bildstorungIch bin ein Verlierer. Ja, doch. Heute morgen zum Beispiel habe ich fünf Haare verloren. Ich fand sie im Kamm. Hingen einfach so da, schlaff zwischen den Zinken, wie ein löchriger Fahrradschlauch. Und das war nicht das erste Mal. Mit steigendem Alter finde ich öfter verlorene Haare an mir. Meist sind es dunkelblonde. Das ist okay, das sind meine. Seltener sind sie auch sehr lang und brünett. Das ist auch noch okay, das sind ihre. Nur einmal waren ein paar lange sehr blonde Haare am Mantelrevers. Das war nicht so okay und führte zunächst zum Verlust der Muttersprache, danach kamen einige Erinnerungsfragmente abhanden. Falls man dann nicht sehr schnell sein Gedächtnis wiederfindet, führt es auch schon mal zum Verlust des angestammten Schlafplatzes. Aber so kam das natürlich nicht.

Wo war ich stehengeblieben? Achso: verlieren. Gestern habe ich auch noch Geld verloren. Zwei Euro und ein paar Zerquetschte. Ich war sicher, die Münzen in die Hosentasche gesteckt zu haben. Aber da man überall nur noch Vintage-Jeans kaufen kann, die viele Löcher haben, die man alle mitbezahlen muss, was die Jeans zusätzlich sehr teuer macht, ist es keine gute Idee, Wechselgeld in modisch-perforierte Gesäßtaschen zu stecken. Es waren sicher nicht die letzten Piepen, die ich verloren habe. Immerhin: Ich spekuliere schon seit geraumer Zeit nicht mehr an der Börse.

Das Schicksal des Losers zeichnete sich bei mir übrigens schon früh ab. Mit drei Jahren verlor ich ein paar Milchzähne. Das sah, sagen wir, unschön aus. Mit fünf Jahren büßte ich meinen damals besten Freund ein, weil wir von Darmstadt nach Köln umzogen (zumindest war das ein lokaler Aufstieg). In der Grundschule dann verlor ich das erste Mal mein Herz an eine Mitschülerin. Die fand das ganz klasse, ließ mich ihren Ranzen nach Hause schleppen und dann abblitzen, woraufhin ich sehr verloren dastand und – als sei das nicht schon schmerzhaft genug – dadurch gleich noch mein Gesicht verlor, weil dir so ne Geschichte natürlich noch Wochen auf dem Pausenhof nachläuft. So ging das immer weiter: Turniere verloren, Schlüssel verloren, Nerven verloren, Unschuld verloren, Durchblick verloren. Nur auf der Damentoilette hatte ich damals eigentlich nichts verloren. Aber das ist eine andere Geschichte. Diese geht so: Vergessen rechtzeitig das blöde Bluetooth-Headset fürs Handy zu reklamieren – Anspruch verloren. Zu viele B-Movies geschaut – Schrecken verloren. In die Sauna gegangen – Gewicht verloren. Frau fürs Leben gefunden – den Kopf verloren. I’m a loser baby, why don’t you kill me?!

Heute habe ich außer ein paar Haaren übrigens noch die Fassung verloren. Meine Frau erzählte mir vorhin, mein Sohn hätte seiner Lehrerin heute morgen mitgeteilt, ihm sei kalt und er fühle sich nicht so gut. Daraufhin habe die nur geantwortet, die Schule sei eh bald aus, solange könne er ja wohl noch aushalten. Nachmittags lag er dann mit 39,5 Grad Fieber und Schüttelfrost auf der Couch. Ich finde, bei solchen Lehrern ist Hopfen und Malz verloren. Die Berufsberechtigung sowieso. Aber darüber wollte ich eigentlich auch nicht schreiben.

Können Sie mir noch folgen? Ich nicht. Und schon wieder ist es passiert: Irgendwann in diesem Text ist mir auch noch der rote Faden abhanden gekommen. Also höre ich wohl besser damit auf, sonst verliere ich auch noch Sie – die Leser.