Querdenker haben es schwer. Sie gelten schnell als Unruhestifter, Außenseiter, Abweichler. Nicht umsonst ist wohl die sprachliche Verwandtschaft von Querdenker und Querulant so nah.
Wer anders denkt als die Masse, gehört folglich einer Minderheit an. Und Minderheiten haben keine Macht. Ihnen fehlt es an genügender Zustimmung und Konformität. Jahrelang ging die Mehrheit der Wissenschaftler, insbesondere Psychologen davon aus, dass der Gruppendruck und die Opportunität die Nonkonformisten eher früher als später zum einlenken und anpassen bewegt. Ein Irrtum offenbar. Und ein weiteres Beispiel für die typische Ignoranz der Masse, die gar nicht merkt wie selbst Minderheiten sie beeinflussen können – vorausgesetzt, sie erfüllen zwei Voraussetzungen: Sie müssen besonders geschlossen und vehement auftreten.
1951 machte der Psychologe Solomon Asch ein interessantes Experiment: Es ließ sieben Probanden den längsten von drei Stäben benennen. Eine einfache Sache: Der längste Stab war mit bloßem Auge zu identifizieren. Die Gruppe war allerdings getürkt: Bis auf einen Teilnehmer waren alle eingeweiht und benannten geschlossen das falsch, kurze Stöckchen. Kaum überraschend entschieden sich die meisten echten Probanden ebenfalls für den Mehrheitsbeschluss – obwohl sie wussten, dass der falsch war.
Ohnmächtig sind Minderheiten deshalb aber nicht. Bei der Fortsetzung des Experiments, schlossen sich zwei Probanden besonders stark zusammen und behaupteten nun, dass der kurze Stab der längste sei, während die Mehrheit der Wahrheit folgte. Die besondere Geschlossenheit des Duos konnte nun in einigen Fällen den nicht eingeweihten Probanden tatsächlich auf ihre Seite ziehen. Entscheidend für die Macht der Minderheiten ist also, dass sie durchweg mit einer Stimme sprechen, dann können sie ihre Unterzahl kompensieren.
Die eine Stimme muss allerdings auch besonders kräftig sein. Oder anders formuliert: Die Mehrheit muss den Eindruck haben, dass sich der Querdenker seiner Sache äußerst sicher ist. Dann ist sie durchaus bereit, sich selbst zu hinterfragen. Forscher schränken für diesen Fall jedoch ein, dass der Querkopf sozialen Kredit braucht. Sprich: Es muss sich eine gewisse Glaubwürdigkeit vorher aufgebaut haben. Wer immer nur am Rand einer Gruppe steht und stets auf seine individuelle Meinung pocht, wird weder ernst genommen noch respektiert. Er bleibt ohnmächtig. Anders aber, wer vorher sowohl seine Teamfähigkeit als auch soziale Verlässlichkeit unter Beweis gestellt hat. Für diese Menschen kann das plötzliche Absetzen von der Gruppe sogar ein Erfolgsturbo sein: Mit einem Mal stechen Sie aus der Masse hervor, beeinflussen sie und dokumentieren so eindrucksvoll Meinungsstärke und Durchsetzungsvermögen. Defintiv eine wirksame Karrierestrategie. Allerdings nur, wenn man sie dosiert und dezent einsetzt.
Sie erinnern sich: Vom Querkopf zum Querulanten ist es nicht weit.
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Michael
Diese Forscher beurteilen die Daseinsberechtigung eines »Querdenkers« wiederum nach der Masse. Also kann man sagen, das jene Masse ihre wegbegleitenden Querdenker selbst produziert. Ebenso verhält es sich mit Terroristen.
Die Frage, die sich mir stellt, ist folgende: Darf ich als Querdenker meinen »sozialen Kredit« überziehen, oder ist die Einräumung eines entsprechenden Dispos davon abhängig, wie lange ich der Masse hinterher gelaufen bin?
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