eute beginnt die Lektion mit einer kurzen Parabel:
Sherlock Holmes und Doktor Watson gehen campen. Nachdem sie ihr Zelt aufgebaut haben, gehen sie schlafen. In der Nacht wacht Holmes auf und weckt seinen Partner: „Watson“, sagt er, „öffne die Augen und schau hinauf zum Himmel. Was siehst du?“ Watson antwortet schlaftrunken: „Ich sehe Sterne, unendlich viele Sterne.“ – „Und was sagt dir das, Watson?“, bohrt Holmes nach. Watson überlegt kurz: „Das sagt mir, dass dort draußen unzählige Galaxien und Tausende Planeten sind. Ich nehme deshalb an, dass eine Menge gegen die Theorie spricht, wir wären allein im Universum.“ – „Watson, du bist ein Narr“, blafft ihn Holmes an. „Es sagt, dass jemand unser Zelt gestohlen hat!“
Natürlich ist das nur eine fiktive Geschichte – und doch beschreibt sie am Charakter des genialen Detektivs Sherlock Holmes ein klassisches Alltagsphänomen: Was nicht da ist, bemerken wir nicht – oder erst wenn es richtig fehlt. Und dann ist es oft zu spät.
Ein klassischer Fall sind Kommunikationsstrategien im Internet: Schlaue Manager und kreative Agenturen denken sich gefühlte zwoundtrölfzig Social-Media und Viral-Strategien, -Aktionen, -Events aus. Doch keiner plant für den Fall, dass die ganze Aktion in die Hose geht – oder schlimmer: einen Shitstorm auslöst. Man kann das mit Optimismus erklären. Es könnte aber auch die Watson’sche Betriebsblindheit sein.
Es gibt zahlreiche Studien darüber (ich selbst habe gerade mit meinem Kollegen Daniel Rettig ein Buch darüber geschrieben), wie leicht sich unser Gehirn bei Entscheidungen beeinflussen lässt und wie oft wir eher aus dem Affekt heraus als bewusst und rational handeln. Vor allem dann, wenn wir uns auf eine bestimmte Aufgabe fokussieren – wie etwa bei strategischen Projekt-Konferenzen.
Ein besonders schöner Versuch dazu stammt von den US-Wissenschaftlern Richard Nisbett und Timothy Wilson aus dem Jahr 1977 – das sogenannte Pantyhose-Experiment. Besucher eines Einkaufszentrums wurden zu einem Tisch gebeten. Dort lagen vier Unterhosen ausgebreitet nebeneinander. Die spontanen Teilnehmer wurden nun gebeten, eine davon auszuwählen. Einige taten sich damit schwer, grübelten, verglichen, die Mehrheit aber entschied sich für den Slip ganz rechts außen. Danach wollten einige natürlich wissen, ob es bei dem Versuch darum gegangen sei, herauszufinden, welche Position auf dem Tisch attraktiver sei. Ging es aber nicht. Tatsächlich ging es um klassische Betriebsblindheit: Es war schlicht egal, für welchen Slip sich die Probanden entscheiden würden – alle vier waren völlig identisch.
Genau genommen war die Wahl also völlig sinnlos. Weil man ihnen aber gesagt hatte, sie könnten sich entscheiden, bemerkte kaum noch jemand, wie gleich die Unterhosen und wie leer der Auswahlprozess waren.
Genau das passiert gerne auch im Job: Sobald uns jemand sagt – der Chef etwa -, worauf wir uns konzentrieren sollen, was wichtig ist, sehen wir nur noch das – aber nicht mehr das, was womöglich fehlt. Selbst wenn es direkt vor unseren Augen liegt. Es schadet nicht, sein Augenmerk darauf zu richten, was gar nicht da ist. Oder vielleicht auch nur: noch nicht.







marcelkeen [Mobile]
Es ist nicht immer sinnvoll kompliziert zu denken. Oder ist eigentlich jeder Gedanke etwas komplexes? Ich denke mal darüber nach. :-)