Loslassen lernen
Kaum etwas fällt uns schwerer als das Loslassen. Dabei ist das Festhalten doch der größere Kraftakt, sollte man meinen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Zwar raten uns viel Freunde oder die Familie: "Du musst loslassen lernen!" "Lass endlich los!" Das ist aber leichter gesagt, als getan. Vor allem dann, wenn es sich um einen geliebten Menschen handelt. Aber auch sonst schleppen wir Dinge aus der Vergangenheit wie Ballast auf unserer Seele herum und schaffen es einfach nicht, den Blick nach vorne zu richten und uns auf die Zukunft zu konzentrieren. Woran liegt das? Und warum klammern wir uns so fest? Was die Psychologie darüber weiß - und wie wir loslassen lernen können. Sogar schmerzfrei...

Loslassen: Was bedeutet das überhaupt?

Loslassen DefinitionMenschen reagieren unterschiedlich auf Veränderungen. Die meisten mögen sie nicht - wir sind eben auch Gewohnheitstiere. Wer es sich erst einmal in seiner Komfortzone bequem gemacht hat, scheut das Risiko. Gewohntes und Routinen geben uns Sicherheit und das Gefühl von Geborgenheit. Auch wenn das zuweilen eine Illusion ist und Veränderungen dennoch passieren.

Loslassen ist daher eine Form, auf Ereignisse oder Entwicklungen angemessen zu reagieren.

Wer loslässt, passt sich der Situation an, akzeptiert, was passiert ist - selbst wenn das den eigenen Interessen widerspricht.

Man könnte auch sagen: Loslassen ist eine Form der Resilienz. Statt gelähmt zu bleiben, sich runterziehen zu lassen und über die Neuerungen nicht hinweg zu kommen, reagieren die Betroffenen wie Stehaufmännchen, ordnen sich und ihr Leben neu und machen weiter - nur eben nicht wie bisher.

Loslassen heißt daher auch vertrauen lernen. Vertrauen auf die positive Zukunft. Darauf, dass selbst Schicksalsschläge einem zum Guten dienen können (was viele freilich erst in der Rückschau erkennen).

Wer loslassen lernen will, braucht daher vor allem zwei Dinge:

Allerdings - und das muss man auch sagen: Wer loslässt, fühlt sich selten gut dabei. Schließlich akzeptiert man dabei einen Verlust, und es entsteht zunächst einmal eine Lücke oder Leere. Bis Ersatz gefunden ist, bleibt der Prozess des Loslassens daher meist kräftezehrend. Erst mit dem Beginn des Neuen stellt sich Erleichterung und neue Energie ein.

Loslassen Sprüche: Aphorismen und Zitate zum Loslassen und Neuanfang

Um sich der Bedeutung eines Begriffs zu nähern, helfen oft auch Aphorismen, Zitate, Sprüche und Gedanken anderer Menschen zu einem Thema. Sie beleuchten die jeweiligen Facetten aus unterschiedlichen Perspektiven und rund das Bild ab. Daher hier noch einige kluge Sprüche zum Loslassen:

Loslassen kostet weniger Kraft als Festhalten, und dennoch ist es schwerer.

Detlev Fleischhammel

Setze keine Fragezeichen, wo das Schicksal schon einen Punkt gesetzt hat.

Unbekannt

Nicht weil wir es wagen, ist es schwer, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.

Lucius Annaeus Seneca

Bevor man neue Möglichkeiten ergreifen kann, muss man oft alte Gewohnheiten loslassen.

Unbekannt

Wer Leben ins Leben bringen will, muss das Festhalten-Wollen aufgeben.

Ernst Ferstl

Wer loslässt, hat zwei Hände frei.

Unbekannt

Loslassen ist die Kunst, Vergangenes zur Ruhe zu betten und der Zukunft freien Raum zur Gestaltung zu überlassen.

Helga Schäferling

Was man liebt, soll man nicht halten.

Napoleon I. Bonaparte

Wir sollten uns das Leben loslassen, das wir geplant haben, um das Leben zu leben, das auf uns wartet.

Unbekannt

Zu wissen, wann man loslassen soll, ist Weisheit. Es auch zu tun, bedeutet Mut. Und wenn man dabei den Kopf oben behält, ist es Würde.

Unbekannt

Loslassen bedeutet Abschiednehmen können. Sich von seinen eigenen Ansichten von Zeit zu Zeit schmerzfrei verabschieden zu können, führt zur inneren Freiheit und eine Vielzahl von inneren Freiheiten summiert sich am Ende zur Weisheit.

Sigrun Hopfensperger

Loslassen – Setz dich an einen Bach und sei einfach da. Das Lied des Wassers wird deine Sorgen aufnehmen und sie hinab zum Meer tragen.

Marcel Proust

Um erlöst zu werden, müssen wir uns von vielem lösen.

Walter Ludin

Loslassen Sprüche: Ende Anfang Hermann Hesse

Loslassen lernen: Wovon eigentlich?

Die Bandbreite der Dinge, an denen wir uns festklammern, ist groß und individuell verschieden. Dennoch gibt es in dem Zusammenhang ein paar Klassiker, von denen viele Menschen nicht loslassen können.

Die folgende Liste erhebt daher zwar keinen Anspruch auf Vollständigkeit, zeigt aber die größten Fesseln, die wir uns zuweilen selbst anlegen:

  • Menschen

    Langjährige Beziehungen oder Freundschaften sind unglaublich prägend für die eigene Persönlichkeit und das Wohlbefinden. Umso schwerer ist es, beispielsweise nach einem Todesfall oder nach einer (unfreiwilligen) Trennung, loszulassen und nach vorne zu blicken. Einen Menschen loslassen, den man liebt (noch immer) - das ist vielleicht die größte Herausforderung von allen. Trennungsschmerzen können enorm nachhaltig wirken. Dabei ist es auch so: Lieben heißt loslassen können. Schließlich ist Liebe das Gegenteil von Besitztum.

  • Wünsche

    Nicht immer werden unsere Wünsche und Träume wahr. Schon gar nicht sofort. Zwar ist es auch so, dass gerade erst das Durchhalten, Verbeißen und Ziele verfolgen zum Erfolg führen (Fachjargon: Volition). Es kommt aber auch der Moment, in dem Aufgeben die bessere Option ist (siehe auch: Concorde Effekt). Manch einer tut sich schwer, den alten (gescheiterten) Plan loszulassen und sich ein neues Ziel zu suchen. Aufgeben ist bitter. Deshalb hadern die Betroffenen mit der ungerechten Welt, fehlender Unterstützung, verpassten Chancen, und es wird krampfhaft weiter versucht, den Wunsch umzusetzen, auch wenn der schon längst nicht mehr realistisch ist. Dabei kann der Abschied ebenso eine Form der Selbstbeschränkung und Selbstbefreiung sein.

  • Vorstellungen

    Sie haben den neuen Job für eine große Chance gehalten, mit netten Kollegen, einem guten Chef und spannenden Aufgaben. Doch dann kommt alles anders. Genau dasselbe kann uns bei Kaufentscheidungen passieren oder sogar bei Weltbildern. Entpuppt sich das Ganze als Reinfall, wird es notwendig, unsere bisherige Vorstellung loszulassen und der Wahrheit ins Auge zu blicken. Das allerdings führt so gut wie immer zu sogenannter kognitiver Dissonanz. Selbstbild und Wirklichkeit passen vorübergehend nicht zusammen. Wir waren blöd, haben einen Fehler gemacht, sind einer Lüge, einer falschen Meinung aufgesessen. Die nötige Korrektur aber tut weh und kratzt am Selbstwertgefühl: So clever, wie wir dachten, sind wir nicht. Wir haben eben doch nicht den Durchblick. Sich das einzugestehen, können nur wenige.

  • Gefühle

    Sowohl positive als auch negative Gefühle können enorm einnehmend sein. Wer sich etwa gekränkt, verletzt oder beleidigt fühlt, kann sich in diesem Gefühl verrennen und in Wut und Rachegedanken verlieren, statt darüber hinwegzukommen. Ähnlich ist es mit Schuldgefühlen oder Selbstmitleid. Nicht wenige verlieben sich geradezu in die (edle) Opferrolle, die sie einnehmen, denn sie delegiert die Verantwortung und Bringschuld von ihnen weg. Hier loszulassen, strengt doppelt an: Erst das Loslassen selbst, dann der folgt der Zwang zum Handeln und selbst aktiv werden.

  • Zustände

    Veränderungen sind immer auch Herausforderungen. Zwar bergen sie Chancen, Risiken aber eben auch - die Zukunft bleibt schließlich ungewiss. Als Gegenmaßnahme versuchen dann viele, den status quo zu wahren und so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Es wird mit Traditionen argumentiert, mit Erfahrungen und vermeintlich sicherem Wissen - selbst wenn die Zeichen der Zeit dies kaum noch rechtfertigen. Bequemlichkeit, Anspruchsdenken, Gewohnheitsdenken, Erinnerungen und Nostalgiegefühle sind jedoch selten gute Ratgeber.

Was passiert, wenn wir nicht loslassen lernen?

Das Gefühl, man müsse sich mit aller Kraft an etwas klammern, also das Nicht-loslassen-können, erzeugt enormen Druck - psychischen zuerst, der sich aber auch körperlich manifestieren kann.

Anfangs zeigt sich die psychische Belastung vielleicht noch durch Erschöpfung, Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche oder auch Kopfschmerzen. Doch das sind vor allem Vorboten.

Wem es weiterhin nicht gelingt, loszulassen, der kann auch ernsthafte gesundheitliche Probleme bekommen:

Leben bedeutet nun mal, den stetigen Wandel und unsere eigene Entwicklung zu akzeptieren. Dazu gehört die Konfrontation mit Kränkung, Eifersucht, Verzweiflung, Verlust, Angst, Wut, Trennung, Trauer, Tod. All das hat und wird wohl jeder Menschen einmal erleben. Deshalb ist es auch so wichtig, das Loslassen zu lernen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um loszulassen?

Loslassen lernen: der richtige ZeitpunktVon jetzt auf gleich klappt es in der Regel nicht mit dem Loslassen. In manchen Situationen wäre das zwar die beste Alternative, doch in der Mehrheit der Fälle ist der radikale Bruch weder nötig noch ratsam.

Es kann wesentlich heilsamer sein, sich langsam von etwas zu trennen - bis zu jenem Zeitpunkt, an dem man einen endgültigen Schlussstrich ziehen muss. Nur wann ist das?

Einen allgemein gültigen Zeitpunkt dafür gibt es natürlich nicht. Kann es auch nicht geben, dafür sind die Umstände einfach zu individuell. Sie können aber zumindest für sich ein paar Indizien ausmachen, die dafür sprechen: Zum Beispiel wenn die obigen (psychischen und physischen) Symptome auftreten und immer stärker werden. Oder wenn Sie merken, dass Sie das Festhalten und Grübeln immer mehr runterzieht.

Loslassen lernen: So erlangen Sie wieder innere Freiheit

Tatsächlich stellen sich die Menschen, die an etwas festhalten immer wieder dieselben Fragen, die dann im Kopf umher kreisen:

  • Warum ich?
  • Wie konnte das passieren?
  • Wie konnte er/sie mir das antun?
  • Wieso passiert das immer mir?
  • Warum sind alle gegen mich?

Die Fragen richten den Blick allerdings nach hinten und führen so oft in eine kraftraubende Abwärtsspirale. Viel klüger ist es, dieselbe Energie zu nutzen, um mit der Vergangenheit abzuschließen und den Blick nach vorne zu richten - oder wie wir schon geschrieben haben:

Fragen Sie lieber WOZU statt WARUM.

Die Frage nach dem Wozu verwandelt selbst den Schicksalsschlag in eine wichtige Station auf einem Weg, der ein Ziel verfolgt. Und das gibt Hoffnung und macht Mut.

Falls Ihnen das zu simpel klingt: Loslassen ist zuerst und vor allem reine Kopfsache, eine willentliche Entscheidung.

Der wiederum gehen Ehrlichkeit und Akzeptanz voraus: Wir dürfen uns Fehler oder Niederlagen eingestehen, müssen die aktuelle Lage akzeptieren, auch wenn sie uns nicht gefällt. Das aber ist bereits der erste Schritt, Bilanz zu ziehen - und damit auch den entscheidenden Schlussstrich.

Machen Sie sich bewusst: Das Loslassen bedeutet weder, dass Sie kapitulieren oder versagt haben. Vielmehr übernehmen Sie wieder das Ruder, schließen ab und treffen eine bewusste Entscheidung für die Zukunft.

Darüber hinaus helfen Ihnen diese...

5 Schritte und Tipps, wie Sie besser loslassen

  1. Denken Sie an die Zukunft.

    Es heißt zwar: Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung. Um das Loslassen zu lernen, ist es aber noch besser, seinen Blick nach vorne zu richten und sich die Gründe bewusst zu machen, die dafür sprechen. Lenken Sie Ihre Gedanken weg von den Fragen der Vergangenheit, dem Ringen und (hoffnungslosen) Wunsch, alles möge bitte so bleiben wie früher - und hin zu den positiven Optionen, die sich daraus ebenfalls ergeben.

    Sie können auch ganz nüchtern eine Gegenüberstellung machen: Was habe ich davon, wenn ich ausharre? Was verliere ich, was gewinne ich, wenn ich loslasse? Aber seien Sie bitte ehrlich und fair dabei - man kann so natürlich auch manipulativ schwarzmalen. Klarheit hingegen hilft beim Abschiednehmen.

    Nutzen können Sie hierbei auch ganz bewusst sogenannte "Rituale des Übergangs" - zum Beispiel, indem Sie sich buchstäblich verabschieden - schriftlich oder mündlich - oder sich immer wieder selbst sagen: "Ich bin bereit, loszulassen!"

  2. Verzeihen und vergeben Sie sich selbst.

    Manchmal geht der Verlust tatsächlich auf eigenes Versagen zurück. Sie haben einen schweren Fehler gemacht und kassieren nun die Quittung dafür. Das lässt sich weder ungeschehen machen noch umkehren. Erst recht, wenn Beteiligte das nicht wollen. In dem Fall hilft, dass Sie sich den Fehler eingestehen, daraus lernen - mehr aber noch sich selbst vergeben und verzeihen leren: Nur lässt sich die emotionale Bindung lösen Freiheit zurückgewinnen. Und das ist auch Ihr gutes Recht.

  3. Geben Sie sich die nötige Zeit.

    Beim Loslassen handelt es sich nicht um eine Hauruck-Aktion. Es ist in der Regel ein längerer Prozess, der sich schwierig gestalten kann und Höhen und Tiefen kennt - wie bei jeder Veränderung.

    Loslassen - Veränderungskurve

    Lassen Sie sich also zwischendurch nicht entmutigen - erst recht, wenn Sie die Entscheidung dazu gefällt haben - und geben Sie sich die nötige Zeit. Es bringt niemanden weiter, sich Selbstvorwürfe zu machen oder gar zusätzlich unter Druck zu setzen.

  4. Sprechen Sie mit anderen Menschen.

    Mit Trennungsschmerzen ist es genau wie mit anderen schmerzhaften Gefühlen: Sie werden leichter, wenn man sie teilt. Suchen Sie also bewusst das Gespräch mit Freunden und schildern Sie Ihre Ängste und Sorgen. Das nimmt Ihnen den Druck und gibt den Freunden die Chance, Ihnen beim Loslassen zu helfen.

    Was auch helfen kann, ist der Kontakt zu anderen Betroffenen, die schon erfolgreich Ballast losgelassen haben. Aber bitte nur zu denen, sonst enden Sie am Ende in einer Selbstmitleidgruppe. Umgekehrt können Sie von den Erfahrungen der anderen Überwinder profitieren, fühlen sich verstanden und schöpfen neuen Mut.

  5. Suchen Sie sich professionelle Hilfe.

    Manchmal muss man sich eingestehen, dass man alleine nicht weiterkommt und fremde Hilfe benötigt. Nicht wenige Betroffene sehen dies (fälschlicherweise) als ein Eingeständnis oder Beweis ihrer Schwäche. Unfug! Es ist ein Zeichen von Stärke, Hilfe annehmen zu können.

    So kann zum Beispiel eine Gesprächstherapie helfen, Geschehenes aufzuarbeiten und endlich loszulassen, was Sie solange belastet.

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