Büro ist wie Boxen: Ständig gibt’s was auf die Nase und nur wer ordentlich einstecken kann, kommt eine Runde weiter.
In nicht gerade wenigen Unternehmen funktioniert das so. Hier herrscht das Credo: Die Abwesenheit von Kritik ist Motivation genug. Wie sagte schon der deutsche Maler Anselm Feuerbach: „Tadeln ist leicht, deshalb versuchen sich so viele darin. Mit Verstand loben ist schwer, darum tun es so wenige“? Dabei vermissen deutsche Arbeitnehmer genau das: Lob. So kam eine Erhebung der Hewitt Associates, bei der 120.000 Mitarbeiter und 3000 Führungskräfte in rund 600 Unternehmen befragt wurden zu dem Ergebnis: 42 Prozent der Arbeitnehmer wünschen sich mehr Anerkennung auf der Arbeit und für ihre Arbeit.
Weiter oben in der Hierarchie sieht das übrigens nicht anders aus: Über 65 Prozent der Manager sehnen sich nach mehr Lob im Job, was wiederum eine Umfrage unter rund 970 Führungskräften vom Verband „die Führungskräfte“ und der Kommunikationsberatung Kehkom ermittelt hat. 88,5 Prozent der Befragten waren zugleich davon überzeugt, dass regelmäßiges Lob den Unternehmenserfolg steigert.
Und hier widersprechen sich dann auch beide Umfragen. Denn während die Arbeitnehmer den Applaus vermissen, geben rund 50 Prozent der Manager an, ihre Mitarbeiter mindestens einmal in der Woche, 25,2 Prozent wenigstens noch einmal im Monat zu loben. Die meisten tun dies verbal (96,1 Prozent), gut ein Drittel per Prämien und 24 Prozent durch Gehaltserhöhungen. Dankschreiben (12,6 Prozent) und öffentliche Anerkennung (8,2 Prozent) spielen hingegen nur eine untergeordnete Rolle. Die Mehrheit der Manager selbst findet übrigens verbales Lob genauso wichtig wie monetäre Anerkennung (66,5 Prozent) – 22,6 Prozent bevorzugen allerdings letztere.
Lob ist Labsal für die Seele. Das weiß jeder, der schon einmal den süßen Geschmack des Beifalls gekostet hat. Zugegeben, das klingt pathetisch. Aber genauso fühlt sich Anerkennung an: süß, lustvoll, erhebend. Psychologen wissen längst: Lob bringt die Menschen dazu, selbigem gerecht zu werden; es wärmt ihr Herz und öffnet den verstockten Geist. Durch gezielte Wertschätzung lassen sich Chefs genauso lenken wie Kollegen.
Die Gier nach Anerkennung
Das ist aber womöglich zugleich auch ihr größter Haken. Anerkennung kann süchtig machen, und damit anfällig für Manipulationen. In der aktuellen NEON gibt es dazu einen interessanten Artikel, über „Die Danke-Falle“. Dort heißt es:
Der moderne Berufstätige sucht im Job nach Selbstverwirklichung, will seine eigenen Ziele und Sehnsüchte verwirklichen. Die Powerpointpräsentation wird zur Videoinstallation, der Konferenztisch zur Bühne für den großen Auftritt. Bleiben Applaus, Spotlight und Konfettiregen aus, stürzt der manisch-depressive Büronarziss von der Selbstüberschätzung in die Sinnkrise.
Da ist viel Wahres dran. Lob wirkt destruktiv, sobald es zu einer Motivations-Droge mutiert. Je mehr einer sein Selbstwertgefühl aus seinem Job, seiner Position, seiner Karriere bezieht, desto abhängiger wird er davon. Und je mehr so jemand versucht, sich im Beruf zu verwirklichen, desto stärker schmerzt auch das Scheitern, wenn er (oder sie) realisiert, am Ende doch nur irgendeinen Job zu machen und dabei auch nur irgendein Rädchen im Getriebe zu sein. Solche Menschen verhalten sich zuweilen nicht viel anders als ein Junkie auf kaltem Entzug.
Der Kernfehler daran ist, dass sie das Urteil über Fortune oder Fiasko anderen überlassen. Der Applaus wird dann zum Gradmesser für das eigene Lebensglück – dabei ist der dafür völlig ungeeignet.
Es ist ja auch so: Wer einen guten Job macht, muss deswegen noch lange keinen Beifall ernten. Viel öfter sind es jene Kollegen, die ins Rampenlicht drängen. Und nicht zuletzt könnte man auch die Frage stellen: Schätzt jemand, der ständig nach der externer Anerkennung giert, vielleicht sich selbst nicht genug?
Ein bauchpinslerisches „Prima!“, „Super!“ oder „Weiter so!“ kann niemals die eigene, die intrinsische Motivation ersetzen. Umgekehrt kann aber die Aussage, dass einer mehr gelobt werden möchte, unfreiwillig entlarven: Sie degradiert den Jammerer zum unselbstständigen Esel, der seine Möhre vor der Nase vermisst. So jemand profiliert sich nicht wirklich als Leistungsträger in spe.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Das soll kein Persilschein werden für alle, die Wertschätzung für überflüssigen Luxus halten. Das ist sie ganz gewiss nicht. Fehlen positive Rückmeldungen, kann das ungeheuer frustrieren und manchmal sogar körperlich wehtun – so, als ob man seinem Partner sagt: „Ich liebe Dich“ und der nur antwortet „Ich weiß“.
Fehlen positive Rückmeldungen, tendieren Belegschaften dazu, ihre Patzer zu vertuschen, um wenigstens den Tadel zu vermeiden. Aus totgeschwiegenen Fehlern kann wiederum keiner lernen und sie wiederholen sich. Die zweite Folge ist Stress. So konnten Wissenschaftler des Instituts für Medizinische Soziologie der Universität Düsseldorf belegen, dass fehlende Wertschätzung Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychische Leiden fördern kann. Lob dagegen, so die Forscher, senke die Krankheitsrisiken deutlich.
Die positive Wirkung der Wertschätzung wies auch Albert Bandura, Psychologie-Professor an der Stanford-Universität, nach: Gelobte sind motivierter, stecken sich höhere Ziele, fühlen sich diesen stärker verpflichtet, teilweise unterstellen sie sich sogar bessere Fähigkeiten, was wiederum ihre Leistungskraft verbessert. „Es ist ein Zeichen von Mittelmäßigkeit, nur mittelmäßig zu loben“, mäkelte schon der US-Präsident Benjamin Franklin.
Wenn schon loben, dann richtig
Handgeschriebene Zettel, eine aufmunternde E-Mail, ein kurzer Anruf, ein Schulterklopfen vielleicht sogar – privat oder im Kollegenkreis – sind nicht nur billiger als Boni, sondern auch viel wirkungsvoller, weil sie die Rückmeldung um zwei wertvolle Beigaben bereichern: aufgewendete Zeit und menschliche Nähe.
Richtig zu loben ist eine lernbare Kunst. Jemandem nur zu sagen „Gut gemacht!“, reicht nicht – im Gegenteil: Ohne konkrete Begründung verkehrt sich die Effekt. „Wen jemand lobt, dem stellt er sich gleich“, räsonierte Goethe. Mindestens. Meist erhöht sich der Lobende sogar, weil er scheinbar als einziger die fremde Leistung bewerten darf. So funktioniert das nicht. Damit Komplimente das Herz des anderen wirklich berühren und ihn zur gewünschten Reaktion bewegen, müssen sie zwei Bedingungen erfüllen:
- Lob muss ehrlich sein. Es muss klar werden, womit es verdient wurde. Unverdienter Beifall lärmt nur wie verkleideter Spott. Zudem ist jedes Kompliment nur soviel wert, wie der Mensch, der es verschenkt. Oder wie Lessing einmal sagte: „Der wahre Virtuose spottet bei sich über jede uneingeschränkte Bewunderung, nur das Lob desjenigen kitzelt ihn, von dem er weiß, dass er auch das Herz hat, ihn zu tadeln.“ Wichtig ist deshalb, bei den Fakten zu bleiben und weder zu übertreiben, noch herunterspielen. Je spezifischer die erzielten Erfolge geschildert werden, desto fundierter wirkt die Anerkennung. So kann der Betroffene auch davon lernen.
- Lob muss emotional sein. Gefühle wirken stärker als sachliche Argumente. Für die Glaubwürdigkeit ist daher entscheidend, dass echte Begeisterung des Laudators spürbar wird, ebenso dass er dem anderen auf Augenhöhe begegnet. Dasselbe gilt für Einschränkungen – und sei es die kleinste Kritik: Jeder Schönheitsfleck degradiert das Lob zur Fassade. Deshalb sollte man darauf verzichten.
Das richtige Bonmot im richtigen Augenblick überzeugend vorgebracht, hilft nicht nur dabei, fehlgeleitete Kollegen auf die rechte Spur zurück zu führen. Mit gezielten Komplimenten können Sie andere enorm ermutigen. Zum Beispiel so:
- Zeigen Sie Interesse. Von all den hier genannten Punkten ist das sowohl der einfachste wie auch effektivste, andere – seien es Mitarbeiter, Kollegen, Freunde, Partner – zu ermutigen: Zeigen Sie, dass Sie sich wirklich dafür interessieren, was der andere macht oder erreichen will. Stellen Sie Fragen. Loben Sie. Bewundern Sie. Nichts wirkt stärker.
- Wertschätzen Sie. Sprichwörtlich: Also nicht nur Schulterklopfen, sondern schätzen Sie den Wert der Sache und bestätigen Sie die große Bedeutung dieses Beitrags. Menschen hassen das Gefühl, nur ein unbedeutendes Rädchen im Getriebe – oder (noch schlimmer) das Reserverad – zu sein. Umgekehrt: Wenn Sie ihren Plänen und Projekten einen hohen Wert beimessen – am besten öffentlich – schlägt das sofort auf das Selbstbewusstsein durch, baut auf und weckt neuen Enthusiasmus.
- Bitten Sie um Rat. Es ist die subtilste Form des Lobes – und kaum jemand kann diesem Antrag widerstehen, sein Können und Wissen weiterzugeben, weil er darum gebeten wird. Erstens, weil Sie ihn dadurch erhöhen (Er der Meister – Sie der Schüler); zweitens, weil er sich so verewigen kann. Schließlich setzen Sie sein profundes Wissen damit weiter. Und am Ende ist es einfach ein sehr erbauliches Gefühl, der Welt etwas Gutes von sich hinterlassen zu haben.
- Zeigen Sie Dankbarkeit. Es gibt Menschen, die helfen gerne. Sobald sie Probleme sehen, packen sie an oder erledigen die Dinge, die getan werden müssen, ungefragt, als wäre es selbstverständlich. Ist es aber nicht. Und mangelnde Dankbarkeit kann diese Menschen sehr schnell bitter machen. Dann fühlen sie sich nur noch ausgenutzt. Traurig und folgenschwer – denn nicht selten sind sie die guten Seelen, die einen Betrieb oder eine Familie enorm bereichern.
- Revanchieren Sie sich. Pop-Ikone Madonna singt in ihrem Hit „Sorry“ die Zeile „Don’t explain yourself cause talk is cheap“. Recht hat sie! Ein Dankeschön, gelegentlicher Beifall und Wertschätzung tun zwar gut – auf Dauer aber können Sie Taten nicht ersetzen. Reden ist billig. Revanchieren Sie sich ab und an auch – und zeigen Sie damit, wie wertvoll der vorherige Gefallen oder die gezeigte Leistung tatsächlich für Sie war.
- Überraschen Sie. Die meisten Menschen, die Überdurchschnittliches leisten oder sich herausragend engagieren, haben ein gutes Gespür dafür, das dies auch so ist. Deswegen erwarten Sie meist auch irgendeine Reaktion ihrer Umwelt darauf. Das Mindeste ist dann Lob oder Anerkennung. Viel größer aber ist der ermunternde Effekt, wenn Sie über solche Erwartungen hinausgehen. Etwa, wenn Sie dem Betreffenden aufgrund seiner Leistung einen Tag frei geben. Oder ihm und seinem Partner ein romantisches Wochenende in einem Nobelhotel spendieren – schließlich haben sich die beiden in den vergangenen Wochen wegen des wichtigen Projekts kaum noch gesehen… Egal wie, seien Sie kreativ, spontan und gehen auch Sie bei Ihrer Wertschätzung über Durchschnittliches hinaus.
Merke: Erwarten Sie nicht immer und überall Lob und Wertschätzung von anderen – schon gar nicht vom Chef. Und umgekehrt: Loben Sie selbst mehr! Denn das Klopfen auf die Schulter liegt zwar nur ein paar Rückenwirbel über dem Tritt in den Steiß – in Sachen Effizienz ist es diesem aber deutlich überlegen.







Margrit Kehmeier
Lieber Herr Mai, ich danke für die Erinnerung an die Umfrage. Seitdem versuche ich bewußt, immer dann jemanden zu loben, wenn ich mich über das gefreut habe, was er oder sie getan hat. Meine Erfahrung: Die Freude springt über und kommt zurück. Das ist nicht Friede, Freude Eierkuchen. Das nenne ich Motivation.
Pia W.
Lieber Herr Mai, vielen Dank für diesen hilfreichen Artikel. Ich schreibe gerade eine Bachelorarbeit über das Thema Mitarbeitermotivation und Maßnahmen / Tools zur Mitarbeiteranerkennung und danke herzlich für die Inspiration! Besonders den Gedanken, dass Lob süchtig machen kann, empfinde ich als entscheidend. Es scheint, dass die emotionale Unabhängigkeit eines Menschen, bzw. die Fähigkeit sich in gesundem Maße vom Nächsten abhängig zu machen, eine wichtige Grundlage für “erfolgreiches” Loben und Anerkennen ist…
Michael (Eifelpfeil) Kieweg
Geld funktioniert unter Anderem deshalb nicht so toll als Motivation, weil es direkt mit dem Begriff “verdienen” verknüpft wird. Die Prämie / Lohnerhöhung wird zu etwas, auf das ich Anspruch habe.
Schließlich habe ich ja dafür gearbeitet…..
Da ich aber immer für den Betrieb arbeite, habe ich immer Anspruch auf Geld. DasBesondere verschwindet im Alltag.
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Sergej Müller
Ausgezeichneter Artikel.
Die Süchtigkeit nach Lob und Anerkennung kenne ich zu gut: Während der Entwicklung von freier Software wird man nicht selten von Danksagungen und Applaus überhäuft. Das macht den Entwickler stark und fördert aktiv die Weiterentwicklung der Anwendungen. Bleiben Rückmeldungen einmal aus – aus welchen Gründen auch immer – so fragt man sich gleich, was falsch gemacht wurde. Daraufhin schaltet man einen Gang zurück und sucht nach den Ursachen des ausbleibenden Feedbacks.
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