Wer lügt, hat Stress. Deshalb verraten sich viele Lügner auch immer wieder durch sogenannte Mikrogesten, wie etwa Nasekratzen, Wegschauen, Fingerfuchteln. Eine neue Studie zeigt nun allerdings: Wer Macht besitzt, entspannt beim Lügen eher noch. Und wird daher seltener entlarvt.
Die Wahrheit ist: Die Welt will belogen werden. Sechs von zehn Deutschen sind überzeugt, dass sich Ehrlichkeit nicht immer auszahlt. Fast jeder Zweite meint, dass einem die Wahrheitsliebe leicht als Naivität ausgelegt werden könne und weit mehr als jeder Dritte glaubt sogar, dass zur Lüge greifen muss, wer Karriere machen will. Kurzum, lügen gehört zum Alltag wie Zähneputzen oder Stuhlgang.
Durchschnittlich wird der Mensch alle acht Minuten belogen, hat der Psychologe Gerald Jellison von der Universität von South Carolina ermittelt. Während einer zehnminütigen Konversation belügen sich 60 Prozent aller Gesprächspartner bis zu drei Mal. Solche beiläufigen Flunkereien sind den Urhebern im Augenblick der Konversation meist gar nicht bewusst, machen aber fast ein Drittel aller Lügen aus. Der Rest: 41 Prozent der Menschen lügen, um sich Ärger zu ersparen und keine Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen zu müssen, 14 Prozent um sich das Leben zu erleichtern, acht Prozent, um die eigene Beliebtheit zu steigern und sechs Prozent aus purer Faulheit.
Erst vor ein paar Wochen veröffentlichte der US-Marktforscher OnePoll die Ergebnisse einer Umfrage unter 3000 Erwachsenen, wonach Männer sogar öfter lügen als Frauen. Angeblich soll die Hauptlüge der Männer ihre Trinkgewohnheiten betreffen, Frauen wiederum schwindeln am meisten, wenn sie sagen: „Alles okay, mir geht’s gut.“ Mag sein dass auch der Frömmste sonntags die Wahrhaftigkeit preist, aber alltags wird geschummelt, erfunden, vernebelt, vertuscht, verfälscht, erstunken und erlogen, dass sich die Balken biegen.
Besonders leicht geschieht dies jedoch auf der Chefetage. So hat die Managementprofessorin Dana Carney von der Columbia Business School bei ihren Forschungen festgestellt, dass Macht – also die Kontrolle über andere Menschen – nicht nur die kognitiven Funktionen steigern kann und den Mächtigen ein gutes Gefühl gibt. Der Effekt scheint auch die negativen Reaktionen beim Lügen zu überstrahlen. Denn wenn Menschen lügen, passiert üblicherweise das genaue Gegenteil: Sie fühlen sich mies, werden nervös, der Körper schüttet vermehrt das Stresshormon Kortisol aus, obendrein strengt der Aufbau einer Scheinwirklichkeit die Betroffenen so sehr an, dass es deren Hirnkapazitäten stark einschränkt.
Das Team um Dana Carney untersuchte deshalb, ob und wie sehr sich beide Effekte überlappen oder gar aufheben können. Dazu teilten sie ihre Probanden zunächst in zwei Gruppen ein und baten sie zu einem Interview, bei dem der einen Hälfte suggerierte wurde, sie würden für einen Führungsjob ausgewählt. Die zweite Gruppe bekam den gegenteiligen Eindruck vermittelt. Unter anderem zeigten die Forscher den Teilnehmern dazu Bilder von ihren künftigen Büros: Im ersten Fall ein sehr großes, Licht durchflutetes Eckzimmer, im zweiten ein fensterloses kleines Cubical.
In der zweiten Stufe des Experiments wurden die Teilnehmer in einen separaten Raum gebeten. Dort lag etwas Geld auf einem Tisch, das diese stehlen und die Forscher anschließend über ihre Tat belügen sollten. Dabei würden die Probanden nicht nur genau beobachtet, sondern auch ihre Blutwerte gemessen. Und siehe da: Wer sich zuvor als potenzielle Führungskraft und entsprechend mächtig gefühlt hatte, zeigte beim Schummeln keinerlei Stresssymptome. Mehr noch: Ihre Blutwerte ähnelten mehrheitlich denen einer Kontrollgruppe, die die Wahrheit sagte.
Ganz im Gegensatz zu den vermeintlich Subordinierten: Die zeigten durchweg starke Stressreaktionen und verstrickten sich auch leichter in Widersprüche. „Macht zu haben, dämpft offenbar alle negativen Gefühle und Reaktionen bei einer Lüge“, so Carneys Fazit. Den Schluss, dass Mächtige deshalb auch häufiger lügen, wollte die Wissenschaftlerin aber nicht ziehen: „Wir können empirisch nicht sagen, dass Macht die Menschen vermehrt zu Lügnern macht. Unsere Ergebnisse zeigen allerdings auch, dass Machtgefühle das Lügen enorm erleichtern.“







Pingback: „Sexy Beast – Das Paradox der Macht“ auf karrierebibel.de – Jeden Tag mehr Erfolg!