Erinnern Sie sich an die Legende von König Krösus von Lydien?
Angeblich befragte er seinerzeit das Orakel von Delphi, ob er gegen die Perser marschieren solle. „Wenn du das tust“, prophezeite das Orakel, „wirst du ein mächtiges Reich zerstören.“ Klasse!, dachte Krösus: Welches Reich könnte wohl mächtiger sein als das der Perser? Und das Orakel hatte ihm praktisch garantiert, dass er siegreich sein würde. Also zog Krösus hochmütig und siegesgewiss in den Kampf – und verlor. In seinem Wunsch nach einem kolossalen Triumph, hörte er nur das, was er hören wollte. Was er überhörte, wenn nicht gar ignorierte, war die Rückfrage, welches Reich das Orakel mit der Prophezeihung meinte. So besiegelte Krösus seinen eigenen Untergang.
Selektive Wahrnehmung heißt dieses Phänomen in der Fachsprache. Was negativ klingt, basiert letztlich auf der Stärke unseres Gehirns, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Ohne diesen Schutzmechanismus würden wir die Informationsfülle, die täglich auf uns einprasselt, gar nicht verarbeiten können und vermutlich verrückt werden.
Selektive Wahrnehmung ist allerdings nicht nur eine Stärke (wie Krösus’ Fall zeigt). Nicht selten basiert der Effekt schlicht auf dem Umstand, dass wir nicht genau zuhören. Noch während der andere redet, haben wir schon unsere Schlüsse gezogen und sind gedanklich schon fünf Kilometer weiter. Folge: Wir reden aneinander vorbei und missverstehen uns gründlich. Fatal! So ist mir kein Fall bekannt, dass sich jemand um Kopf und Kragen zugehört hätte. Was das Reden anbelangt, fallen mir dafür viele Beispiele ein.
Zuhören ist Nahrung für das Hirn. Unsere grauen Zellen funktionieren wie eine Batterie, die sich durch elektro-neurale Reize aufladen lässt. So hat Giselher Guttmann, Neurologe an der Universität Wien, beispielweise beobachtet, dass Gehirnströme beziehungsweise kleinste Schwankungen von bis zu 30 Millionstel Volt bereits unsere Leistungsfähigkeit beeinflussen. Töne, Klänge und Geräusche senden ihr elektrisches Potential teilweise bis ins Kleinhirn, das unsere Körperbewegungen sowie den Gleichgewichtssinn kontrolliert. Von dort aus wandern sie sogar bis in das limbische System, das wiederum Emotionen und die Ausschüttung von Hormonen sowie anderer biochemischer Stoffe steuert. Zuhören kann unseren gesamten Körper beeinflussen – und das zunächst relativ unabhängig vom Inhalt. Darüber hinaus gibt es aber noch ein paar
Tipps für besseres Zuhören
- Halten Sie den Mund. Ernsthaft. Man kann nicht zuhören und reden zur selben Zeit. Also lassen Sie den anderen erst einmal aussprechen.
- Entspannen Sie. Und zwar nicht nur sich, sondern die ganze Atmosphäre. Wie Sie dreinschauen, ob Sie mit dem Kopf nicken oder schütteln – all das wirkt natürlich auch auf Ihr Gegenüber. Und damit, ob er Ihnen wirklich etwas Gehaltvolles erzählt (was fürs Zuhören irgendwie hilfreich wäre) oder sich nur in Smalltalk übt.
- Stellen Sie Fragen. Zuhören ist tatsächlich eine aktive Strategie. Man sollte sie nicht mit Schweigen verwechseln. Gute Zuhörer stellen zum Beispiel klärende Fragen. Sie fragen nach, wenn sie etwas nicht verstanden haben und wiederholen dabei mit eigenen Worten, was sie verstanden haben: „Sie sagen also, dass…?“ Dabei geht es ihnen nicht darum, wiederzukauen, sondern den anderen wirklich zu verstehen, seine Emotionen, seine Motive zu erfassen. Ihr Zuhören ist damit eine Form von Empathie und emotionaler Intelligenz.
- Halten Sie permanent Blickkontakt. Achten auf die Körpersprache Ihres Gegenübers. Registrieren Sie Mikrogesten oder sein nervöses Fußwippeln unter dem Tisch. In manchen Situationen dürfen Sie sogar darauf eingehen: „Entschuldigung, mache ich Sie nervös? Sie zittern so…“ Wenn Sie das behutsam und freundlich tun, öffnet das den anderen für sie, denn er fühlt sich ernst genommen – und Sie genießen sofort mehr Vertrauen.
- Quasseln Sie nicht dazwischen. Und vervollständigen auch nicht seine Sätze. Das ist respektlos. Gute Zuhörer sind sogar in der Lage, Stille auszuhalten und ihr zu lauschen, während der andere noch um Worte oder Fassung ringt. Dadurch führen sie das Gespräch, selbst wenn sie nichts sagen.
- Nutzen Sie Pausen. Zum Beispiel, um das Gesagte zu verdauen und darüber nachzudenken. Für die Auszeit müssen Sie sich überhaupt nicht schämen. Schließlich geben sie später umso bessere Antworten.
- Belehren Sie nicht. Ein guter Zuhörer ist an langfristigen und gehaltvollen Lösungen interessiert, nicht an schnellen Effekten – noch weniger an solchen, die seinem Ego schmeicheln. Deshalb sollten Sie Ihre Ratschläge auch nur erteilen, wenn Sie darum gebeten werden. Alles andere wirkt latent aufdringlich und besserwisserisch. Zuhören dient einer wohlwollenden Beziehung, keiner Selbsttherapie.
- Halten Sie öfter mal die Klappe. Und hören Sie immer länger zu als Sie reden! Menschen, die während einer Konversation weniger Airtime beanspruchen als Ihr Gegenüber, werden durchweg als bessere und intelligentere (!) Gesprächspartner empfunden.
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Roland Kopp-Wichmann
Stimmt, Zuhören ist enorm wichtig für die Kommunikation. Auch Ihre Tipps sind gut.
Nur, warum fällt anderen Menschen das Zuhören oft so schwer? Aus meiner Sicht braucht es dazu nämlich folgende Fähigkeiten:
1. Die Fähigkeit, die eigene Meinung zurückstellen zu können.
2. Die Fähigkeit, Unterschiede tolerieren zu können.
3. Die Fähigkeit, Gefühle und Intuition miteinbeziehen.
4. Die Fähigkeit, etwas nicht gleich verstehen müssen.
5. Die Fähigkeit, weiterführende Fragen stellen.
6. Die Fähigkeit, negative Wertungen zurückzustellen.
7. Die Fähigkeit, möglichst wenig zu unterbrechen.
8. Die Fähigkeit, auszudrücken, was man verstanden hat.
Mit anderen Worten, Zuhören hat viel mit inneren Einstellungen zu tun. Der Einstellung zu sich selbst, zu anderen Menschen und zu dem, was ein Gespräch überhaupt sein soll (Austausch, Dialog, Machtdemonstration, Besserwisser-Bühne etc.)
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Dieter Stahl
Ja, auch Zuhören ist eine Tugend.
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