Vor einiger Zeit kam wieder so einer. Es war ein kurzer Kommentar. Erschienen zu einer kurzen Meldung in einem meiner anderen Blogs. Er war respektlos, distanzlos, substanzlos. Es war pure Polemik.

Wie reagiert man darauf: löschen oder antworten? Es ist die Frage, die heute auch zahllose Unternehmen beschäftigt, die sich in sozialen Netzwerken öffnen und Social Media Richtlinien für ihre Mitarbeiter erlassen.

Ich selbst entschied mich übrigens seinerzeit für das Zweite – das war ein Fehler. Ich schrieb eine pointierte Replik. Wer austeilt, muss auch einstecken können, dachte ich. Ich lag falsch. Anonyme Kommentatoren können erstaunlich unempfindlich sein, wenn es darum geht, anderen zu sagen wie überaus schlecht sie deren Beitrag fanden. Sie sind aber erstaunlich hypersensibel, wenn man ihren Ton imitiert und ihnen zu verstehen gibt, wie nutzlos man den Kommentar fand.

Ich könnte jetzt lange darüber fachsimpeln, dass es sich hierbei am Ende doch nur um eine weitere Facette des netzüblichen Narzissmus handelt: Der Kritiker, der meint, er selbst sei über jede Kritik erhaben. Oder von Arroganz: Der Meinungsmacher, der sich selbst zum Maßstab macht. Sie kennen das sicher von diesen typischen „Alt!“-Kommentaren: Jemand postet irgendwo ein Video und schon deklariert es ein anderer als kalten Kaffee, als alt eben. Was dabei tatsächlich kommuniziert wird, ist freilich etwas ganz anderes: Der Kommentator profiliert sich als Frühbescheidwisser – und deklassiert alle Mitleser, die den Clip vielleicht noch nicht kannten, zu ewig Gestrigen. Doch was für den einen schon selbstverständlich ist, kann für andere noch neu und nützlich sein. Und wer schon damit Zeit vergeudet hat, sich ein vermeintlich altes Videos anzusehen, muss sich die Frage gefallen lassen, warum er weitere Zeit für einen derartigen Kommentar verplempert. Hat derjenige vielleicht am Ende zu viel Zeit?

Genau genommen ist ein solcher Kommentar bereits ein Akt der Intoleranz und eine Frechheit gegenüber allen Andersinformierten. Man möchte dem Zwischerufer also entgegnen: „Entspann dich! Und nimm dich bitte nicht so wichtig!“ Aber sollte man das auch?

Die Antwort darauf lautet: Nein. Die beste Reaktion darauf ist zugleich auch die radikalste: den Kommentar kommentarlos löschen.

Ich weiß, die herrschende Meinung im Netz ist derzeit eine andere. Sie lautet: Halte die Kritik aus, lasse alle Kommentare zu und reagiere darauf stets huldvoll und dankbar. Ich halte das für eine falsche, passive, ja geradezu destruktive Haltung. Um es klar zu sagen: Kommentare zu löschen ist eine legitime Option in der heutigen Online-Diskussion. Ich gehe sogar soweit, dass ich auch Hausverbote erteilen würde – also den generellen Maulkorb für eine bestimmte Person, die sich nachhaltig disqualifiziert hat.

Warum?

Zuerst: Löschen ist keinesfalls passiv, sondern per se ein aktiver Willensakt. Es ist der Entschluss, eine unselige Debatte abzubrechen, bevor sie eskaliert. Zum Wohl aller Beteiligten.

So wie ich Kommentare verstehe, sollen sie einen Artikel – durchaus kritisch – erweitern. Sie können Unstimmigkeiten beleuchten, fehlende Aspekte ergänzen, ebenso wie eigene Erfahrungen, Fakten, Links. Sie dienen einer anschließenden Diskussion. Und der Austausch von Wissen, Argumenten und Erfahrungen setzt den Artikel fort und macht ihn so wertvoller.

Ein eilig hingetippter Kommentar vom Typ „Was soll der Mist?“ tut dies nicht. Es handelt sich dabei nicht um Kommentieren, sondern um Ventilieren. Kommentarbereiche, ob in Blogs oder auf Facebook, sind aber keine Kloschüsseln, an denen man sich mal eben erleichtert. Wer sich so verhält, ist schlicht unhöflich und unkonstruktiv. Den Mitlesern ist damit nicht geholfen und wertvoller wird der Artikel dadurch sowieso nicht. Eher ist es umgekehrt: Schon wenige dieser Äußerungen reichen aus, um eine bis dahin keimende Debatte zu ersticken.

Hinzu kommt: Häufig haben wir es heute im Netz mit einer Kommunikationsasymmetrie zu tun. Als ich zum Beispiel vor rund acht Jahren mit dem Bloggen begann, schrieb das Gros der Blogger (ich selbst auch) anonym. Wir alle haben damals experimentiert, das Medium war neu, faszinierend und die Kommunikation erstaunlich offen. Im Schutz der Anonymität brauchte niemand irgendwelche Folgen zu fürchten. Mit der zunehmenden Professionalisierung und Kommerzialisierung der Blogs aber hat sich das massiv gewandelt. Heute gibt es kaum noch anonyme Blogger – dafür aber noch immer zahlreiche anonyme Leser. Der Effekt: Während die einen ihre Worte, Meinungen und Argumente inzwischen klug abwägen, wohlweislich weil sie mit ihrem Namen und ihrer Marke dauerhaft verbunden bleiben, können die anderen munter drauflos behaupten, meinen, glauben, poltern, ohne dass dies für sie Konsequenzen hätte. Oft bestehen derart geführte Debatten aus einer Aneinanderreihung von Thesen, die nie belegt, aber auch nie zurückgenommen werden. Das ist müßig und obendrein wertlos.

Bei allem Verständnis für den Wunsch nach Anonymität: Wer im Stealthmodus seine Meinung kundtut, muss seine Worte erst recht sorgfältig wählen, besonders höflich bleiben und seine Argumente gut abwägen, um seine Ernsthaftigkeit zu dokumentieren. Ansonsten zeugt dieses Verhalten eher von mangelndem Mut und Respektlosigkeit gegenüber allen, die ihre Meinung offen und namhaft vertreten – Autoren gegenüber genauso wie Mitlesern und Mitkommentatoren.

Ich habe mir zum Beispiel angewöhnt, kritische und zugleich anonyme Kommentare, deren Intention ich anfangs nur schwer einschätzen kann, zuerst zu spiegeln. Heißt: Ich passe mich dem Autor in Wortwahl und Ton an. Danach zeigt sich in der Regel sofort, ob jemand nur lärmen oder ernsthaft argumentieren will (und kann). Und im ersten Fall gilt ganz klar: Kläffer müssen leider draußen bleiben.

Mir ist bewusst, dass das radikal ist und für einige unbequem. Aber ohne ein Minimum an Manieren geht es nirgendwo. Warum sollte das in den Sozialen Medien anders sein? Deshalb halte ich es für legitim, kritische Kommentare zu löschen und Debatten auf diese Weise abzubrechen, zumal wenn sie von Menschen forciert werden, die einfach nur meckern wollen oder gar Diskussionen verfälschen, indem sie mit wechselnden Identitäten agieren. Ein solcher Troll hat all seine Reputation verbraucht.

Falls Sie eine andere Meinung haben oder das genauso sehen, freue ich mich so oder so über Ihren Kommentar. Gerne auch anonym, wenn es sein muss. Aber bitte zur Sache mit gebührendem Respekt allen hier Beteiligten gegenüber.