien auch auf Ihr Bauchgefühl, ob Sie das Inserat sofort ansprechend finden oder ob Sie irgendetwas daran stört. In diesem Fall sollten Sie – falls Sie den Job nicht sofort abschreiben – noch ein paar Erkundigungen über das Unternehmen einholen. Zum Beispiel, indem Sie (ehemalige) Mitarbeiter über Xing oder andere Social Networks ansprechen.
Ronnie
Hi, danke für den schönen Artikel.
Zu dem “Interessant wird es erst bei realen (kaum gestellten) Bildern aus dem Unternehmen (habe ich allerdings noch nicht gesehen)”, wir benutzen in all unseren Stellenanzeigen ein Bild von unserem jeweils letzten Mitarbeiter-Sommerevent, dann hast so etwas auch mal gesehen :) Ohne groß Werbung zu machen, daher als Shortlink, hier ein Beispiel (PDF): http://goo.gl/QVWLd
VG
Christoph Teege
Hi, wirklich ein sehr schöner Artikel.
Ich lese Freitags immer die Rubrik “Karriereberatung” in den VDI Nachrichten. In der Rubrik werden auch immer Tipps und Tricks verraten, was in der Stellenanzeige zwischen den Zeilen steht. Auch sehr lesenswert.
Viele Grüße aus Hildesheim
Daniel
Ein interessantes Thema, auch wenn viel von dem gesagten meiner Meinung nach das Offensichtliche benennt.
Ich lese oft in Stellenanzeigen die Anforderung an die persönliche Belastbarkeit – in der Tat ein Indiz dafür, dass es sich hierbei in der Regel um 60h-Wochen à la Big Four Unternehmensberatung handelt. Ist meiner Meinung nach aber kein Hinweis auf ein raues Unternehmensklima – dem Bewerber wird hier von Anfang an klar gemacht, dass überdurchschnittliche Leistung vorausgesetzt wird und man hier nicht von einem 9-to-5 Job spricht; Flexibilität ist gefragt. Ich finde das fair und eine überdurchschnittliche Bezahlung vorausgesetzt – warum sollte das nicht für jemanden mit den entsprechenden Voraussetzungen passend sein?
Eine Frage zum Punkt “Anzeigentext” und Kann-Qualifikation. Ich nehme nicht an, dass hier die Regel lautet, sich beim Nicht-Erfüllen der Kann-Qualifikationen nicht zu bewerben?
Ich kann da nur für mich sprechen, aber wenn es danach ginge, hätte ich keinen Job als Berufseinsteiger bekommen :)
Wenn man erstmal hinter die Kulissen blickt wie, insbesondere in großen Konzernen, Manager Stellenausschreibungen initiieren, dann ist man leicht zum Facepalm geneigt: da wird Stellenweise Copy&Paste aus einer unternehmensweiten Vorlage übernommen oder der Text einer anderen Stelle aus dem letzten Jahr punktuell angepasst und dann geposted – besonders bei unternehmenseigenen Bewerberportalen (in Zeitungen und auf Websiten/Karrierenetzwerken wird dann sogar teilweise lediglich darauf verwiesen).
Oft gewinnt man den Eindruck, dass in Stellenanzeigen Gott persönlich gesucht und ich kann mir gut vorstellen, dass das stellenweise sogar gewollt ist um weniger selbstsichere Persönlichkeiten und Quereinsteiger herauszusortieren.
Ich finde man sollte da nicht allzu zimperlich sein – Bewerbungen sind wie das Gehalt auch immer Verhandlungssache. Ist eine (Kann-)Qualifikation also nicht gänzlich erfüllt, sollte das nicht heissen, dass die Stelle nicht in Frage kommt. Im Gegenteil: es zeigt eine Möglichkeit auf, die fehlenden Skills in diesem Job zu erlernen (wenn man sie nicht bräuchte, wären sie ja nicht ausgeschrieben). Im Interview muss man dann einfach dazu stehen und kann sogar die Initiative ergreifen dies anzusprechen, und daraus einen Vorteil für sich ziehen. Sich das Ausbilden dieser Fähigkeit als Motivation diesen Job auszuüben darlegen.
Jochen Mai
Wie schon gesagt: Kann-Qualifikationen kann man haben, Muss-Qualifikationen muss man haben.
B. Siegrist
Ein wirklich umfangreicher und sehr wichtiger Artikel, der manche Details auf den Punkt bringt. Solche Artikel sollte wirklich jeder Bewerbungswillige lesen, bevor im neuen Job der Frust des Wechselfehlers eintritt.