In Robert Zemeckis Spielfilm Cast Away mimt Tom Hanks den Vielarbeiter Chuck Noland. Er ist Controller bei dem Logistikunternehmen FedEx, reist ständig kreuz und quer durch die Welt und ist deshalb kaum zu Hause. Er empfindet seine Arbeit als ungeheuer befriedigend, schöpft aus ihr wesentliche Impulse für seinen Alltag, aber er flieht nicht etwa in die Arbeit. Mit seiner Freundin Kelly führt er ein harmonisches und erfülltes Privatleben. Sie hält trotz seiner knappen Zeit fest zu ihm. Am Ende ist es ein Flugzeugabsturz, der ihn aus diesem Leben reißt und auf eine einsame Insel verschlägt. Und wieder ist es die Arbeit, die ihn am Leben erhält: Der tägliche Kampf ums Überleben füllt ihn aus und lässt ihn – zumindest anfangs – die Einsamkeit ertragen.

Es ist kein Zufall, dass dieser Noland in einem US-Spielfilm auftaucht. Im Selbstverständnis des Durchschnittsdeutschen wäre er vermutlich erst als Aussteiger so richtig aufgeblüht: Besitzer einer eigenen Pazifik-Insel mit Hängematten-Panorama, einen Job mit freier Zeiteinteilung und einem Basketball-Kumpel namens „Wilson“, der nie widerspricht. Toll. Hierzulande ähnelt Arbeit eher so etwas wie Muskelaufbau: Sie muss weh tun, sonst bringt sie nichts. Entsprechend gestresst sind wir bei unserem Tagwerk, arbeiten uns krumm und kaputt oder sogar tot.

Dabei wird die Arbeit ein zunehmend knappes Gut. Längst wandern nicht mehr nur gering qualifizierte Arbeiten in Billiglohnländer ab. Gleichzeitig verhärten sich die Fronten zwischen den Arbeitslosen und den Arbeitsplatzbesitzern, wobei es bei der anschließenden Debatte selten um die Befriedigung durch Arbeit, sondern um Kaufkraft und gesellschaftlichen Status geht. Und ausgerechnet diejenigen, die Arbeit haben, lieben sie häufig nicht. Das, was sie tun, tun sie nur, um es eines Tages nicht mehr tun zu müssen.

Sie reden verächtlich vom Workaholic und meinen damit den Narr, der ohne Arbeit nicht leben kann. Der Leistungswillige steht plötzlich auf Augenhöhe mit den Alkoholikern und Drogensüchtigen. Und trifft sich die Riege der leidenden Angestellten abends zum Geschäftsessen, dann ist häufig die Rede davon, wie lange einer noch arbeiten muss und wie er danach leben will. Arbeit und Leben werden zu Konkurrenten, die es – Work-Life-Balance sei dank – gegeneinander abzuwiegen gilt.

Was für ein Trauerspiel! Wer arbeitet, lebt – da gibt es keinen Gegensatz. Leben und Arbeit können wunderbar symbiotisch miteinander verbunden sein, einander stärken und befruchten. Manchmal trifft man Menschen, die nicht mehr arbeiten müssen. Sie lassen sich – mit wenigen Ausnahmen – in zwei Gruppen einteilen: Die eine erfreut sich an Spaßmaßnahmen wie Extrem-Sonnenbading in Florida oder Segeln in der Ägäis. Doch schon nach kurzer Zeit fühlen sich diese Menschen leer und sehnen sich nach einer Aufgabe. Die andere Gruppe arbeitet weiter, stellt vielleicht sogar Neues auf die Beine. Und interessanterweise sind diese Leute auf Dauer deutlich zufriedener. Die Ursache dafür ist ihre Arbeit und nicht etwa – wie viele fälschlicherweise annehmen – die Höhe ihrer Vergütung. Oder um es mit Mark Twain zu sagen: „Je mehr Vergnügen du an deiner Arbeit hast, desto besser wird sie bezahlt.“

Schon in der kommende Dekade werden immer mehr von uns länger arbeiten. Es wird Zeit, dass wir dies als Luxus begreifen und den positiven Einfluss der Arbeit auf unser Leben schätzen lernen.

Für den deutschen Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Thomas Mann war Arbeit schwer und „oft genug ein freudloses und mühseliges Stochern; aber nicht arbeiten – das ist die Hölle“. In einem Beruf, der uns erfüllt, spielt die Menge der Zeit, die wir dafür investieren, keine Rolle. Wochen vergehen wie Tage, Stunden wie Sekunden. Mit der richtigen Einstellung ist dies keine Belastung, sondern eine Freude.

Natürlich gibt es auch Jobs, die körperlich anstrengend, gefährlich oder eintönig sind. Manns Diktum gilt sicher nicht in dem Maß für Tellerwäscher oder Fließbandarbeiter wie es auf Manager, Freiberufler oder Unternehmer zutrifft. Aber für alle gilt: Wer seinen Beruf, seinen Dienst nicht liebt, der wird davon weder erfüllt, noch außergewöhnliches schaffen. Bezeichnenderweise gibt es denn auch kein Wörterbuch – außer dem Englischen – in dem der Erfolg („success“) noch vor der Arbeit („work“) kommt.