AuthentizitätWahrhaftigkeit trägt einen hellen Schein. Besonders hell leuchtet er in Zeiten, in denen Betrug und Bestechlichkeit der Beletage anhaften und Authentizität ebenso wie Transparenz zum eilig übergestülpten Büßerkleid der Manager mutieren. Dann überstrahlt der ehrliche Schein sogar das, was drinsteckt in dem Kleid: Persönlichkeit.

Was ist das genau: eine ehrliche Haut?

Natürlich ist nichts Falsches an der sprichwörtlichen ehrlichen Haut. Doch ist sie oft nichts weiter als eine Masche, eine reichlich durchsichtige noch dazu, bei der das Authentische zum einzig wahren Wert erklärt wird und somit alle Qualitäten verkörpert, die ein Vorbild heute braucht.

Wer sich verstellt, gilt als unehrlich; wer sich anpasst als Opportunist; und wer für alles offen ist, kann nicht mehr ganz dicht sein. Aber wer ist, wie er ist und auch so bleibt, der hat zumindest das Zeug zum Original… Applaus, Applaus – hier ist jemand wenigstens authentisch!

Ich kann das nicht mehr hören!

Authentizität ist mitunter wie ein Eisberg in der arktischen See: imposant an der Oberfläche, aber darunter lauert die Gefahr.

Authentizität adelt den Büroautisten genauso wie das Chefzäpfchen, den Steuerbetrüger oder den Despoten. Sie verklärt den berechnenden Egoisten zum mutigen Haudegen und den ewig nörgelnden Tunichtgut zum wertvollen Querdenker. Die sind halt so – aber wenigstens bleiben sie wahrhaftig und stehen dazu.

Was kann der Pitbull schon dafür, dass er alle beißt? Aua!

Aus der Zwillingsforschung ist heute bekannt, dass die Gene allenfalls 20 bis 50 Prozent Einfluss auf den Charakter eines Menschen nehmen. Der Rest ist freier Wille.

Oder mit den Worten Epikets:

Mache dir selbst zuerst klar, was du sein möchtest; und dann tue, was du zu tun hast.

Das Arschloch kann sehr wohl etwas dafür, dass es ein Arschloch ist. Seine Authentizität adelt die Exkremente jedenfalls nicht zum 5-Gänge-Menü.

Nicht das Authentische per se verdient unsere Bewunderung, sondern die Gabe, seinen selbst gewählten und positiven Werten treu zu bleiben, auch wenn man sich in manchen Situationen anpassen und Kompromisse eingehen muss. Nur eben nicht zu viele.

Es ist die Kunst mitzugehen, ohne die falsche Richtung einzuschlagen.

So wie das Chamäleon in der Lage ist, auf eine wechselnde Umwelt farblich zu reagieren, sollten sich authentische Persönlichkeiten darum bemühen, auf ihre Mitmenschen empathisch einzugehen – ohne dabei ihre Werte zu verraten. Erst das lässt einen zur respektablen Persönlichkeit reifen.

Nicht wer man ist, ist schon das Ziel, sondern wer man sein möchte: dem einen ein Ansporn, dem anderen ein Anstoß (im positiven Sinn), dem dritten ein Anführer.