Heute bekam ich wieder eine. Eine Karte mit vorweihnachtlichen Grüßen. Ein schöner Brauch eigentlich – vorausgesetzt der Absender verschickt mit seinem Schreiben nicht gleich ein schlechtes Gewissen in Form von „Im Gegensatz zu anderen wurden unsere Karten von hungernden Kindern in Afrika mit dem Mund gemalt, denen wir beim Erwerb zugleich die Schulausbildung bezahlt haben…“ Das mag zwar eine gute Tat gewesen sein, sie wird aber nicht besser dadurch, dass man jeden darauf hinweist. Aber apropos Hinweis: Es ist schon erstaunlich, wie viele Autoren so wenig auf die Grußformeln ihrer Briefe achten. Dabei sind die Schlusszeilen einer Korrespondenz keinesfalls eine obligate Dreingabe. Vielmehr drücken sie tatsächliche Wertschätzung und Kundenorientierung aus und können der Post einen ganz persönlichen Dreh geben. Hier mal ein paar Beispiele für Grußformeln und deren Wirkung:
„Mit freundlichen Grüßen“
Der Klassiker. Und genau deshalb auch sehr unpersönlich. Selbst Nachbarn, die einen verklagen, oder Anwaltsschreiben enden so. Wenn man schon freundlich grüßen will, warum dann nicht durch „Beste Grüße“, „Schöne Grüße“ oder „Herzliche Grüße“?
„Liebe Grüße aus Köln“
Die Botschaft: Ich grüße dich aus meiner Hochburg, du Wicht im irgendwo. Warum nicht: „Liebe Grüße nach Köln, München, Berlin, …“ Kleines Wort, große Wirkung! Das „nach“ drückt sofort echte Empfängerorientierung aus: Ich grüße dich in deiner Hochburg.
„Hochachtungsvoll“
Ein bisschen antiquiert – und doppeldeutig. Nicht selten verbirgt sich dahinter Ironie. Zudem wirkt es sehr distanziert. Würde ich nur verwenden bei Leuten, die ich nicht leiden kann.
„Herzlichst“
Superlative wie „Freundlichst“, „Herzlichst“, „Allerliebst“ sind definitiv zuviel des Guten. Erstens, weil sowieso jeder weiß, dass das nicht stimmt; zweitens, weil sich dadurch die Wirkung verkehrt.
„Liebe Grüße“
Genauso wie „Viele liebe Grüße“ sind sehr persönlich, noch mehr: „Alles Liebe“. Sie bleiben meist guten Freunden und engen Vertrauten vorbehalten. In der Geschäftskorrespondenz sind sie eher unangebracht. Da schließt man neutral besser mit „Viele Grüße“ oder „Mit besten Empfehlungen“.
„MFG“, „LG“
Die Kurzformen von „Mit freundlichen Grüßen“ (MFG) beziehungsweise „Liebe Grüße“ (LG) haben sich durch SMS und E-Mails stark verbreitet, wirken aber stets etwas lieblos und geringschätzig, Motto: Für dich hab ich nicht mal die Zeit, das auszuschreiben. Bei schnellen Mitteilungen unter Kollegen oder Bekannten spricht nichts dagegen – hier dominiert schließlich die Information vor der Form; gegenüber Kunden, Geschäftspartnern oder Fremden aber ist es latent respektlos.
„Gruß“
Wegen ihrer Kürze wird die Formel ebenfalls gerne in Mails oder Kurzmitteilungen verwendet, sie gilt jedoch als Standard-Gruß, falls dieser eben nicht mehr ganz so freundlich gemeint ist. Also etwa bei Streitigkeiten mit seinem Vermieter, seiner Bank, einem Dienstleister. Die Formulierung kann deshalb leicht zu Missverständnissen und atmosphärischen Störungen führen.
„Mit den besten Wünschen für ein schönes Wochenende!“
Kreative Grüße wie der obige oder „Grüße ins sonnige…“ oder Adaptionen à la „Freundlich grüßt Sie“ werden zwar immer beliebter, weil sie individuell sind und auffallen. Aber: Wenn der Schuss nicht sitzt, sieht das nur noch bemüht aus. Knapp vorbei ist dann leider völlig daneben.
Übrigens: Laut DIN 5008 wird die Grußformel immer (!) durch eine Leerzeile vom Text abgesetzt.







Markus
Habe jetzt irgendwie ein kleines “Gruss, Jochen” oder dergleichen erwartet….
MFG,
Markus
Stefan
Wie verhält es sich denn mit der Grußformel “Mit besten Grüßen”? Die verwende ich am Häufigsten, da sie in meinen Augen recht frisch wirkt.
jaydee
danke für den artikel. cheers
Pingback: Gruß und Kuss, Dein Julius
limone
was mir noch fehlt, ist der korrespondenztraining-klassiker “freundliche grüße”. uns hat man schon anfang der 90er eingebleut, dass “mit freundlichen grüßen” durch “freundliche grüße” zu ersetzen sei, weil das zeitgemäßer sei. es ist halt neutral und wird daher gern genommen. “beste grüße” klingt IMHO irgendwie bieder, und “herzliche grüße” ist mir zu persönlich für leute, mit denen ich nur geschäftlich zu tun habe. da muss dann schon eine entsprechend herzliche basis dahinter stecken, sonst bin ich als empfänger eher irritiert. “herzliche grüße” steht für mich im gleichen bereich wie “liebe grüße”. wie will man sich denn sonst noch steigern können?
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Roland
Ich schreibe immer:
“Mit besten/freundlichen Grüßen nach Hamburg”
… naja, nicht immer, die Stadt variiert je nach Empfänger ;-)
Tobias
Ich grüne gerne “nach”, oder “aus” :)
Ich wechsel eigentlich sehr oft, ich mag stupide einfache Grußformeln nicht.
Insbesondere beim Emailverkehr.
Kittyluka
Ich bin ja auch eher für individuelles.
Sowas wie “Sonnige Grüße” oder gerne auch mal “Gute Besserung”. Eben je nach Empfänger.
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Jochen Mai
@Markus: Manche Pointen sind einfach zu naheliegend…
@Stefan: Finde ich gut + neutral, etwas mehr Pfiff hat vielleicht “Beste Grüße”
@Jaydee: Gern geschehen.
@Limone: Ich persönlich finde ja “freundliche Grüße” gewöhnlicher als “beste Grüße”. Die beiden tun sich aber nix. Und “herzliche Grüße” sind tatsächlich schon persönlicher.
@Roland: Ist doch prima so…
@Tobias: Der Witz ist ja: nur dir fällt auf, dass die Grußformeln wechseln oder eben nicht, da du ja nicht immer nur an dieselbe Person schreibst. Aber gegen Abwechslung ist überhaupt nichts einzuwenden.
@Kittyluka: Individuelle Grüße finde ich auch am besten. Aber das bleibt dann meist doch nur besseren Bekannten oder Freunden vorbehalten. Ich persönlich wähle ganz gerne die Form:
“Jochen, amüsiert” oder “Jochen, beeindruckt” oder “Jochen, verstimmt”
Roland
Ich habe gelesen, veraltet sei das “mit sonnigen” und co.. Es impliziere das es bei dem Empfänger womöglich nicht sei und es könnte sein, dass er sich auf den Schlips getreten fühlt.
Jochen Mai
@Roland: Sagen wir so: “Sonnige Grüße” gibt es meist nur “nach…XY” – und damit haben wir den oben schon beschriebenen Fall: Ich grüße dich (du Wicht) aus meiner Hochburg…
Wenn es aber “Grüße ins sonnige…XY” sind, (und ich nehme mal an, dass es dort tatsächlich sonnig ist) dann drückt man damit indirekt aus, dass man den Ort des Adressaten gut kennt und sogar das aktuelle Wetter. Das bezeugt, wie ich finde, großes Interesse und ist überaus charmant.
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Julius
Hihi – “Gruß und Kuss, dein Julius!”"
Das ist total die Eselsbrücke ;-) Benutzen wir im Deutschunterricht immer für die 5er wenn wir denen das Briefeschreiben beibringen!
P.S.: Wer Rechtschreibfehler findet darf sie behalten – ich bin nicht im Dienst 8)