Wer geht mit? Vielleicht die häufigste Frage mittags, um halbeins in Deutschland. Und vielleicht ist es auch eine der frustrierendsten Erfahrungen, wenn man selbst nie gefragt wird. Wahrscheinlich hat das jeder schon einmal erlebt, und sich anschließend über den gemeinen Ausschluss und den damit empfundenen Statusverlust auf der Beliebtheitsskala geärgert. Wer speist mit wem? Wer wird mittags umworben? Wer unterhält die Gruppe? Wer wird beklatscht? Wer darf zu spät kommen – und trotzdem warten alle huldvoll auf ihn? All das sind untrügliche Indizien für die Rangordnung im Bürogehege, vom Alpha-Tier bis zum Tetra-Pack.
Rein mikropolitisch betrachtet, ist das ein völlig normales Ränkespiel, aber sonst? Mittagspausen sind mehr als Nahrungsaufnahme. Wenn Sie denken, die Mittagspause allein am Schreibtisch zu verbringen – entweder weil Sie schmollen oder weil Sie achso viel zu tun haben –, würde Ihr Image als besonders engagierter und fleißiger Mitarbeiter verbessern, dann liegen sie falsch. Aber so richtig. Im Büro zu essen, mag billiger sein, trotzdem kostet es: Nerven, Gesundheit, Freunde – Karrierechancen sowieso.
Die Erfahrung lehrt, wer zwischen Tastatur und Tacker seine Tupperdose auspackt, nimmt sich nicht wirklich eine Auszeit. Sobald das Telefon bimmelt, geht man ja doch dran. Und die E-Mail, die da gerade im Posteingang erscheint, wird natürlich auch gleich geöffnet und beantwortet. Abschalten sieht irgendwie anders aus, oder? Und, glauben Sie mir, sollte der Chef jetzt zufällig ins Büro stürmen, sieht das Klappbrot im Mundwinkel auch nicht gerade souverän aus.
Mal ehrlich: Wenn Sie an jemanden denken, der vor seinem Schreibtisch in eine Leberwurststulle beißt und dabei in eine bunte Plastikbox schaut, sehen Sie dann vor sich den dynamischen Aufsteiger, der nächstes Jahr die Verantwortung für 300 Mitarbeiter bekommt oder den phlegmatischen Pullunderträger. Eben. Solche Bilder prägen sich unweigerlich auf die Netzhaut der Kollegen, haben sie hundertmal in Filmen gesehen und deswegen prägen sie irgendwann auch Ihr Image. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist nichts Falsches daran, sich sein Essen ins Büro mitzubringen oder auch mal ein Office-Lunch zu zelebrieren. Aber was, wo und mit wem Sie essen, übermittelt immer auch eine sublime Botschaft wer Sie sind und wer Sie sein könnten. Und belegtes Brot an Tupperdose ist nun mal nicht das Bild für Engagement und Erfolg.
Dasselbe gilt übrigens auch für Pizza, eine Fünf-Minuten-Terrine oder Currywurst mit Pommes Schranke. Pizza und Pommes verbieten sich freilich noch aus einem anderen Grund: Sie miefen. Und die Kollegen finden es sicher gar nicht dufte, derlei Dünste auch noch nach der Mittagspause zu inhalieren. Wenn Sie sich also schon Essen ins Büro bestellen, dann vielleicht eher so etwas wie Sushi. Das verströmt zumindest die Aura von Weltoffenheit, Kreativität – und Wasabi.
Die zweite Subbotschaft von Selbstgemachtem (oder Selbstbestelltem) ist jedoch fast noch schädlicher: Wer sich sein Essen ins Büro bringt, isoliert sich freiwillig. Indirekt sagt er: „Ihr braucht mich erst gar nicht fragen, ob ich mitkomme. Ich hab schon alles, was ich brauche.“ Und selbst wenn sich die Kollegen allesamt ihre Speisen mitbringen, bleibt doch jeder für sich, weil jeder sein eigenes Essen isst. Es gibt daran einfach nichts Verbindendes, nicht einmal den Koch.
Alleine zu essen, ist wie Masturbation – man ist zwar hinterher entspannt, so recht befriedigt aber nicht. Es fehlt der soziale Kontakt. Zudem verpassen Sie so zahllose Gelegenheiten, neue Kontakte zu knüpfen oder alte zu vertiefen. Sie könnten in der Mittagspause zum Beispiel Kunden besser kennenlernen oder herausfinden, wie Sie in Zukunft besser zusammenarbeiten. Oder Sie verabreden sich mit Kollegen, mit denen Sie sonst nicht viel zu tun haben. So lernen Sie das Unternehmen besser kennen und erfahren womöglich eine wichtige Sache, die Ihnen im Job weiterhilft. Sehen Sie das Mittagessen doch mal als Investition. Es kostet Sie maximal 90 Minuten, dafür erhalten Sie ein wachsendes und immer festeres Netzwerk, gewinnen womöglich neue Einsichten und Freunde. Vermeiden Sie aber ständig über Geschäftliches zu reden. So schalten Sie nicht ab.
Bei einem Essen mit Externen sollten Sie in ein solch kulinarisches Meeting jedoch immer vorbereitet gehen. Dazu gehört eine Portion Smalltalk genauso wie eine Prise Selbstpräsentation. Falls Sie mit demjenigen, mit dem Sie die Pause teilen, schon öfter zu tun hatten, sorgt es zudem für Pep, wenn Sie an ein paar Details der vergangenen Gespräche anknüpfen – und sei es nur, dass Sie sich (namentlich!) nach den Kindern erkundigen. Wenn Sie sich solche Dinge nicht merken können, dann fragen Sie wenigstens. So vermitteln Sie zumindest Interesse an der Person – und das schmeichelt jedem. Und achten Sie bei der Bestellung darauf, dass Sie weder zu große Portionen noch komplizierte Speisen ordern. Bei einem solchen Business-Lunch geht es nicht vorrangig darum, bis zum Abend satt zu bleiben, sondern um Konversation und Kontaktpflege.







heiko schwardtmann
Toller Beitrag! Es wird nur allzu häufig unterschätzt, welcher Wert für das Knüpfen, das Erhalten und das Pflegen von Beziehungen, in so einer simplen, alltäglichen Sache wie Mittagessen liegt.
Besonders amüsant finde ich den Vergleich mit der Masturbation und dem Hinweis auf die Gerüche diverser (fettiger) Mahlzeiten :-)
Herzliche Grüße.
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Cabi
Der Artikel mag im Grunde zwar stimmen, aber nicht jeder möchte eine Marionette der Gesellschaft sein. Wenn ich meine Mittagspause mit den Kollegen verbringen möchte, dann tue ich das und wenn nicht dann tue ich es nicht. Man sollte sich nicht automatisch allen “Zwängen” unterwerfen und im Zweifelsfalll auch mal den Mut haben “Nein” zu sagen…
Ich habe den ganzen Tag mit meinen Kollegen zu tun, da verbringe ich die Mittagspause gerne allein am Schreibtisch oder draussen….