Ein Gastbeitrag von Manuel Tusch
Tusch, Jahrgang 1976, hat Psychologie und Erwachsenenbildung in Köln und Amsterdam studiert. Es folgten Zusatzausbildungen in Gesprächstherapie, Mediation und Supervision. Zusammen mit Volker Kitz hat er dieses Jahr bei Campus das Frustjobkillerbuch veröffentlicht.
Stellen Sie sich vor, Sie verbinden mit Weihnachten hauptsächlich eine schöne knusprige Weihnachtsgans: nicht zu hell und nicht zu dunkel, im Ofen betätschelt und beträufelt, eine perfekte Gans eben. Schon viele Wochen vorher spüren Sie die himmlisch gut gewürzte Knusperhaut förmlich auf Ihrer Zunge. Nun kommen die Feiertage. Sie sitzen mit Ihrer Familie am Tisch, und die Gans kommt aus dem Ofen. Voller Hoffnung nehmen Sie den ersten Bissen, kauen ihn bedächtig und merken: Knusprig ist sie ja, aber ein paar Minuten länger hätte sie im Ofen sein müssen. Perfekt schmeckt anders. Schlagartig sinkt Ihre Laune. Um Sie herum ist es wundervoll dekoriert, eine duftende Tanne ist geschmückt, schöne Musik kommt aus den Lautsprechern. Um Sie herum die Familie. Aber all das interessiert Sie nicht – in Gedanken sind Sie nur noch bei der Gans.
Es ist ungeschickt, wenn wir mit einem dominanten Motiv ins Weihnachtsfest gehen. Wir können dabei nur enttäuscht werden. Wenn wir stattdessen aber wissen, dass an Weihnachten zwar nichts perfekt, aber vieles bietet – gutes Essen, geliebte Menschen, nette Gespräche, eine festliche Christmette, Freude beim Beschenken – dann wird das Fest viel größer als unsere Erwartungen.
Genauso verhält sich das mit der Motivation für einen Job. Als ich mit Volker Kitz für das „Frustjobkillerbuch“ recherchiert habe, fanden wir heraus: Die meisten Menschen wählen ihren Job aufgrund eines dominanten Motivs. Sie konzentrieren sich auf Geld oder Status oder Sinn oder Spaß. Wenn wir aber eines dieser Motive herausgreifen und zum dominanten Motiv machen, steigern sich unsere Erwartungen an dieses eine Element ins Unerfüllbare. Gleichzeitig nehmen wir die anderen Dinge höchstens als Nebensache wahr, und die Enttäuschung lässt uns nach weiteren Haken suchen, die wir auch finden. Dabei bietet fast jeder Job – auf seine Weise – von allem ein bisschen. Wenn wir also ein Erwartungsbündel schnüren und von allem ein bisschen, aber von nichts zuviel erwarten, werden wir seltener enttäuscht.
Derlei unrealistische Erwartungen spiegeln sich auch in typischen Alltagsaussagen: „Ich verdiene zu wenig“, „Alle quatschen mir rein“, „Keiner schätzt meine Arbeit“, „Jeder Tag ist gleich“, „Alle Kollegen und Kunden sind geisteskrank“. Solche Gedanken können einem den Job nur vermiesen. Die ständige, aufreibende Suche nach dem perfekten Job ist aus meiner Sicht ohnehin Zeitverschwendung. Stattdessen empfehle ich folgende Strategien – für jeden Advent und den Heiligen Abend eine –, mit denen Sie Ihren Arbeitsalltag nach und nach aus eigener Kraft verbessern können:
- 1. Advent: Starten Sie mit den richtigen Einsichten: Sie sind nicht allein. Studien belegen regelmäßig, dass bis zu 90 Prozent der Menschen mit ihrem Job unzufrieden sind. Das kann nicht daran liegen, dass alle nur den falschen Job haben. Es belegt vielmehr, dass alle mit ähnlichen Problemen kämpfen, völlig unabhängig davon, in welchem Job sie sind. Wenn man sie auf die immer wiederkehrenden Grundprobleme reduziert, sind im Prinzip alle Jobs ziemlich gleich.
- 2. Advent: Erkennen Sie die Bedeutung des Geldes: Geld ist wichtiger als viele zugeben wollen. Aber Studien belegen auch das: Wir können nie genug verdienen. Das liegt daran, dass wir uns immer mit anderen vergleichen – und wir immer noch jemanden finden, der mehr verdient. Wer also den Job sucht, in dem er genug verdient, wird sein Leben mit einer endlosen, aufreibenden Suche vergeuden.
- 3. Advent: Lernen Sie teilen: Jeder von uns ist ein Individuum – aber doch Teil einer Masse, die täglich funktionieren muss und mit denen wir um Aufmerksamkeit, Anerkennung und Gestaltungsspielraum kokurrieren. Das bedeutet: Selbst wenn wir uns noch so viel Arbeit mit dem Memo für die Chefin gemacht haben, dürfen wir trotzdem nicht mehr als ein Danke erwarten. Die Chefin hat an diesem Tag vielleicht noch 20 weitere Arbeitsergebnisse bekommen – schon organisatorisch ist es ihr damit schlicht nicht möglich, jedem ein Denkmal zu setzen.
- 4. Advent: Suchen Sie nicht nach Gerechtigkeit: Wo wir mit Menschen zu tun haben, wird es immer ungerecht zugehen. Menschen sind keine Gerechtigkeitsautomaten, sondern immer beeinflusst von Sympathien, mangelnden Informationen und sachfremden Erwägungen. Die Suche nach einem Arbeitsplatz, an dem es gerecht zugeht, ist die größte Zeitverschwendung, die es gibt. Ein solcher Ort existiert nicht. Trösten wir uns also damit, dass wir manchmal ja auch selbst von Ungerechtigkeiten profitieren.
- 24. Dezember: Erinnern Sie sich daran, dass Sie mit Menschen arbeiten: Ständige Störungen empfinden die Beschäftigten als größte Belastung im Berufsleben. Diese Störungen sind in der Regel andere Menschen – mit denen wir einmal so gern zu tun haben wollten. So ziemlich jeder will einen Job, in dem er „mit Menschen zu tun hat“. Wo aber Menschen sind, wird es Reibungen geben. Es ist wichtig, dass wir unseren Ärger darüber nicht auf Kunden und Kolleginnen projizieren, sondern als unvermeidbaren Preis dafür ansehen, dass wir nicht allein sind.



heiko schwardtmann
Toller Artikel, inspirierend und wirklich passend zum vorweihnachtlichen Gehetze, welches man derzeit tagtäglich auf den Strassen sehen kann. Ich hoffe, dass wirklich viele Menschen diesen kurzen Bericht lesen und werde ihn gern weiterempfehlen!