NachdenklichEs gibt tatsächlich so etwas wie die Angst vor dem Erfolg. Sie hat nichts damit zu tun, sich vor Risiken oder Fehlern zu fürchten, die einen auf diesem Weg zwangsläufig begleiten. Es ist vielmehr die Methatesiophobie, die Angst vor Veränderungen, die damit einhergehen sowie die Sorge, trotz allem nicht zufrieden zu sein.

Schauen wir uns den Mechanismus genauer an. Wer Erfolg hat, wird beklatscht und beachtet, steigt in der Regel in Ansehen und Hierarchie auf. Für viele ist das eine wunderbare Vorstellung. Zugleich setzt es sie unter Druck. Mit jedem Triumph steigen die eigenen Ansprüche an sich selbst sowie die Erwartungen von außen. Wie lange wird man dem standhalten und gerecht bleiben können? Kommen vielleicht auch Schattenseiten ans Licht? Was bisher an Know-how ausreichte, reicht nun vielleicht nicht mehr. Alte, liebgewonnene Gewohnheiten muss man ablegen, Neues antrainieren. Erfolg legt einen womöglich sogar fest – auf ein Thema, eine Rolle. Und was ist mit der Zeit: Wird noch genug für das Privatleben bleiben, für die Familie, für den Spaß?


Jeder halbwegs Vernunftbegabte weiß, Erfolg ist eine fragile Sache, und nur zu gern frisst er seine eigenen Kinder. Je höher einer aufsteigt, desto tiefer kann er fallen. Und desto einsamer wird er. Beim Aufstieg gibt es eben nicht nur Freunde und Fans, die zur Seite stehen und gönnen – es gibt auch die Neider, die versuchen, einem das Erreichte madig zu machen, die auf Fehler lauern, um sie an die große Glocke zu hängen. Jeder spürt instinktiv: Es ist härter an der Spitze zu bleiben, als dorthin zu kommen.

All diese Zweifel können dafür sorgen, dass Menschen zwar davon träumen, endlich einen Bestseller zu schreiben, sich selbstständig zu machen, ein Star oder berühmt zu werden. Aber den ersten Schritt wagen sie nicht. Die Zukunft ist ihnen zu ungewiss, zu chaotisch, und die Folgen fordern vielleicht Konsequenzen, die sie nicht abschätzen können. Je länger sie darüber nachdenken, desto größer wird das Monster, das sie sich ausmalen. Aus der Psychologie ist bekannt, dass Ängste wachsen, je mehr man die Auslöser meidet. Das geht bis hin zur totalen Blockade.

Viele dieser Ängste sind freilich völlig unbegründet, noch öfter sind sie bequeme Ausreden. Andere aber sind durchaus real: Erfolg verändert jeden Menschen. Meist beginnt das mit den Beziehungen zu Freunden und Kollegen: Die einen begleiten einen weiterhin, andere wenden sich ab – aus welchen Motiven auch immer. Mit wachsendem Erfolg steigt die Verantwortung. Die eigenen Entscheidungen haben nicht mehr nur Einfluss auf das eigene Leben, sondern zunehmend auf das von anderen – weil man für sie Führungskraft ist oder Vorbild. Dabei ist es unvermeidbar, einige Menschen vor den Kopf zu stoßen und zu verletzen. Das ist aber nichts endgültiges. Jeder kann lernen, sich selbst zu vergeben und andere um Vergebung zu bitten. Die Gewissheit darüber nimmt häufig schon viel vor der nebulösen Erfolgsangst.

Ein wesentlicher Schritt, diese Angst zu überwinden, ist – wie bei jeder Adoleszenz – sich darüber klar zu werden, wovor man sich überhaupt fürchtet: Ist das Szenario realistisch? Welche Gefühle versuche ich zu vermeiden? Welche Garantien habe ich denn heute? Ist der Status quo wirklich besser? Je klarer das Bild wird, desto mehr lösen sich diffuse Sorgen auf. Ich spreche nicht von einer 5-Minuten-Analyse! Nehmen Sie sich dafür wirklich Zeit – mindestens einen Tag, besser ein Wochenende oder länger. Es geht schließlich um Ihre Zukunft.

Oft ist es so, dass die Menschen, die sich vor ihrem Erfolg fürchten, kein klares Bild vor Augen haben, was diesen überhaupt ausmacht. Vielleicht sagen Sie sich, Sie wollen doppelt so viel Geld verdienen wie bisher oder Wenn ich mein eigener Chef bin, dann habe ich es geschafft. Aber Ihr eigener Chef sind Sie schon heute, weil Sie sich jederzeit für oder gegen etwas entscheiden können. Und Geld ist zwar ein starker Motivator, aber was verbinden Sie damit: mehr Freiheit? Mehr Luxus? Mehr Prestige? Selbst wenn Sie höchste Ansprüche an sich stellen, kann es sein, dass Sie niemals mit sich zufrieden sind und infolgedessen auch nie glücklich. Je nachdem, wie Ihre Definition ausfällt, können Sie mit kleineren Ergebnissen viel glücklicher werden.

Erfolg ist letztlich eine Willensentscheidung, und das Ende jeder Angst beginnt mit zwei Worten: Ich will!