Rivalen-Kollegen-Konkurrenten
Wettbewerb belebt das Geschäft. Er kann anspornen, den Ehrgeiz wecken, Innovationen hervor bringen - insbesondere wenn er sich beispielsweise gegen ein konkurrierendes Unternehmen in der Branche richtet. Zu viel davon aber - und es wird gefährlich. Vor allem unter Kollegen: Wenn Eifersucht, Konkurrenzdenken und Rivalität überhand nehmen, erwachsen daraus schnell Ellbogenkämpfe, Intrigen oder gar Sabotage. Nicht jeder nimmt das sportlich und erträgt das auf Dauer. Eine Umfrage kam gar mal zu dem Ergebnis, dass schon jeder Vierte in Deutschland den Job gewechselt hat, weil er die Rivalitäten nicht mehr ertragen konnte, weitere 30 Prozent haben die Kündigung wegen solcher Foulspiele in Betracht gezogen...

Definition: Was ist überhaupt Konkurrenzdenken?

Laut Duden verbirgt sich dahinter eine Einstellung oder ein Verhalten, das von dem Hang bestimmt wird, in anderen in erster Linie einen Konkurrenten zu sehen. Jede(r), der besser ist, wird damit automatisch zum Feind, den es möglichst schnell zu schlagen und zu besiegen gilt: höher, schneller, weiter, besser...

Vergleichen lässt sich das ganz gut mit dem zynischen Bonmot: Um einem Bären zu entkommen, musst du nicht schneller sein als der Bär - nur schneller als der andere! Genau das ist der (pointierte) Kerngedanke des Konkurrenzdenkens: Es geht nicht darum, eine Fähigkeit zu perfektionieren oder ein Talent zur wahren Meisterschaft auszubauen. Letztlich geht es nur darum, besser zu sein, als die anderen - eben eine Nasenlänge voraus.

Selbst wenn noch Luft nach oben besteht, die eigenen Grenzen noch nicht erreicht sind oder man wie im Beispiel mit dem Bären noch deutlich schneller laufen könnte, kommt es nur darauf an, die anderen abzuhängen und selbst an der Spitze zu sein. Dafür sind wir sogar bereit, das Wohlergehen unserer Mitmenschen hinten an zu stellen und Sie falls nötig auch einem 500 Kilogramm schweren hungrigen Bären zu opfern.

Konkurrenzdenken ist uns allerdings angeboren. Schon Kinder vergleichen und messen sich im Spiel. In der Schule wird es teils durch Wettbewerbe und Noten gefördert und setzt sich schließlich in der Ausbildung ("Jahrgangsbeste(r)") und im Job fort. Das muss aber zunächst nichts Schlechtes sein: Der Vergleich hilft schließlich auch bei der eigenen Standortbestimmung.

Problematisch wird Konkurrenzdenken immer dann, wenn es zur Bestimmung des eigenen Selbstwertes benötigt wird, Motto: Ich bin nur dann gut, wenn ich (in allem) der Beste bin und andere ausstechen kann. Viele sind damit Opfer einer Gehirnwäsche, der sie sich selbst unterzogen haben: "Im Zeitalter der Massenmedien vergleichen wir uns ständig mit dem Unvergleichlichen – und das spornt uns nicht an; das macht uns neidisch, träge, böse, missgünstig", sagte zum Beispiel Norbert Bolz, Medienprofessor an der TU Berlin.

Konkurrenzdenken: So hebelt es den Verstand aus

Rivalen-im-Job-KollegenWie wir über Konkurrenz denken und wie wir letztlich handeln und entscheiden, steht allerdings nicht selten in einem veritablen Widerspruch.

Wie egoistisch Menschen zuweilen entscheiden, obwohl Sie selber sagen, zu viel Rivalität im Job stoße sie ab, zeigt ein inzwischen legendäres Experiment der Harvard School of Public Health. Dabei wurden die Absolventen der Hochschule vor die Wahl gestellt:

  • Würden Sie lieber 50.000 Dollar verdienen, während alle anderen Kommilitonen nur ein Durchschnittseinkommen von 25.000 Dollar erzielen?
  • Oder würden Sie lieber 100.000 Dollar verdienen, während der Rest ein Gehalt von durchschnittlich 200.000 Dollar erzielt?

Wohlgemerkt: Es ging dabei nur um den Teilnehmerkreis, nicht um eine Volkswirtschaft. Wer hier also mit Inflation argumentiert, zieht den Gehaltsradius zu weit.

Das Ergebnis spricht Bände: Mehr als die Hälfte der Teilnehmer gab an, lieber mit einem geringen Einkommen zu leben, solange sie selbst besser gestellt sind als ihr unmittelbares Umfeld. Wie dumm! Denn mit 100.000 Euro Jahreseinkommen ließe ein doppelt so hoher Lebensstand realisieren.

Oder anders ausgedrückt: Wir sind bereit, auf einen Vorteil für alle Beteiligten und uns selbst zu verzichten, wenn wir uns dadurch im Wettbewerb mit anderen Menschen besser stellen können.

Das Ergebnis der Studie zeigt allerdings auch, dass die Mehrheit vor allem auf den eigenen sozialen Vorteil bedacht ist. Den Gedanken weitergesponnen und auf die Arbeit übertragen, würde das in der Praxis bedeuten, dass die Menschen auch bereit wären, lieber gänzlich auf Lob oder Anerkennung durch den Chef zu verzichten, falls die Kollegen deutlich mehr oder die netteren Komplimente empfangen.

Schon geht das Gedankenkarussell los: Wieso lobt mich der Chef weniger? Was hat die andere, das ich nicht habe? Haben die eine heimliche Beziehung? Und schon fahren die Kontrahenten die Ellbogen aus und machen sich das Leben gegenseitig schwer. Konkurrenz schläft eben nicht. Verrückt, oder?!

Einerseits streben wir nach Harmonie, Solidarität und Teamgeist. Aber hinten herum zählt dann doch wieder nur der eigene überlegene Status.

Wie aber kann es sein, dass Konkurrenzdenken irgendwann den Verstand ausschaltet, den allgemeinen Vorteil ignoriert und nur noch den eigenen (vermeintlichen) Nutzen sieht?

Aus Sicht der Wissenschaft wird dieses Verhalten zunächst zurecht als irrational bezeichnet. Dahinter stehen tatsächlich keine logischen Gedanken und sachlichen Erklärungen, sondern vielmehr eine extrem starke Emotion: Statusdenken.

Schon vor mehr als 40 Jahren entdeckte der Ökonom Richard Easterlin, dass mehr Geld keinesfalls zu größerer Zufriedenheit mit dem eigenen Leben führt. In mehreren Studien konnte er zeigen, dass Menschen überhaupt nicht glücklicher werden, wenn beispielsweise der Wohlstand eines ganzen Landes wächst.

Um noch einmal zum obigen Beispiel zurückzukehren: Für das eigene Befinden macht es demnach keinen Unterschied, ob ich 50.000 Dollar oder 100.000 Dollar im Jahr verdiene - es kommt nur auf die Relation zu den Einkünften der anderen an.

Wer so rechnet, offenbart jedoch zugleich eine Art Mangeldenken, Motto: Ich muss mir ein möglichst großes Stück vom Kuchen sichern, bevor der gegessen ist. Solche Menschen werden meist von starken Verlustängsten verfolgt - ständig auf der Hut, dass ihnen ja niemand etwas wegnimmt oder die Ideen klaut. Dabei muss doch nur der darum fürchten, der sonst keine eigenen Ideen hat.

Frauen meiden Jobs mit viel Wettbewerb

Extra-Tipp-IconWenn es darum geht, mehr Frauen einzustellen, dann schreckt Wettbewerb diese eher ab. Kurz: Frauen meiden Jobs, in denen starkes Konkurrenzdenken herrscht – erst recht, wenn der Wettbewerb die Höhe des Gehalts beeinflusst. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Wissenschaftlern der Universität Chicago.

Die Forscher schalteten dazu ein paar Stellenanzeigen in 16 größeren Metropolen der USA - alle neutral gehalten, sie enthielten also die üblichen Stellenbeschreibungen und Anforderungen.

Später dann im Bewerbungsgespräch erfuhren die Kandidaten allerdings die genaueren Bedingungen:

  • Der einen Gruppe wurde erzählt, sie erhalten eine Bezahlung von 15 Dollar die Stunde.
  • Die zweite Bewerbergruppe wurde das Honorar auf 13,50 Dollar gekürzt – dafür würden Mitarbeiter, die im Vergleich zu ihren Kollegen besonders gut abschnitten, einen Bonus von zusätzlich drei Dollar pro Stunde erhalten.
  • Ein drittes Angebot sah gar einen Stundenlohn von nur zwölf Dollar vor – bei einem Bonus von sechs Dollar.

Von den insgesamt 6779 Kandidaten, die sich auf die Stellen bewarben, waren 2702 tatsächlich bereit, den Job anzunehmen, davon 1566 Frauen und 1136 Männer. Allerdings waren die Männer zu 94 Prozent eher bereit, die Boni-Jobs zu übernehmen als die Frauen. Die lehnten die Angebote mehrheitlich ab, wenn sie individuell mit Kollegen konkurrieren sollten.

Konkurrenzdenken ist extremes Schwarz-Weiß-Denken

Wettbewerb-Wettkampf-JobSolange alle Beteiligten den Wettbewerb sportlich nehmen und sich an Fair-Play-Regeln halten, kann ein bisschen Konkurrenz beflügeln und neue Ideen hervorbringen. Im Job und im Büro artet das aber leider häufig aus. Aus Kollegen werden verbitterte Konkurrenten, die sich mit Hahnenkämpfen und Zickenkrieg hinterrücks in die Pfanne hauen, an Stühlen sägen, rücksichtslos Beine stellen und in gezückte Messer laufen lassen.

Klar, dass das nicht nur enorme Energien frisst und dem Betriebsklima schadet - setzt auch die ganz falschen Prioritäten. Was wirklich passiert, ist, dass wir so eine intrinsische Motivation ("Ich liebe meinen Job.") durch eine extrinsische ersetzen ("Hauptsache, ich bin besser.") und uns und unser Selbstbewusstsein dadurch von anderen abhängig machen. Kurz: Wir begeben uns freiwillig in die mentale Sklaverei.

Natürlich kann dieser Konkurrenzdruck auch von außen geschürt werden - etwa durch den Chef oder im Vertrieb. Selbst wenn es dabei klare und faire Spielregeln gibt, können die Folgen negativ sein: Mitarbeiter fühlen zunehmenden Druck, verkrampfen und brennen nur schneller aus.

Ungesundes Konkurrenzdenken beginnt meist schon im Kopf. Es ist eine besondere Form des Schwarz-Weiß-Denkens, eine Art Nullsummenspiel, in dem es nur Gewinner oder Verlierer gibt. Dazwischen gibt es nichts.

Konkurrenzdenken-Mangeldenken

Der perfide und falsche Gedanke dahinter: Gewinnt der oder die andere, habe ich schon etwas verloren. Jeder fremde Sieg nimmt mir etwas weg. Blödsinn! Tatsächlich kann gerade die gemeinsame Freude über einen Erfolg mehr erreichen als Neid und Eifersucht.

Denken Sie beispielsweise an den sogenannten Rosenthal-Effekt (auch als Pygmalion-Effekt bekannt):

Im Jahr 1963 unterzog der amerikanische Psychologe Robert Rosenthal 18 Grundschüler einem Experiment: Deren Lehrern wurde gesagt, diese Kinder seien ausgewählt worden, weil sie besonders begabt seien. Als acht Monate später an dieser Schule ein Intelligenztest durchgeführt wurde, schnitten genau diese Schüler besser ab als alle anderen. Der Witz allerdings war: Die Story war erfunden - die Schüler waren lediglich eine Zufallsauswahl, so begabt wie jeder andere auch. Allerdings hatten ihnen ihre Lehrer besonders gute Leistungen zugetraut - und sie sich selbst auch.

Erfolg basiert eben nicht nur auf Konkurrenz und überlegenem Können, sondern auch darauf, was wir uns gegenseitig zutrauen. Gerade Kooperation schaffen häufig den größeren Mehrwert.

Machen Sie sich deshalb bitte klar:

  • Es wird immer jemanden geben, der besser ist oder mehr hat. Alle Vergleiche dieser Art sind letztlich sinnlos, führen zu mehr Stress und machen unglücklich.
  • Lassen Sie sich nicht von polierten Oberflächen blenden: Geld und Erfolg sind keinesfalls Garanten dafür, dass der andere auch glücklicher wäre.
  • Übersehen Sie nicht Ihre Einzigartigkeit. Statt den Blick auf Ihre Schwächen zu richten, können Sie ebenso gut Ihre Stärken betrachten - da sind Sie schließlich oft besser.

Konkurrenzdenken erreicht seinen Höhepunkt mit 50

Extra-Tipp-IconSchon in der Kindheit fängt es an, dass sich Männer miteinander messen und vergleichen: "Mein Lego-Raumschiff ist cooler." "Dafür hat meins mehr Laser!" "Dafür bin ich größer." Nach der Adoleszenz und mit dem Führerschein geht das auf der Straße weiter. Und mit zunehmender Reife (wenn man das überhaupt so nennen kann), wird daraus: "Mein Haus, mein Auto, mein Bott, meine Frau, mein Job, mein..." Kurzum: Dieser Schwanzvergleich, wie die männliche Attitüde umgangssprachlich auch genannt wird, hört nie auf. Oder doch?

Es gibt Hoffnung, sagen einige Wissenschaftler um Ulrich Mayr von der Universität von Oregon. Laut ihren Studien steige die Lust am Wettkampf und Kräftemessen mit zunehmendem Alter zwar an - im Alter von 50 Jahren erreiche das Konkurrenzdenken aber seinen Höhepunkt und nehme danach deutlich ab.

Für ihre Untersuchungen pilgerten die Forscher unter anderem in ein großes Einkaufszentrum. Insgesamt nahmen 543 Freiwillige im Alter zwischen 25 und 75 Jahren an den Experimenten dort teil - Männer wie Frauen. Dabei wurden sie gebeten ein paar Matheaufgaben möglichst schnell zu lösen, etwa: wahr oder falsch: 7 + 2 + 3 - 6 = 5? Dabei konnten sie mit jeder Runde Punkte sammeln und am Ende Preise gewinnen.

Der Trick war: Es gab unterschiedliche Arten von Runden:

  • In der ersten spielten die Probanden lediglich gegen sich selbst und die Zeit.
  • In der Zweiten mussten sie einen zufällig ausgewählten Rivalen besiegen.
  • In der dritten, entscheidenden Runde hatten sie die Wahl, ob sie noch einmal gegen die Zeit oder einen Konkurrenten spielen wollen.

Wie sie in den ersten beiden Runden abgeschnitten hatten, wussten sie zu dem Zeitpunkt allerdings nicht, das verrieten die Wissenschaftler erst am Ende aller drei Durchgänge. Eine wichtige Prämisse, um strategisches Optieren auszuschließen.

Das Resultat war verblüffend: Die Probandinnen entschieden sich mit 35 Prozent deutlich seltener für den persönlichen Wettkampf als die Männer mit 73 Prozent. Ebenso gab es klare Altersunterschiede bei beiden Geschlechtern: Nahezu 70 Prozent der Männer zwischen 45 und 54 wollten gegen andere spielen, aber nur 50 Prozent der Probanden zwischen 25 und 34 Jahren.

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