Lernen durch Beobachtung
Unternehmer, Politiker, Journalisten fordern sie seit einiger Zeit vehement: die Kultur des Scheiterns. Man müsse in Deutschland Fehler machen dürfen, scheitern können, Misserfolg nicht als Makel empfinden. Klingt toll! Schließlich lerne man nur aus eigenen Fehlern dazu. Stimmt aber leider nicht ganz. Vor allem lernen wir aus den Fehlern anderer...

Lernen durch Beobachtung: Erfolgsrezept

Herdentrieb, Mitläufertum, Lemmingverhalten - kaum etwas prangert unsere Gesellschaft mit einem solchen Eifer an. "Wenn die anderen in den Brunnen springen, springst du dann hinterher?" In Wahrheit aber ist unser Trieb, anderen Menschen nachzuahmen, ein wichtiger Überlebensmechanismus.

"Lernen durch Beobachtungen, das ist ein Eckpfeiler unserer Fähgkeit, unser Verhalten zu ändern", erklärt Autor Itzhak Fried, Professor für Neurochirurgie und Psychiatrie an der University of California (UCLA). "Es gehört zur menschlichen Natur, lieber von den Fehlern anderer zu lernen als eigene zu begehen."

Ein Team um Fried und Neurowissenschaftler Michael Hill von der Universität Zürich hat herausgefunden, dass in unserem Gehirn - während wir andere Menschen beobachten - ganz bestimmte Neuronen aktiviert werden.

Gehirn Verarbeitung Amygdala Hippocampus Verhalten

Beobachtungslernen: Kein fauler Kartentrick

Für ihre Studie hatten sie Elektroden in den Hirnen von Epileptikern angebracht - eine Standardprozedur. Die Elektroden sollten die Neuronen-Aktivität in den Hirnen der zehn Probanden messen, während diese ein simples Kartenspiel spielten.

Bestandteil des Spiels: Ein Stapel bestand zu 70 Prozent aus "guten" Karten, der andere nur zu 30 Prozent. Die Spieler sollten nun zunächst eine Karte von einem der beiden Stapel nehmen, dann waren die Mitspieler an der Reihe.

Schnell merkten die Probanden auch anhand ihrer Beobachtungen, welcher Stapel der erfolgversprechende war - und passten ihre Spielstrategie entsprechend an.

Während die Probanden so dasaßen und überlegten, von welchem Stapel sie ihre nächste Karte ziehen sollten, waren diese drei Hirnareale aktiv: die Amygdala, der präfrontale Cortex und der cinguläre Cortex.

Doch nur eine kleine Gruppe von Neuronen im cingulären Cortex, der sich an der Stirnseite des Gehirns befindet, feuerte ihre elektrischen Impulse immer dann, wenn die Person die anderen bei der Kartenauswahl beobachtete. Diese Hirnregion ist unter anderem beteiligt, wenn wir Emotionen zeigen oder Entscheidungen treffen.

Nachahmungslernen: Was hat Schadenfreude damit zu tun?

"Die Feuerrate der einzelnen Neuronen änderte sich je nachdem, was der Patient erwartete, was passieren würde", so Hill. "Zum Beispiel bei der Frage: Würde der Gegner gewinnen oder verlieren? Die gleichen Zellen reagierten außerdem anders, wenn der Patient bemerkte, dass seine Erwartung sich bewahrheitet hatte. Das spiegelt ihren Lernprozess wider."

Ganz bestimmte Nervenzellen in unserem Gehirn verarbeiten demnach die Informationen, die wir beim Beobachten anderer Menschen sammeln.

Kurios: Die gleichen Zellen springen an, wenn wir Schadenfreude empfinden. Immer wenn der Proband beim Kartenspiel gewann und die Rivalen verloren, feuerten die Neuronen geradezu aus allen Rohren. Wenn aber der Spieler verlor und die Gegner gewannen, stellten sie ihre Aktivität nahezu ein.

"Es ist faszinierend zu sehen, wie so etwas wie Schadenfreude durch die Aktivität einzelner Neuronen im menschlichen Hirn angezeigt wird", so Hill.

Lernen durch Beobachtung: Auch für Einzelgänger!

Lernen durch BeobachtungBeobachtungslernen ist - entgegen früherer Annahmen - keine exklusiv menschliche Fähigkeit. Und es setzt nicht einmal den Austausch in einer sozialen Gruppe voraus.

Tiere übernehmen sogar dann problemlos Verhaltensweisen ihrer Artgenossen, wenn sie nicht in Herden, Rudeln oder Schwärmen leben und dementsprechend kaum Nachahmungsmöglichkeiten haben. Zum Beispiel die Köhlerschildkröte, gewissermaßen ein asozialer Einzelgänger.

Dazu führte das Team von Anna Wilkinson von der Uni Wien - die mittlerweile an der Uni Lincoln in England lehrt - schon vor einigen Jahren ein Experiment durch. Ihr Team stellte einen V-förmigen Zaun auf und legte in die Spitze des V ein Futterstückchen. Die Köhlerschildkröte wurde nun auf der gegenüberliegenden Seite des V abgesetzt - zwar in Sichtweite des Essens, aber durch den umständlichen Zaun getrennt. Sie musste nun den ganzen V-Schenkel entlanglaufen, um von der anderen Seite an das Festmahl zu gelangen. Ohne Erfolg! Von den vier Versuchstieren schaffte es auf diese Art keine einzige.

Den anderen vier Schildkröten aber wurde ein dressierter Artgenosse vorgesetzt, der mühelos das Futter ansteuerte. Und siehe da, diese Schildkröten waren ungleich erfolgreicher. Alle schafften es - zumindest manchmal - den Weg nachzugehen. Sie nahmen einfach den Reiz aus ihrer Umwelt auf, ahmten ein Vorbild nach und hatten selbst Erfolg damit.

Die Moral von der Geschicht': Manche Erfolgsstrategien sind offensichtlich. Sie abzukupfern ist kinderleicht. Vorausgesetzt, man hat Drive und Motivation, um sie auch in die Tat umzusetzen.

Verhaltensforschung: Warum imitieren wir?

In der Verhaltensforschung hatte sich in den letzten Jahrzehnten bereits die Theorie des sozialen Lernens etabliert, die auf den kanadischen Psychologen Albert Bandura zurückgeht.

Nach Banduras Theorie aus de 60er Jahren ist Beobachtungslernen ein eigenständiges Konstrukt. Das bedeutet: Kindern lernen auch dazu, indem sie sich Verhaltensweisen von anderen Menschen abschauen.

Bis dahin war man davon ausgegangen, dass Kinder ausschließlich durch Konditionierung lernen. Wir bestärken ein Kind, etwas zu tun, indem wir es dazu auffordern. Wir bestrafen es für sein Fehlverhalten, damit es lernt, dieses nicht zu wiederholen. Wir belohnen es, wenn es etwas richtig gemacht hat.

Und dann wäre da noch unser Instinkt. Es steckt einfach in uns, andere zu imitieren. Säuglinge liefern den Beweis. Sie ahmen Gesten eines Erwachsenen nach, einfach so, ohne Verstärkung oder Belohnung. Sie spitzen die Lippen, strecken die Zunger heraus oder machen den Mund weit auf.

Bandura-Theorie: So imitieren wir andere

In Fachkreisen bekannt gemacht hat Bandura das sogenannte Bobo-Doll-Experiment von 1965. Dabei spielte er kleinen Kindern im Alter von vier bis fünf Jahren zunächst einen Kurzfilm vor. Darin ist ein Erwachsener zu sehen, der eine Plastikpuppe schlägt, zu Boden wirft, beschimpft, sich insgesamt sehr aggressiv verhält.

Nun hatte der Film drei Endungen.

  • In Fassung 1 wird der Grobian von einer zweiten Person für sein Verhalten gelobt und mit Süßigkeiten belohnt.
  • In Version 2 tadelt die zweite Person den Schläger und droht ihm seinerseits eine Bestrafung an.
  • In Version 3 bleibt das aggressive Verhalten ohne Konsequenzen, die zweite Person taucht hier erst gar nicht auf.

Danach wurden die kleinen Zuseher selbst in den Raum mit Plastikpuppe Bobo geschickt. Folge: Die Kinder, die das Video mit der ersten Endung gesehen hatte, verhielten sich Bobo gegenüber wesentlich aggressiver. Sie traten, schlugen, beschimpften die Puppe.

Aber: Sobald der Versuchsleiter den anderen Kindern eine Belohnung versprach, sollten diese das Verhalten nachahmen, prügelten auch sie ohne Unterlass auf Bobo ein. Jetzt waren alle Kinder gleichermaßen aggressiv.

Banduras Schlussfolgerung: Sämtliche Kinder hatten das Verhalten durch schlichte Beobachtung erlernt. Ob sie das erlernte Verhalten dann auch nachahmten, hing wiederum von anderen Faktoren ab, von Belohnungen oder Bestrafungen etwa.

Lernen durch Beobachtung hat demnach etwas mit Aufmerksamkeit zu tun und mit Prozessen im Gedächtnis.

Auch fand Bandura heraus, dass es vor allem dominante, mächtige Personen sind, die wir imitieren. Und Personen, die uns selbst ähnlich sind.

Aus evolutionärer Sicht macht das Sinn. Wenn wir starke Menschen nachahmen, müssten wir der Logik zufolge unsere eigenen Chancen auf Erfolg (Überleben) steigern. Und ähnliche Personen geben uns Rückschlüsse darauf, wie es uns selbst in einer vergleichbaren Situation ergeht.

Oder wie Michael Hill sagt:

Die Fähigkeit, schnell von anderen zu lernen, kann Menschen den entscheidenden Vorteil vor anderen Spezies verschaffen.

Beobachtungslernen: 5 Tipps für den Arbeitsalltag

beobachtungslernen-tippsAus Laiensicht gilt nun weiterhin: Aus (eigenen) Fehlern wird man klug. Aber den einen oder anderen Fehler dürfen Sie gerne auch von vornherein vermeiden. Beobachtungen helfen dabei. im Arbeitsalltag bieten sich vor diesem Hintergrund konkret an:

  • Jobrotation: So lernt man - auch durch Beobachtung - neue Aufgabengebiete und Jobprofile kennen.
  • Praktikum: Das Prinzip Praktikum basiert unter anderem darauf, durch Beobachtung (und Learning by doing) einen Lernprozess in Gang zu setzen.
  • Referate: Reden, Präsentationen, Referate sollten Sie sich auf Konferenzen oder in der Uni ganz genau anschauen. Wer macht wo was richtig oder falsch? Lerneffekt: groß.
  • Assessment Center: Wer nicht unangenehm auffallen will, tanzt nicht aus der Reihe. Wer aber den Job unbedingt will, geht mutig voran und probiert etwas Neues. Sofern er das gut macht, wird er von den anderen kopiert. Mal beobachten!
  • Chamäleontechnik: Mit ihrer Hilfe spiegeln Sie andere Menschen und machen sie sich gewissermaßen gefügig. Dazu müssen Sie deren Verhalten zuvor aber genau studieren.
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