Ein Interview mit Professor Christoph Bamberger

Dr. med. Christoph Bamberger ist Direktor des Medizinischen Präventions-Centrums Hamburg und Autor einiger Bücher, etwa: “Stress-Intelligenz“.

1. Herr Bamberger, die Manager heute leben gesünder, treiben mehr Sport, trotzdem sagen sie, dass viele kränker sind als sie meinen. Wie das?


christophbambergerZum einen gibt es bei jedem eine gewisse Grundwahrscheinlichkeit, ernsthaft zu erkranken, ganz unabhängig davon, wie er lebt und welchen Beruf er ausübt. Gerade Manager neigen dazu, diese Möglichkeit zu ignorieren, nach dem Motto: ich habe alles im Griff und das schließt auch meinen Körper mit ein. Zum anderen wird der Faktor Stress unterschätzt. Akuter Stress ist ein Stimulans, das wir für Höchstleistungen brauchen. Chronischer Stress jedoch, hervorgerufen durch permanente Überforderung, sei sie nun eingebildet oder echt (das unterscheidet unser Stress-System nicht), führt zur Ausschüttung des Hormons Cortisol. Bei dauerhaft erhöhten Spiegeln wirkt Cortisol wie ein körpereigenes Gift und führt zur Erhöhung des Blutzuckers, des Blutdrucks und der Blutfette (Cholesterin). Die Spätfolgen: Herzinfarkt und Schlaganfall. Man könnte auch sagen: Viele Wege führen zum Herzinfarkt, und es müssen eben nicht zwangsläufig – wie früher – Rauchen und Übergewicht sein. Der Faktor Stress aber nimmt in wirtschaftlich raueren Zeiten – und hier in erster Linie die Globalisierung und erst in zweiter Linie eine akute Entwicklung wie die Finanzkrise zu nennen – eindeutig zu. Stress wird wiederum von Highperformern, wie wir sie nennen, traditionell unterschätzt und mit Schwäche gleichgesetzt, ganz im Gegensatz zu Arbeitnehmerkreisen, wo der Begriff eher inflationär gebraucht wird.

2. Worin liegen denn die größten gesundheitlichen Risiken?

Tatsächlich ist das Herz-Kreislauf-System am Stress-empfindlichsten. Aber auch das Immunsystem leidet, Erkältungen und andere Infektionen häufen sich und auch die Tumorabwehr wird schwächer. Cortisol hat die gleiche Wirkung wie das medikamentös eingesetzte Cortison: Es unterdrückt die Immunabwehr. Vereinfacht gesagt: Dauerstress ist gleichbedeutend mit einer Cortison-Dauertherapie.

3. Dass psychische Erkrankungen seit Jahren zunehmen, ist ja so neu nicht. Helfen Sport und gesunde Ernährung dagegen denn gar nicht?

Doch, eindeutig ja. Stress-Intelligenz, wie ich die Fähigkeit mit dem genannten Phänomen umzugehen nenne, besteht aus drei Säulen, den drei „M“s: medizinische Prävention, mentale Stärke, Management der Stressoren. Der medizinischen Prävention, das heißt der gesunden Ernährung, der regelmäßigen Bewegung und der Wahrnehmung von Vorsorgeuntersuchungen, kommt dabei vor allem die Aufgabe zu, die negativen Folgen von Stress abzumildern: Indem dieser auf einen gesunden Körper trifft, kann er ihm weniger anhaben. Weniger heißt aber eben nicht gar nichts. Insofern brauchen wir auch die anderen beiden Ms, die den Stress selbst reduzieren, wobei der wesentliche Aspekt der mentalen Stärke als Fähigkeit zur kurzzeitigen kompletten Entspannung zu verstehen ist. Management der Stressoren ist vor allem die Kunst zu Priorisieren, entspricht also in etwa dem was allgemein unter Zeitmanagement verstanden wird.

4. Wie kann man denn persönlich vorsorgen?

Es ist sinnvoll, sich einen persönlichen Präventionsplan zu erstellen. Hilfreich auf diesem Weg zu einer individuelleren Prävention ist dabei ein von uns in Hamburg entwickeltes 4-Stufen-Modell. Am Anfang steht dabei eine gründliche Untersuchung, nicht nur um Krankheiten auszuschließen, sondern auch um persönliche Risiken besser eingrenzen und gezielter darauf reagieren zu können. Auf der zweiten Stufe findet dann diese individualisierte Lebensstiloptimierung statt. Ein paar Beispiele: Einige Ernährungsregeln gelten zwar für alle, etwa viel Obst und Gemüse zu essen. Cholesterin-bewusst leben müssen aber nur diejenigen mit einem von Natur aus hohen Cholesterin-Spiegel und einem erhöhten Gesamtrisiko für Ateriosklerose. Es wäre schlichtweg falsch, allen das Steak oder das Frühstücksei verbieten zu wollen. Ähnlich ist die Situation beim Alkohol: Für einige ist bereits ein Glas Wein täglich zu viel, ablesbar beispielsweise an den Leberwerten, andere vertragen ohne weiteres 2-3 Gläser. Oder Bewegung: Für manche Menschen reicht hier der tägliche Spaziergang, andere brauchen Ausdauer- und Krafttraining, um ihre Stoffwechsel-Werte im Normbereich zu halten. Die dritte Stufe beinhaltet dann die präventive Gabe von Medikamenten. Auch hier ist das Cholesterin ein gutes Beispiel. Manche Menschen haben ein so stark erhöhten Wert und/oder bereits nachweisbare, wenn auch noch nicht subjektiv spürbare Gefäßveränderungen, dass sie einer medikamentösen Cholesterinsenkung bedürfen, um Herzinfarkt und Schlaganfall zumindest deutlich hinauszuzögern. Die vierte Stufe nenne ich „Philosophie der zweiten Lebenshälfte“. Das hat sehr viel mit Stress-Intelligenz und Gelassenheit zu tun, so dass sich der Kreis zu den vorherigen Fragen hier wieder schließt.

5. Was können die Unternehmen tun, um die Gesundheit ihrer Manager besser zu schützen?

Unternehmen sollten sich bewusst machen, dass die Gesundheit ihrer Mitarbeiter ein wichtiges Thema für sie ist. Häufig habe ich erlebt, dass das kollektive Gesundheitsbewusstsein eines ganzen Unternehmens von der Einstellung des CEO und des Personalchefs in dieser Frage geprägt ist. Bei der Gesundheit von Führungskräften geht es schlicht um eine Kosten-Nutzen-Analyse. Die Investition in eine solche Führungskraft kann durch ein geplatztes Hirnarterienaneurysma jäh zunichte gemacht werden. Vorher erkannt, hätte man dieses elegant im Rahmen einer Katheteruntersuchung verschließen und damit unschädlich machen können.