Seit jeher sind die Menschen fasziniert von Ranglisten. “Die 100 reichsten Deutschen”, “Die 50 Mächtigsten”, “Der Mitarbeiter des Monats”, “The most sexiest Man alive”. So was. Weil das so ist, gibt es im Internet längst Seiten, die sich allein dem Auflisten von Listen widmen, wie zum Beispiel Woobby oder eben auch diverse Blogcharts (siehe weiter unten). Im Wirtschaftsalltag heißt diese Form des Sichvergleichens Benchmarking. Im Kern geht es dabei um die Fragen: Wo stehen wir im Vergleich zum Wettbewerb? Und für was stehen wir überhaupt?
Diese Art Standortanalyse funktioniert natürlich auch persönlich. Mir fällt dazu immer eine Szene aus der Archäologie-Fiktion Stargate ein. In dem Film finden Wissenschaftler ein altes, ägyptisches Ringtor mit sieben Symbolen, wissen aber nicht so recht, was sie damit anfangen sollen. Bis zu der Schlüsselszene in der einer der Hauptdarsteller (James Spader) ihnen erklärt, es handele sich hierbei um Reisekoordinaten. Sinngemäß sagt er dann: “In jedem dreidimensionalen Raum braucht man sechs Punkte, um das genaue Ziel zu lokalisieren – und einen siebten, konstanten für den Kurs.” Oder anders formuliert: Wenn man nicht weiß, woher man kommt, kann man auch kein Ziel ansteuern.
Gewiss, eine neue Welt zu entdecken, ist ein großartiges Abenteuer. Nur meinen dabei manche, Fortschritt und Konstanz würden sich ausschließen. Das ist ein Irrglaube. Natürlich kann jeder ohne weiteres ab und an die Richtung auf seinem Lebensweg, in seinem Beruf, seiner Position wechseln – egal, ob rauf, runter oder seitwärts. Ohne Konstanten aber gerät man dabei leicht ins Schleudern. Bei aller Liebe zu Flexibilität und Anpassungsfähigkeit (Darwin lässt grüßen) sollte man sich stets auch ein paar Werte überlegen, für die man nachhaltig steht und womit andere Menschen einen identifizieren. Nur so wird man zu einer Integrationsfigur, einem Freund und Kollegen, den man achtet und dem man vertraut, weil er über eine Eigenschaft verfügt, die heute hoch geschätzt wird: Authentizität.
Gleichzeitig hat dieses Standortbestimmen und regelmäßige Vergleichen aber auch eine negative Konnotation: Es offenbart immer auch Unsicherheit, bis hin zu latenter Orientierungslosigkeit. Wer also Ranglisten (oder Vergleichbares) bei seiner Standortbestimmung allzu ernst nimmt, läuft Gefahr, jener Illusion zu erliegen, die diese Rankings allesamt erzeugen: den Nachdruck des Beschlossenen. Ranglisten sind allenfalls Momentaufnahmen – manchmal sogar von zweifelhafter Methodik. Dennoch ist die Wirkung auf unsere Psyche enorm.
Ich las dazu kürzlich eine schönes Beispiel in dem neuen Buch von Christian E. Elger: “Neuroleadership“. In dem dort beschriebenen Experiment mussten Probanden Wörter am Computer nach ihrer Länge sortieren oder zu Sätzen zusammenstellen. Scheinbar sollte dabei Sprachvermögen getestet werden. Tatsächlich aber untersuchten die Forscher die subtile Wirkung der Worte. So musste sich eine Teilnehmergruppe ausschließlich mit Worten beschäftigen, die sich rund um die Themen Alter, Krankheit, Gebrechlichkeit drehten, während eine andere Gruppe Wortgruppen über Leistung, Sport, Erfolg sortierte. Anschließend bat man alle Probanden das Gebäude zügig über eine Treppe zu verlassen. Dabei wurde heimlich die Zeit gestoppt. Und siehe da: Wer sich zuvor mit Krankheit und Gebrechlichkeit beschäftigt hatte, war signifikant langsamer. Den Test gibt es in diversen Konstellationen – aber immer mit demselben Ergebnis: Womit man sich gedanklich beschäftigt, das prägt einen auch real.
Entsprechend wirken auch Ranglisten: Wer oben steht, wird vermutlich motiviert (oder Sorge haben, wie er den Rang hält); wer weiter unten darbt oder gar abstürzt, ist dagegen frustriert. Oder (was bei Bloggern gerne vorkommt) meint, er müsse dem voran schreitenden Verfall durch Aktionismus entgegenwirken. Riesenfehler! Ranglisten sollte man betrachten wie Fotografien. Sie sind schön für den Moment, dann aber sollte man sie beiseite legen und wieder vergessen. Sonst wirken sie lähmend.
Natürlich kann man keinen Beitrag über Ranglisten schreiben, ohne selbst eine Rangliste zu produzieren. Dashalb gibt es an dieser Stelle eine Rangliste der Blog-Ranglisten – allerdings ebenfalls von zweifelhafter Methodik: Als Referenz diente der Alexa Traffic-Rank. Aber für den Moment reicht das allemal.
Rangliste der Ranglisten
| Rang | Rangliste | Alexa-Traffic-Rank |
| 1. | Blogranking (Wikio) | 13.556 |
| 2. | Blog Rangliste Deutschland (WYP) | 39.062 |
| 3. | Twingly Top 100 | 45.809 |
| 4. | Deutsche Blogcharts | 61.135 |
| 5. | Deutsche Twittercharts (Februar 2009) | 125.828 |
| 6. | Rivva Leitmedien | 178.658 |
| 7. | Blogato Blogcharts (Mai 2008) | 193.788 |
| 8. | Lesercharts | 496.027 |
| 9. | Zusammengerechnet | 1.467.689 |



Jens Schröder
Hallo Jochen, das Ranking ist leider ziemlicher Blödsinn – und das gar nicht mal nur weil Du Alexa als Quelle genutzt hast. Erstens müsste die Reihenfolge natürlich genau umgekehrt sein, denn je geringer der “Traffic Rank”, desto besser. Zweitens: Alexa errechnet keinen Traffic einzelner Unterseiten einer Website. Sprich: Der “Traffic Rank”, den Du für die Twittercharts angibst, ist natürlich in Wirklichkeit der für popkulturjunkie.de. Gleiches gilt für das WIkio-Blogranking, Whatsyourplace.de, Twingly.com, Rivva.de, Blogato und zusammen.gerechnet.de. Sprich: Alle Angaben mit Ausnahme der deutschen blogcharts und der Lesercharts können so nicht vergleichen werden.
Jochen Mai
@Jens: Dass Alexa nur die Hauptseiten bewertet, ist mir doch völlig klar. Das sah man ja schon bei den jeweiligen Chartseiten. Durchgegangen ist mir allerdings tatsächlich die Reihenfolge. Die tausche ich gleich mal aus. Alles andere aber liegt durchaus im beabsichtigten Sinn, dieses ewige Ranken ad absurdum zu führen. Ernsthaft: Wer wollte schon Ranklisten ranken?
Armin
Aehm, sind saemtliche Blogrankings nicht sowieso ziemlicher Bloedsinn? Ein Nischenblog mit einem auf Massenpublikum ausgelegten Blog nach dem Traffic oder den Verlinkungen zu vergleichen hat einen gegen Null gehenden Erkenntniswert.
Jochen Mai
@Armin: Da Nischenblogs qua Definition in solchen Popularitäts-Ranglisten meist nicht auftauchen, werden sie dort auch nicht verglichen. Insofern zieht das Argument nicht. Aber Nischenblogs aufgrund ihrer Nichtpräsenz in solchen Ranglisten die Daseinsberechtigung abzusprechen oder sie “bedeutungslos” zu nennen – das wäre in der Tat: Blödsinn.
Tobias
Also ich bin empört – müssten alle Rankings zusammengerechnet nicht auf 1 stehen? ;-)
Redscreen
Alexa ist totsl überflüssig! Da man die Alexa Toolbar installiert haben muß umd dort gezählt zu werden, haben die Zahlen keine wirkliche Aussagekraft.