Wann haben Sie das letzte Mal erlebt, dass Ihnen jemand eine Geschichte erzählen wollte, während Sie sich zunehmend fragen: Was will der mir eigentlich sagen? Ein paar Sätze später, und die meisten denken: Komm endlich zum Punkt, Schwatzbacke!

Ich vermute, Ihnen geht es wie mir: Sie erleben das oft. Viel zu oft. Dabei ist es nicht schwer, Geschichten besser zu erzählen.

Wenn mich zum Beispiel PR-Agenten anrufen, um für ein Thema zu werben, mich jemand auf sein neues Buch oder sein persönliches Lieblingsthema hinweisen will, erkenne ich schon an der Art, wie der- oder diejenige seine Story aufbaut, wie gut das Thema wirklich und wie kompetent der Anrufer ist. Nur so viel: Am schlimmsten sind die chronologischen Erzähler. Die kann ich nicht ausstehen. Solche Typen fangen bei Adam an, erklären einem erst einmal die Welt und alles, was man nicht wissen will, um nach zehn Minuten – und auch nur vielleicht – die Katze aus dem Sack zu lassen. Diese Erzählform ist infantil. Sie erreicht allenfalls das Niveau von Kindern, die ihre Erlebnisse auch immer nach dem Muster aneinanderreihen: „Und dann… und dann… und dann…“ Spannungsbogen geht anders.


Wer etwas Wichtiges zu sagen hat, sollte damit beginnen. Tatsächlich: Kommen Sie ohne Umschweife zum Punkt. Nennen Sie Ihre These zuerst, ja, auch die Pointe. Sie wollen schließlich nicht Belletristik mündlich überliefern, sondern eine Erkenntnis oder Anekdote aus Ihrem Leben weitergeben.

Jeder Zuhörer, jedes Publikum sondiert automatisch und gleich zu Beginn, ob das Folgende relevant ist, ob es etwas Neues enthält oder im Alltag hilft. Stellen Sie diese Information ans Ende, gewinnen Sie damit keinesfalls mehr Aufmerksamkeit, im Gegenteil: Sie verärgern die Leute, weil Sie ein quälendes Rätsel erzeugen, an dessen Ende womöglich doch nur eine Banalität steht, die keinen interessiert. Alles, was Sie so schaffen, ist: Produktenttäuschung.

Gewiss, etwas anderes gilt bei Parabeln oder Allegorien, bei denen es wichtig ist, dass die Pointe erst am Schluss enthüllt, was Ihre doppelbödige Botschaft ist. Aber das ist die Ausnahme von der Regel.

Ich meine, wer mit nicht einer starken These beginnt, war zu faul nachzudenken. Denn eine priorisierte Erzählweise diszipliniert: Man muss die anschließende Wortstaffage aussortieren, gewichten, verzichten. Chronologische Erzähler überlassen diese Mühe ihren Zuhörern – und laufen obendrein jedes Mal Gefahr, von Hölzchen auf Stöckchen zu springen. Durch eine Ausgangsthese dagegen wird die Geschichte sofort fokussierter. Zudem können die Zuhörer Details und Kausalitäten viel leichter zuordnen, wenn der Kern der Geschichte bereits bekannt ist.

NotizblockÜbrigens eine Erfahrung, die ich jedem Autor empfehle: Schreiben Sie zuerst den Vorspann Ihres Artikels, dann die Analyse – nie umgekehrt! Sie landen sonst nie da, wo Sie eigentlich hinwollen. Das gilt ebenso für Themenverkäufer: Wer eine wirklich neue, originelle und heiße Story hat, serviert sie sofort. Wer sein Gericht dagegen erst noch aufkochen muss, hat in der Regel nur Aufgewärmtes anzubieten.