Ein Gastbeitrag von Svenja Hofert, Karrierecoach und Autorin
Ein Blick in die Lebensläufe der derzeitigen Berufseinsteiger lässt ahnen, dass nichts mehr ist wie früher. Mathematiker, die drei Mal in einem Jahr wechseln, weil ihr Arbeitsplatz überflüssig geworden ist; Harvard-Absolventen, die bei einem namenlosen Mittelständler anheuern – die neuen Lebensläufe sind nicht nur der Wirtschaftskrise geschuldet, sondern vor allem dem Wandel auf dem Arbeitsmarkt: den kürzeren Anstellungszeiten, höheren Anforderungen an (Spezial-)Wissen und Praxiserfahrung sowie an die Mobilität.
Das macht Berufseinsteiger ebenso wie Berufserfahrene unruhig. Das Bedürfnis nach Karriereplanung steigt. Schritt für Schritt soll alles durchgeplant sein, am besten mit klaren Meilensteinen: So sieht die Karriere aus mit 25, 30, 35 und 40 Jahren… Danach sollte man es geschafft haben, denken viele – und orientieren sich dabei an den Mustern von gestern. Sie vergessen aber, dass es die sogenannte Kaminkarriere mit stetiger Beförderungen in ein und demselben Unternehmen kaum noch gibt. Und wenn endet sie oft abrupt – siehe Versandhaus Quelle.
„Ich möchte einfach die Sicherheit, dass die nächste Entscheidung richtig ist“, sagen viele meiner Kunden. Und immer mehr wünschen sich einen Plan für das ganze Berufsleben, als würde dieser jene Jobgarantie bieten können, die kein Arbeitgeber mehr glaubwürdig geben kann.
Nein, Pläne bieten keine Sicherheit. Das Gegenteil ist der Fall!
Planbare Jobs gibt es nicht, weil keiner wirklich weiß, wohin die Reise geht. Jedenfalls jenseits der Altenpflege. Bestenfalls ist ein kurzer Zeitabschnitt überschaubar – der Preis des technologischen Fortschritts, vor allem aber die Folge der Globalisierung. Die Lösung liegt deshalb in der schlauen und umfassenden Analyse und damit verbundenen kurzfristigen und flexiblen Entscheidung. Veränderung ist somit einer der Grundpfeiler des beruflichen Erfolgs der Zukunft. Verharren – früher wichtiges Karriereaufputschmittel – heute ein Karriereverhinderer.
Mehrere Job- und Berufswechsel sind längst normal in Zeiten, in denen fast jedes zweite Beschäftigungsverhältnis eine Befristung hat. Bewerber, die mit 39 Jahren zehn Berufsstationen hinter sich haben und 45-Jährige, die sich für ein zweites Studium entscheiden, sind keine Exoten mehr und nicht unbedingt Jobhopper als Leidenschaft. Oft hat es sich so ergeben.
Wechsel sind schlichtweg notwendig, wenn der Ursprungsbereich entweder keine Jobs oder keine vernünftigen Verdienste mehr hergibt. In vielen Bereichen bringt erst der Wechsel Zugang zu spezialisiertem und aktuellem Wissen. Und Wissen – keineswegs Führungserfahrung – ist derzeit nicht nur der Schlüssel zu den 100.000-Euro-Plus-Jobs, sondern auch zur Normalbezahlung.
Wenn ich mir ansehe, welche meiner Kunden in der derzeitigen Situation noch acht Jobangebote auf zehn Bewerbungen bekommen, so sind es stets die wissensorientierten Bewerber. Nicht unbedingt Spezialisten, aber Menschen, die bestimmte Branchen, Methoden oder Prozesse kennen. Manche Führungskraft aus Vertrieb, Marketing oder dem Finanzbereich dagegen sucht mehr als ein Jahr nach einer Anschlussposition. Das hat auch damit zu tun, dass die Luft oben dünner wird. Jede Umstrukturierung kostet Hierarchien, gerade in den größeren Unternehmen. Kein Wunder, dass alle nach Akademikern schreien: Angestellten, die sich zur Not selbst managen können.
Wissen, dazu gehört auch Methoden- und Prozesswissen, ist der Schlüssel und er schließt eine langfristige Planung aus. Das Prinzip der Gefragten ist, dass sie wenig Konkurrenz bei guter Nachfrage haben. Wenig Konkurrenz bedeutet aber immer, dass man Dinge anders gemacht haben muss als die Masse. Es bedeutet nicht den Trends zu folgen, sondern der eigenen Analyse. Dazu gehört auch Mut. Nicht dem Mainstream zu folgen, macht manchmal einsam.
„Wie Du willst nicht zu Audi?“, muss sich vielleicht der Fahrzeugbauingenieur anhören, der in einem Ingenieurbüro lieber erst mal Spezialwissen aufbauen will. „Sie sollten auf einen guten Namen achten“, wird ihn ein Karriere- oder Personalberater aus der alten Riege mahnen. Doch wer kennt schon die guten Namen der Zukunft? Hätte vor neun Jahren jemand gedacht, dass Google einmal auf den Top-Arbeitgeber-Wunschlisten stehen würde?
Ich erinnere mich, als vor sechs Jahren einer meiner Kunden zögerte, das Stellenangebot beim Suchgiganten anzunehmen. Er setzte lieber auf seinen langfristigen Karriereplan bei einem Konzern, der nach dem Traineeprogramm strukturierten Aufstieg und internationale Erfahrung versprach. Jetzt parkt er dort in einer Sachbearbeiter-Plus-Position. Auslandskontakt nur per Telefon möglich – Sparmaßnahme. Er sucht gerade – nach einer spannenden Aufgabe, ganz ohne Plan für später. Und der gute Name ist ihm auch nicht mehr so wichtig.
Karriere ohne Plan – so geht das:
- Verfahren Sie mit Ihren Karriereplänen wie mit einem Businessplan und denken Sie nie weiter als in die nächsten drei Jahre.
- Auch Businesspläne werden laufend korrigiert. Deshalb: Mindestens einmal im Jahr die alten Annahmen und Ziele revidieren.
- Wer nichts oder zu wenig kennt, kann auch nichts suchen: Setzen Sie sich erst dann konkrete Ziele, wenn Sie dazu auch in der Lage sind. Das gilt gerade für Berufseinsteiger: Oft brauchen Sie erst einmal die Erfahrungen aus den ersten Jobs, um Entscheidungen für später treffen zu können.
- Ziehen Sie nicht nur deshalb Dinge durch, weil man das so macht. Diejenigen, die frühzeitig das Pferd wechseln sind immer erfolgreicher als jene, die ewig versuchen auf schon toten Pferden noch zu reiten.
- Nur wer auf Entdeckungsreise geht, kann Leidenschaften und bisher Unbekanntes (an sich) entdecken. Folgen Sie Ihrem Interesse und dem, was sich zufällig ergibt.
- Lenken Sie beim Suchen Ihren Blick lieber auf die kleinen Headlines. Vergessen Sie nicht: Ein Trend, der breit veröffentlicht wurde, ist keine lukrative Nische mehr.
- Überlegen Sie sich jeden Abend, welche Chancen Sie heute hatten. Schreiben Sie sie auf. Das hilft, Möglichkeiten bewusster wahrzunehmen. Nur, wer Chancen überhaupt als solche wahrnimmt, kann sie nutzen.
- Vergessen Sie die Reden der alten Personaler-Riege! Jede Übergangstätigkeit ist erlaubt, wenn es Sie weiterbringt. Sie arbeiten nicht für Ihren CV, sondern dafür, sich vom Lebenslauf unabhängig zu machen.
- Gehen Sie beim Zielsuchen nach dem Barack-Obama-Prinzip vor: Nicht sagen: „Ich möchte Präsident werden“, sondern: „Ich möchte lernen, wie dies oder jenes funktioniert“. Macht wesentlich offener und ist auch das bessere Erfolgskonzept.
Über die Autorin:
Svenja Hofert ist Coach und Autorin der aktuell bei Eichborn erschienenen Titels: „Das Karrieremacherbuch. Erfolgreich in der Jobwelt der Zukunft“



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Benjamin Körner
Hallo und Dank für diesen gelungenen Beitrag!
Ich kann die geschilderten Erfahrungen bestätigen und es freut mich, dass nicht nur wir – die beruflich mit Karriereplanung und Unternehmenskulturen zu tun haben – diese Entwicklung kommunizieren, sondern dass immer mehr Kandidaten erkennen, dass nicht nur die Fortune500 interessante und erstrebenswerte Arbeitgeber sind und der kommende Job der letzte ist.
Langfristige Karriere-Strategien – nach dem Motto: “Wo wollen Sie in 5 Jahren sein?” – haben ausgedient. In Zeiten, in denen täglich neue Jobprofile mit noch unbekannten Anforderungsparametern entstehen ist mentale Flexibilität und Improvisationsvermögen gefragt.
Ich kann nur unterstreichen, dass das wichtigste Argument für interessante Positionen die eigenen Expertisen und Kompetenzen sind.
Viele Grüße
Benjamin Körner
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S. Bauer
Ganz hervorragender Artikel.
Ich selbst bin vor einigen Wochen 40 geworden, und kann diese Beobachtungen aus meinem bisherigen Berufsleben vollkommen bestätigen. Grundausbildung Physiker, bisher mindestens 5 verschiedene Haupttätigkeiten, und dazu noch unzählige Nebenbeschäftigungen. Grenze zwischen Hobby und Beruf mitunter sehr fließend. Und ich habe *keine einzige* (das ist nicht gelogen!) Beschäftigung über das klassische Bewerbungsverfahren bekommen. Networking, Empfehlungen (“ich kenne da einen, der ist ganz hervorragend…”), sich einen Namen machen, immer die Augen offenhalten, neugierig auf neueste Entwicklungen sein, seine Kompetenzen ‘razor-sharp’ halten usw. waren die Schlüsselelemente.
Es ist ja auch wesentlich spannender so als die klassische Kaminkarriere. Das einzige was mir wirklich graue Haare macht ist der soziale Druck. Gerade in Deutschland sind die alten Muster immer noch betonhart verankert. Für meinen Vater ist es die völlige Katastrophe, was ich tue. Ich vermute, er möchte mich lieber so haben wie meinen Schwager: Der ist in genau so einer “Sachbearbeiter Plus”-Position bei einem der großen Konzerne. Wo halt derzeit nun eben über “Stelleneinsparungen Plus” gemunkelt wird…
Andreas Steinert
Karriere braucht doch Planung. Aber keinen klassischen Karriereplan.
Aus persönlicher und professioneller Erfahrung kann ich dem Beitrag fast vollen Herzens zustimmen – bloß nicht in der Aussage „Kein Plan ist der beste“. Jeder sollte Pläne für sich und seine berufliche Zukunft machen. Denn Planlosigkeit kann nicht die Antwort auf Unsicherheit sein. Und wenn wir uns die neun Tipps von Svenja Hofert “Karriere ohne Plan – so geht das” anschauen, dann sehen wir auch hier die klare Aufforderung zum Planen.
Pläne sind tolle Instrumente, um die Handlungsunsicherheit für die eigene Zukunft durch Vordenken (gerne auch –fühlen oder –ahnen) zu reduzieren. Planen darf aber nicht als lineare Verlängerung vergangener Erfolgsrezepte und -erlebnisse in die Zukunft missverstanden werden. Sondern sollte als inspiriertes, flexibles und kreatives Unternehmertum in eigener Sache praktiziert werden. Wie man da hinkommen kann, beschreiben die Tipps wirklich gut. Aber das ist alles andere als planloses Handeln und in den Tag hineinleben.
Um innerlich so offen und locker zu werden, Karriere planen zu können ohne der klassischen Karriereplanungshybris zu verfallen, muss man sich mit einigen “Zumutungen” anfreunden: Karriere lässt sich nicht erzwingen – trotzdem muss man hartnäckig an ihr arbeiten. Durch Fleiß erwirbt man keine Garantie auf Erfolg – Erfolg gibt es aber nicht ohne Fleiß. Oder: wer Karriere gemacht hat, kann sich nicht darauf verlassen, das auch in Zukunft so wiederholden zu können. Den neun Tipps könnte also noch ein zehnter hinzugefügt werden: „Halten Sie inneren Druck und Enttäuschungen aus. Arbeiten Sie dafür an Ihrer Belohnungsaufschub Kompetenz“ (damit ist die Fähigkeit gemeint, auf eine zeitnahe aber verfügbare kleine Belohnung zugunsten einer zeitlich entfernteren aber größeren Belohnung verzichten zu können).
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