1 von Jochen Mai am 18. April 2008 → Essay in Büro

Meisterarbeit – Wann man sich von seinem Mentor trennen sollte

handschlag„Irgendwie komme ich mit meinem Mentor nicht mehr klar. Kann ich mich von ihm trennen?“

„Willkommen im Club! Das Verhältnis von Mentor und Mentee ist nicht selten ein ambivalentes – oder gar gefährliches. Die Idee ist im Kern gut: Zwischen einer jungen, vielversprechenden Führungskraft (Mentee) und einem erfahrenen (Ex-)Manager (Mentor) wird eine Art Patenschaft geschlossen. Der Mentor übernimmt dabei verschiedene Aufgaben eines Ratgebers, der etwa Werte, Arbeitsweisen und Führungsstile für die jeweilige Organisation oder das Unternehmen an seinen Protegé vermittelt. Oft schlüpft er dabei auch in die Rolle eines Coachs, der seinen Schützling in Karrierefragen berät. Soweit die Theorie. Geht das gut, kann ein Mentor die Karriere seines Schützlings enorm und positiv beeinflussen. Er kann seinen Mentee aber auch blockieren, und je nachdem wie das Verhältnis endet auch demontieren. Doch zurück zu deiner Frage: Wie äußert sich das Nicht-klar-kommen konkret?“

„Ich habe den Eindruck, er hört mir nicht richtig zu und überträgt seinen Lebensweg und seine Erfolgstrategien eins zu eins auf mich. Mit Entwicklung hat das jedenfalls nichts zu tun.“

„Ein Klassiker. Das ist eine Falle, in die Mentoren nur allzu gerne tappen: Sie versuchen nicht, ihren Schützling zu entwickeln und zu fördern, sondern sie wollen auch ihn – wie schon ihre Mitarbeiter früher – lediglich führen oder suchen gar einen Bewunderer und Beweis ihrer eigenen Erfolge und Genialität. Nicht wenigen Mentoren fehlt es an empathischer Kompetenz, sich auf ihren Mentee individuell einzustellen, auf seine Bedürfnisse, seine Laufbahn und seine Situation. Die Gefahr ist: Wenn er merkt, dass du dich nicht in seinem Schatten, sondern daneben entwickeln willst, kann ein solcher Förderer schnell beleidigt sein und zum Saboteur mutieren.“

„Also was kann ich tun?“

„Zunächst einen grundsätzlich anderen Zugang zu deinem Mentor finden – auch zu dem, der vielleicht danach kommt. Was du brauchst, ist eine Es-geht-nicht-um-dich-sondern-um-mich-Attitüde. Euer Verhältnis funktioniert nur dann, wenn es partnerschaftlich ist. Ihr begegnet Euch zwar nicht auf Augenhöhe, weil er nun mal erfahrener ist, aber das Recht, dein Mentor zu sein, hat er nur solange, er dich wirklich fördert. Du spielst die Hauptrolle. In diesem Fall aber hört es sich so an, als ob von deiner Seite aus kein Vertrauen und auch kein Wille zur weiteren Zusammenarbeit mehr da ist. Deswegen ist eine Trennung wohl das Beste. Auch hier solltest du allerdings behutsam vorgehen, etwa: Ich habe bisher viel von Ihnen lernen können, möchte mich aber nun in eine neue Richtung entwickeln… Oder: Die aktuellen Projekte verlangen mir so viel Zeit ab, dass ich kaum noch welche finde, um Sie in unsere Partnerschaft zu investieren… Was auch geht, ist sich tatsächlich beruflich neu zu orientieren und das dem Chef-Chef zu signalisieren. So ergibt sich mit den neuen Aufgaben womöglich automatisch auch ein neuer Mentor.“

„Mal sehen, ob er das so versteht…“

„Zwei Dinge solltest du dir dabei unbedingt verkneifen: Deinen bisherigen Mentor öffentlich zu kritisieren oder deinen Unmut ihm gegenüber ungefiltert zum Ausdruck bringen. Das kann dir immer als Überheblichkeit, Beratungsresistenz und Undankbarkeit ausgelegt werden – und strapaziert schon im Vorfeld das Verhältnis zu deinem neuen Mentor.“

Tags

Ähnliche Artikel
1. Kommentar

Rolf F. Katzenberger
18.04.08 um 13:55 Uhr

Auf ManagerTools gabs letzten Herbst zwei fantastische (englische) Podcasts zum Thema “How to be an Effective Mentor”:

http://www.manager-tools.com/2007/09/how-to-be-an-effective-mentor-part-1-of-2/
http://www.manager-tools.com/2007/09/how-to-be-an-effective-mentor-part-2-of-2/

Kernaussage, unter anderem: der Mentee, nicht der Mentor, bestimmt die Agenda und stellt seine Fragen. Dem Mentor wird sogar empfohlen, das Mentoring höflich zu beenden, wenn er den Alleinunterhalter mimen soll. Interessant – sind US-amerikanische Mentoren weniger doziergefährdet?

Sagen Sie ihre Meinung!

Folgendes HTML ist in den Kommentaren verwendbar: <a> <em> <strong>

karrierebibel.de © 2006 - 2010 Jochen Mai

Design von kunstreich & partner