Lange, lange kopierten deutsche Internet-Startups vor allem ihre Vorbilder aus dem Ausland, insbesondere die aus den USA. Web-Innovationen made in Germany wurden als „Copy/Paste Innovations“ belächelt, und die wenigen Ausnahmen bestätigten eher die Regel. Nun aber trauen sich immer mehr deutsche Gründer mit eigenen Ideen auf den Markt. Ob nun die Suchmaschine Qitera, die sich auf die Semantische Suche spezialisiert hat oder das Münchner Unternehmen Proximic, das von der US-Presse bereits als „Google-Killer“ gefeiert wurde. Proximic sammelt im Netz Texte oder Anzeigen und stellt sie zu Inhalten auf Internet-Seiten – laut Experten sogar besser als Google.

Mein Kollege Sebastian Matthes, zugleich Autor des Blogs „Gründerraum“, hat diese neue deutsche Gründerwelle genauer untersucht und für die aktuelle WirtschaftsWoche die 25 vielversprechendsten Web-Gründer zusammengetragen und porträtiert. Darunter etwa Amiando, Aka-Aki, Luupo, Mindmeister, MyMuesli, Plazes oder Viif.

wiwo0308Seiner Analyse zufolge profitieren die deutschen Startups vor allem davon, dass sich hierzulande inzwischen eine vitale Gründerszene aus Unternehmern, Ex-Gründern, Business-Angels, und Wagnisfinanzierern – ähnlich wie im Silicon Valley – gebildet hat. Und das Zentrum dieser Webszene liegt in Berlin. Im Schnitt startet in der Hauptstadt jede Woche ein neues Internet-Unternehmen – so viel wie nirgendwo sonst in Deutschland. Das ergaben Berechnungen des Branchenweblogs Deutsche-Startups. Laut der Beratungsfirma Deloitte haben bereits 11 der 50 am schnellsten wachsenden deutschen Technologieunternehmen ihre Zentrale in der Hauptstadt. Sogar Gründer aus anderen Ländern ziehen an die Spree: Die Schweden Eric Wahlforss, 28, und Alexander Ljung, 26, gründeten ihre Musiker-Plattform Soundcloud in Berlin-Mitte. Nicht nur, weil ihre Investoren dort sitzen, und sowohl Mieten wie auch Löhne niedriger sind als anderswo: „Berlin ist das kreative Zentrum Europas“, sagt Wahlforss.

Zu den internetaffinen Investoren gesellen sich ebenso so gut vernetzte wie finanzstarke Pioniere der deutschen Internet-Szene. Neben den Brüdern Marc, Alexander und Oliver Samwer etwa auch Spreatshirt-Gründer Lukasz Gadowski, der sein Geld bereits in 19 Startups investiert hat. Oder StudiVZ-Mitgründer Michael Brehm, der Anteile an sechs jungen Firmen hält. Viele kennen sich noch aus New-Economy-Zeiten und sind Wiederholungstäter: Qitera-Gründer Jörg Lamprecht, 38, hat bereits zwei Unternehmen aufgebaut und für knapp 50 Millionen Euro verkauft. Die Gründer des Internet-Shops Dealjäger, Daniel Grözinger, 35, und Sven Schmidt, 33, haben mit Getgo und Dialo ebenfalls schon zwei Unternehmen zu Geld gemacht.

Matthes schreibt aber auch, dass die Euphorie und Risikobereitschaft zunehmend die Bedenken nährt, es könne eine neue Blase geben. Schon jetzt sind die Teile der Startup-Szene heiß gelaufen, die unter dem Schlagwort Web 2.0 firmieren. Im Schnitt sind die Bewertungen solcher Jungunternehmen in den vergangenen Monaten um 50 Prozent gestiegen.. Zu viel für immer neue soziale Sportler-Netzwerke oder Mütter-Treffs, von denen vollkommen unklar ist, ob sie jemals Geld verdienen werden.

Dennoch: Dass die Zahl originärer Geschäftsmodelle aus Deutschland steigt, ist ein gutes Zeichen. Und das einige der Ideen davon im Laufe der Zeit auf der Strecke bleiben ist ein normaler Auswahlprozess. Er gehört zur Marktwirtschaft ebenso wie Mut und Erfolg.