Wen würden Sie eher einstellen: Einen Spezialisten, der Ihre Anforderungen exakt erfüllt, oder einen Generalisten, der das Profil zwar nicht komplett abdeckt, dafür allerdings Stärken in anderen Bereichen hat? Wenn Sie jetzt spontan auf den Generalisten gesetzt haben, sind Sie einem Phänomen erlegen, das Keith Murnighan und Long Wang in ihrer aktuellen Studie als Generalisten-Verzerrung bezeichnen. Dieses Phänomen kann spürbaren Einfluss auf Ihre Chancen im nächsten Bewerbungsverfahren haben.

Long Wang beschäftigt sich als Lehrbeauftragter an der amerikanischen Kellogg School of Management unter anderem mit Personal Recruiting. Im fiel auf, dass Unternehmen einerseits zwar hoch qualifizierte Spezialisten fordern, andererseits jedoch oft gut qualifizierte Generalisten vorziehen. Diesen Widerspruch hat er durch fünf Experimente untersucht und dabei herausgefunden, dass die Generalisten-Verzerrung auch außerhalb der Arbeitswelt auftritt. Im Bewerbungsverfahren sind die Konsequenzen – für Bewerber und Unternehmen – jedoch sehr deutlich spürbar.

Der Versuchsaufbau

Zwei dieser Versuche beschäftigen sich dabei gezielt mit Stellenangeboten und Personauswahlverfahren. Im ersten Versuch sollten die Testpersonen einen Mitarbeiter für eine – natürlich fiktive – Stelle als Manager im Bereich Human Resources auswählen. Das wichtigste Kriterium sollte bei der Beurteilung ein Minimum von fünf Jahren Berufserfahrung im Bereich der Vergütungssysteme sein.

Das Ergebnis: Im direkten Vergleich bevorzugten die Versuchsteilnehmer den gut ausgebildeten Generalisten, obwohl dieser das Hauptkriterium nicht erfüllte. Der Spezialist – der über die geforderte Berufserfahrung verfügte – wurde deutlich seltener ausgewählt.

Im zweiten Versuch werteten Long Wang und Keith Murnighan Stellenanzeigen auf den Portalen “Monster” und “Careerbuilder” aus. Hier zeigte sich: Auch wenn fast alle Unternehmen gezielt Spezialisten für ein Fachgebiet suchten, wurden in der Regel doch Generalisten eingestellt, die oft nicht einmal über die notwendige Qualifikation für das geforderte Fachgebiet verfügten.

Die Erklärung

Die beiden Forscher erklären sich ihre Ergebnisse damit, dass sich Personaler – und natürlich auch andere Menschen – von einem umfangreichen Lebenslauf und zahlreichen thematischen Facetten blenden lassen. Auf den ersten Blick wirkt eine große Erfahrungs- und Themenbandbreite beeindruckend und lässt den Bewerber kompetenter erscheinen.

Für Aufgaben, bei denen es hauptsächlich auf eine selbstständige Arbeitsweise ankommt, sind Generalisten ja auch gut geeignet. Doch für produktive und leistungsfähige Teams sind Spezialisten eindeutig die besser Wahl. Hier können sich die unterschiedlichen Stärken wunderbar ergänzen und so die Team-Leistung beflügeln. Bestehen Teams jedoch primär aus Generalisten, bleibt die Gesamtleistung deutlich hinter einem Spezialisten-Team zurück.

Vorbeugung tut Not

Wie oben bereits erwähnt, wurden Generalisten – bei den in der Studie genannten Versuchen – im direkten Vergleich gegenüber Spezialisten vorgezogen. Wurden beide Kandidaten jedoch getrennt bewertet, stiegen die Chancen des Spezialisten deutlich an, er wurde dann sogar häufiger ausgewählt als der Generalist.

Die Konsequenz: Unternehmen sollten Bewerber unabhängig voneinander beurteilen und nicht direkt miteinander vergleichen. So ist sichergestellt, dass die Generalisten-Verzerrung nicht zum Tragen kommt und der Fokus wirklich auf objektiven Kriterien, wie beispielsweise der Qualifikation, liegt.