Ein Gastbeitrag von Johannes Czwalina und Clemens Brandstetter

Unsere Konsum- und Markwirtschaft beruht auf der Idee, dass man Glück kaufen kann. Und wenn man kein Geld bezahlen muss für etwas, dann kann es auch nicht glücklich machen. Dass Glück aber etwas ganz anderes ist, was nur aus der eigenen Anstrengung, aus dem Innern kommt und überhaupt kein Geld kosten, dass Glück das „Billigste“ ist, was es auf der Welt gibt, das ist den Menschen noch nicht aufgegangen.

Erich Fromm

Das Kernproblem: Erfolg ohne Erfüllung

Spätestens mit 40 hat Mann oder Frau es geschafft: Karriere, verheiratet, zwei Kinder, tolles Haus, schickes Auto, … so das gesellschaftliche Idealbild. Was aber, wenn der Ehepartner auf einmal weg ist? Keine Zeit für Kinder war? Wenn man zwar alle seine Ziele erreicht hat, und sich dennoch auf einmal fremd fühlt, sich selber gar nicht mehr (er-)kennt?

Viele Ex-Manager im Ruhestand kennen das im Rückblick ihres (Berufs-)Lebens im Sinne von „Was ich heute anders machen würde“: Hätte ich doch mehr gelebt, mir mehr gegönnt, mich mehr auf die eigene Intuition verlassen, mehr Zeit mit meinem Partner und mit meinen Kindern verbracht, Freundschaften gepflegt, das gemacht was ich eigentlich wollte, mehr Mut und Zivilcourage gezeigt, mehr Nein gesagt, den Sinn des Scheiterns früher erkannt.

Der Übergang in den Ruhestand wie auch die Krise in der Mitte des Lebens sind wohl die bekanntesten Einschnitte im Lebensverlauf. Dennoch stellen sie nur zwei von vielen möglichen Scheidepunkten im Leben dar.

Veränderungen in Unternehmen heute wie in Zukunft sind an der Tagesordnung – zum Teil sind sie absehbar, zum Teil kommen sie aber auch völlig unerwartet. Für den Einzelnen können dabei die Auswirkungen ganz unterschiedlich in Ausprägung und Umfang sein: neue Aufgaben, neues Umfeld, neue Vorgesetzte oder Mitarbeiter, neuer Arbeitsort – allzeit verfügbar, stets erreichbar und mobil rund um den Globus.

An die Bereitschaft, diesen Weg mitzugehen, sich an die Veränderungen ohne wenn und aber anzupassen, werden zunehmend höhere Erwartungen gestellt.

Der Druck hat damit erheblich zugenommen. Aber auch Top-Performance ist immer weniger ein Garant für den Erhalt der eigenen Position oder des Arbeitsplatzes. Die frühere Sicherheit von Konzernen existiert schon lange nicht mehr. Die nächste Reorganisation kommt bestimmt, irgendwann „erwischt es jeden einmal“. Die Folge: Private Bedürfnisse wie Sicherheit und Planbarkeit und Unternehmensanforderungen passen immer weniger zusammen.

Manager zwischen den Welten

Die Lebenswirklichkeit von Führungskräften ist – schaut man in die Statistik – geprägt von 12 bis 14 Stunden Arbeit am Tag, einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 55 bis 80 Stunden zuzüglich Wochenendarbeit. Hetze, Fremdbestimmtheit, konträre Forderungen, unterschiedliche Erwartungen des Partners beziehungsweise der Familie führen Führungskräfte ans Limit oder sogar über ihre physischen und psychischen Grenzen hinaus.

Die unterschiedlichen Rollenanforderungen und Spannungsfelder resultieren im Wesentlichen aus nachfolgenden Bereichen:

  • Spannungsfeld Technologie- und Marktentwicklung: Informationsflut, neue Arbeitsweisen, zunehmende Komplexität und zugleich Unsicherheit bei der Entscheidungsfindung.
  • Spannungsfeld Beruf: Finanz- und Renditevorgaben: Druck als Wettbewerb unter Kollegen, Nachweis von kurzfristigen Erfolgen, Arbeitsintensität, zu wenig Zeit für Mitarbeiter oder Konflikte zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten, hohe Verantwortung, Zeitdruck, Arbeitsverdichtung, Störung der Arbeitsabläufe, Fremdbestimmtheit, Arbeitsumfang, Übermaß an Sachaufgaben in Relation zu Führungsaufgaben, Erwartungen des Unternehmens bezüglich Mobilität und Flexibilität.
  • Spannungsfeld Person und Öffentlichkeit: Verantwortlichkeit und Rechtfertigung des eigenen Handels, Konflikte von persönlichen Werten und betrieblichen Zielen und Erfordernissen (ethisches Dilemma).
  • Spannungsfeld Familie: Erwartungen des Partners, der Kinder.
  • Spannungsfeld Freizeit: Freizeitstress, erneute Leistungsorientierung oder keine Möglichkeit / Zeit für das Ausleben persönlicher Interessen und Bedürfnisse.

Die Führungskraft heute befindet sich – zusammengefasst – in einer zunehmend verschärfenden Dilemmasituation: Zum einen unterschiedliche, konkurrierende Anforderungen zu vereinen und eigene Anpassungs- und Lernprozesse durchlaufen zu müssen, zum anderen zugleich die erforderlichen Veränderungen im Unternehmen umzusetzen und seiner Leadership-Rolle gerecht zu werden.

Der Spagat zwischen beruflichen Anforderungen seitens des Unternehmens und Mitarbeiter einerseits und Familie sowie ganz persönlichen Vorstellungen und Bedürfnissen andererseits, führt zu einer schleichenden Aushöhlung und Entfremdung, sofern nicht bewusst ausgleichend gegengesteuert wird. Unzufriedenheit, innere Konflikte bis hin zur Überforderung sind Kennzeichen einer solchen dauerhaften Zerrissenheit.

Viele verdrängen das Dilemma. Sie beissen lieber die Zähne zusammen, weil sie keine Alternative sehen und Angst vor dem Nachdenken haben.

Spaltung der Persönlichkeit und Lebensbereiche als Sackgasse

Als Ausweg vollziehen viele Führungskräfte daher eine Spaltung zwischen Beruf und Privatem. Der Beruf wird reduziert auf die Ebene der finanziellen Absicherung. Sinn und persönliche Erfüllung hingegen wird in privaten Lebensbereichen gesucht. Eine Entwicklung, die für die Unternehmen umso bedenklicher ist, da gerade dieser Personenkreis wegen seiner sozialen Kompetenzen als „Führungskraft der Zukunft“ besonders geeignet wäre. Sie gehen den Unternehmen durch innere Kündigung verloren.

Immer mehr Führungskräfte können für sich die Widersprüche nicht mehr auflösen, die an sie gestellten Anforderungen nicht mehr erfüllen. Wer sich seinen inneren und äusseren Konflikten aber nicht bewusst stellt, flüchtet sich in eine Parallelwelt. Viele liefern sich so dem Marktgeschehen völlig aus, funktionieren nur noch nach den Gesetzen des Marktes und vergessen dabei das, was vermeintlich so sein „muss“, in Frage zu stellen.

Während sie früher aus Familie und sozialem Umfeld Kraft bezogen haben, wurde der Markt und die Arbeit zur Ersatzreligion.

Innere Krise der Führungskraft

Die äussere Krise in der öffentlichen Wahrnehmung von Unternehmen und der Wirtschaftselite, darf daher nicht über die innere Krise der Führungskräfte hinwegtäuschen: Auf Leistung getrimmt, nach aussen hin als „starker Mann“ oder „Power-Frau“ keine Schwäche zeigend, noch sich selbst eingestehend, blind, selbst vor dem Abgrund stehend. Zur Aufrechterhaltung des Bildes vom Problemlöser und unbeirrbaren Alleskönner wird der Berufsalltag zum Schauspiel.

Mit steigendem Erfolgsdruck und Unsicherheit steigt auch die Angst vor dem Versagen. Die nicht gelöste Überforderung führt zu Rückzug und Isolation und dem sich Verstecken hinter einer Maske, einem so tun als ob. Die einseitige Ausrichtung auf den Beruf, die soziale Verarmung sowie die Übertragung beruflicher Massstäbe ins Private, das „immer schneller, besser, weiter“, wird vielen Führungskräften erst bei eigenen Grenzerfahrungen – sei es in Form des überraschenden Karriereendes oder gesundheitlichen Zusammenbruchs – bewusst.

Die einseitige Fokussierung auf Karriere und den beruflichen Erfolg hat seinen Preis. Mit dem Motto „work hard, play hard“ oder „everywhere and anytime“ stehen sich viele Führungskräfte selbst im Weg, die Wertigkeit ihrer Person als Mensch und ihr Leben auf ein breiteres Fundament zu stellen und der Falle des „immer schneller, immer mehr“ zu entkommen.

Das Problem: Spitzenmanager finden vertrauenswürdige Personen zum grossen Teil nur in ihrer persönlichen Umgebung, im Freundes- (84 Prozent) und Familienkreis (79 Prozent). Was aber wenn dieses Umfeld fehlt oder nicht tragfähig ist?

Bezeichnend ist, dass Führungskräfte scheinbar nicht oder nur sehr eingeschränkt jemandem in ihrem beruflichen Umfeld vertrauen oder meinen vertrauen zu können. So fehlt vielfach das offene und ehrliche Feedback von aussen wie auch der eigene selbstkritische Blick von innen und das Eingeständnis eigener Begrenztheit, sein Leben nicht mehr im Griff zu haben.

Erst mit dem Ende der Karriereleiter und der fehlenden Wertschätzung von aussen, dem Verlust von Ansehen und Macht qua Position innerhalb der Unternehmenshierarchie, entpuppt sich der berufliche Erfolg als leere Hülle und stellt sich die Suche nach Tragfähigem und Bleibendem ein.

Scheinbar bedarf es vielfach erst Extremsituationen, tiefgreifender Krisen und Leid-Erfahrungen, die quasi gezwungenermassen den Blick weiten und neue Perspektiven öffnen. Leider oft zu spät. Die eigene Persönlichkeit wird zum Stolperstein: Das nicht Kennen der eigenen Schattenseiten, der blinden Flecken und unbewussten Seiten.

Manager benötigen in ihrem Selbstbild keine Hilfe von anderen; schon gar keinen „Psycho-Müll“ oder „Seelen-Tröster“, sie vertrauen kaum jemanden und können sich nur schwer öffnen und stehen sich damit zunächst selbst im Weg. Auch ein „Kürzertreten“ oder vermeintlicher Verzicht kommt auf dem Karrierepfad nicht in Frage. Klassische Verhaltensmuster sind daher unter anderem Verklärung, Nicht-Eingestehen, Ausweichen, Nicht-Ernst-Nehmen, Abwertung oder die Übersteigerung in Form von Flucht in andere Aktivitäten, zum Beispiel Sport mit erneutem Leistungscharakter.

Das Kernproblem ist damit zweigeteilt: Zum einen begründet im inneren Antrieb und der einseitigen Fixierung einem gesellschaftlichen Idealbild zu genügen, zum anderen aufgrund des gesellschaftlichen Drucks, nach dem Arbeit und beruflicher Erfolg allein als wert- und sinnstiftend angesehen und als Beurteilungsmassstab herangezogen werden.

Ein möglicher Ausweg: (Selbst-)Wahrnehmung schärfen – an der eigenen Person arbeiten!

Ein Lösungsansatz – ein erster Schritt – wäre, die eigene Wahrnehmung zu schärfen und Bewertungskategorien zu ändern. Worum es letztendlich geht ist die Klärung der Frage, was Erfolg eigentlich ist? Was Glück bedeutet? Woraus innere Zufriedenheit resultiert? Was ein erfülltes Leben ist?

In den Denk- und Verhaltensmustern gesellschaftlich am verbreitesten verankert ist die Definition von Erfolg über die Arbeit.

Der Wert eines Menschen bemisst sich demnach über seine Leistung, über die Höhe des finanziellen Einkommens, seinen Status und seine Macht. Einklang mit sich selbst, persönliche Zufriedenheit, harmonische Partnerschaft und Familie werden nach aussen hin zwar betont, aber dennoch nachrangig betrachtet und bewertet.

Allein die Unterscheidung von beruflichem und persönlichem Erfolg ist vielen fremd. Die Zufriedenheit aus der Balance zwischen Beruf und Privatleben abzuleiten, ist vielen nur ein theoretisches Denkmodell.

Schon am Anfang der Karriere das Ende im Sinn haben, Führung des eigenen Lebens, innere Unabhängigkeit, Wahlfreiheit über den nächsten Augenblick, Antrieb aus Werten bieten einen Orientierungsrahmen als Ausweg aus der Sackgasse.

Glück ist eine Frage der inneren Haltung, so der Dalai Lama. Halt und Orientierung finden, nicht „im Aussen“, sondern „von Innen“ heraus, ist die eigentliche Antwort. Persönliche Visionen haben und umsetzen, dem Leben einen Sinn geben, Krisen überwinden und Veränderungen erfolgreich meistern und sie als wichtige Bausteine des Lebens anerkennen.

Voraussetzung dafür ist Selbstreflexion und die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit.

Bei genauem Hinschauen im Gespräch mit Menschen erkennt man, dass die Menschen am glücklichsten sind, die einer „Lebensaufgabe“ nachgehen. Menschen, die ein Bewusstsein für eine Lebensaufgabe haben, sind Menschen, die wissen, dass sie auf dieser Welt nicht in erster Linie sind, um sich selbst zu verwirklichen, sondern um einen Auftrag für andere zu erfüllen, den nur sie erfüllen können.

Dabei spielt es bei dem Bewusstsein für eine Lebensaufgabe keine Rolle, wie gross diese Aufgabe im Sinne eines quantifizierbaren Wertes ist. Menschen, die nur ihr eigenes Glück gesucht und gesehen haben, haben wir selten als glückliche Menschen, sondern meist als enttäuschte Menschen erlebt.

Die Sinnkrise verlagert sich – so zeigt die Entwicklung der letzten Jahre – immer weiter nach vorne. Waren es früher die 50-Jährigen, sind es heute die Manager im Alter mit 40, bei denen ihr Leben aus den Fugen gerät, der Sinn abhanden gekommen ist und die Perspektive fehlt.

Die Frage, die aufkommt: Willst du das dein ganzes Leben tun?

Damit es nicht so weit kommt, ist eine persönliche Erneuerung in Form einer Besinnung auf die eigenen Werte und Motive erforderlich. Die folgende Checkliste kann Ihnen dabei helfen:

Checkliste zur inneren Zufriedenheit

Subjektives Empfinden
  • Woraus ziehen Sie persönliche Zufriedenheit?
  • Wann waren Sie zuletzt zufrieden?
  • Sind Sie mit sich im Reinen? Müssen sich sich etwas beweisen oder stehen Sie sonst irgendwie unter Druck?
  • Wie steht es um Ihre Lebensqualität?
  • Sind Sie mit Ihrer Arbeit zufrieden?
  • Wann werden Sie mit Ihrer beruflichen Tätigkeit zufrieden?
Fähigkeiten
  • Verfügen Sie über die Kenntnisse und Erfahrungen, um Ihren Beruf erfolgreich auszuüben?
Wertvorstellungen
    Was ist Ihnen bei der beruflichen Arbeit wichtig?

  • Anerkennung
  • Geld
  • Prestige
  • intellektuelle Herausforderung
  • ein angenehmes privates Leben
  • Einfluss
  • Entspricht Ihre Arbeit Ihren Wertvorstellungen?
Berufliche Interessen
  • Können Sie Ihre beruflichen Interessen verwirklichen? Wenn nein, warum nicht? Was fehlt?
Vereinbarkeit
  • Hat der Beruf Vorrang vor Familie oder umgekehrt?
  • Wie stellt sich die Rangfolge Ihrer persönlichen Ziele dar?
  • Spiegelt sich die Rangfolge so auch in Ihrem Lebensalltag wieder?

Über das Buch

Die Arbeit vieler Menschen wird auf immer wenige Köpfe verteilt. Die Verantwortung des Einzelnen wächst, ob man will oder nicht. Die Gastautoren geben in ihrem Buch Vom Glück zu arbeiten Anstöße, wie man unabhängig davon Erfüllung findet. Es ist ein Werkzeugkoffer, für High Potentials und Performer.