Roland Kopp-Wichmann bietet regelmäßig Persönlichkeitsseminare an und hat gerade ein Buch veröffentlicht: Frauen wollen erwachsene Männer. Zudem schreibt er in seinem Blog über berufliche und private Themen aus psychologischer Sicht. In diesem Gastbeitrag thematisiert er Minderwertigkeitsgefühle.
Das Gefühl, minderwertig zu sein, ist leider ein weit verbreitetes. Betroffene leiden an Schüchternheit, unangemessener Verlegenheit, übertriebener Bescheidenheit, starker Eitelkeit oder gesteigertem Geltungsbedürfnis sowie starkem Verlangen nach Lob und Anerkennung. All diese Symptome können starke Hinweise auf diese negative Emotion sein. Minderwertigkeitsgefühle verbergen sich aber auch hinter der Maske von Unnahbarkeit, Kälte und Aggressivität, die von anderen dann als arrogant erlebt wird.
Menschen, die sich minderwertig fühlen, haben etwa Angst, …
Ursprünglich geht der der Begriff des Minderwertigkeitsgefühls auf Alfred Adler, einen Schüler Sigmund Freuds, zurück. Adler, von Beruf Arzt, hatte beobachtet, dass der menschliche Organismus dazu tendiert, vorhandene Organminderwertigkeiten auf einem anderen Gebiet auszugleichen. So wie ein blinder Mensch sein fehlendes Sehvermögen durch ein besonders gutes Gehör kompensiert. Oder wie manchmal Jungen mit einer vergleichsweise geringen Körpergröße die Rolle des Klassenclowns oder des Anführers übernehmen und später Komiker oder Staatspräsident werden. Eines des vielleicht bekanntesten Beispiele hierfür ist Demosthenes. Er überwand sein Stottern, indem er solange gegen die Wellen ansprach, bis er seine verbale Minderwertigkeit überwunden hatte. Danach war er einer der besten Redner des antiken Griechenlands.
Adler schrieb: „Menschsein heißt auch, sich unzulänglich und minderwertig zu fühlen … Da sie aber ein entscheidendes Stimulans des Wachstums und der kulturellen Entwicklung sind, sollten wir in den eigentlichen Minderwertigkeitsgefühlen etwas Positives sehen. Nur unter sehr unguten Bedingungen verstärkt sich das Minderwertigkeitsgefühl zum Minderwertigkeitskomplex, der jegliche Entwicklungsbestrebungen blockiert.“
Genaugenommen ist Minderwertigkeit aber gar kein Gefühl, sondern eine Einstellung zu sich selbst. Das ist die gute Nachricht: Wenn Minderwertigkeit eine Einstellung ist, dann können Sie diese Einstellung auch ändern. Die schlechte Nachricht ist: Wer unter Minderwertigkeitsgefühlen leidet, ist meist völlig davon überzeugt, dass er minderwertig ist. Seine Einstellung zu sich zu ändern, ist dann leichter gesagt als getan. Zumal Betroffene ständig Gedanken haben, wie: Ich verdiene es nicht, gemocht oder geliebt zu werden. / Andere sind besser als ich. / Ich tauge nichts. / Ich bin nicht in Ordnung. / Ich bin ein Versager.
Tatsächlich hat jeder Mensch von Zeit zu Zeit solche Minderwertigkeitsgefühle. Viele reagieren darauf mit Resignation und Kompensation. Nicht wenige stecken dabei in einer Beweisen-Müssen-Falle. Das betrifft vor allem tüchtige, kluge Menschen, die ihre Leistungen nicht anerkennen und ihre Erfolge nicht feiern können. Sie werden eben von dem Zwang angetrieben, noch etwas beweisen zu müssen. Dahinter steckt gleich eine dreifache Falle, die Sie etwa an den folgenden Fragen erkennen können:
Jemand, der den Wunsch nach Perfektion hegt, kann in dem Zusammenhang geradezu zwanghafte Züge entwickeln. Dann müssen etwa alle Schriftstücke auf dem Schreibtisch exakt rechtwinklig angeordnet liegen. Vor dem Verlassen des Hauses müssen tausend Dinge noch kontrolliert werden. Und ein Pfund mehr auf der Waage morgens kann starke Kontrollzwänge nach sich ziehen. Menschen mit Perfektionsdrang wollen geliebt werden – und sind dennoch felsenfest davon überzeugt, dass sie dafür erst etwas Besonderes leisten müssen. Dahinter steckt das Gefühl, dass sie nicht gut genug sind – es aber mit großem Einsatz sein könnten. Ganz oft haben sie diese Beziehungserfahrungen mit den Eltern gemacht und übertragen dies nun unbewusst auf die Gegenwart, auf den Chef, den Kunden, den Partner.
In Japan kennt man das Wabi-Sabi. Das ist die Kunst, Schönheit im Unvollkommenen zu finden. Es bedeutet auch, den natürlichen Zyklus von Wachsen, Vergehen und Tod zu akzeptieren. Wir können lernen, Lebensspuren, Rost, Risse und Kanten – an Gegenständen, die uns am Herzen liegen und an uns selbst – schätzen zu lernen anstatt sie ausmerzen zu wollen. Denn diese Spuren des Unvollkommenen zeigen, dass alles Lebendige kostbar und vergänglich ist, dass wir alle selbst vergänglich sind.
Um zu einem gesunden Selbstbewusstsein zurück zu gelangen, lernen Sie Ihre Schwächen zu akzeptieren. Und nehmen Sie sich ein Beispiel an der amerikanischen Sprinterin Wilma Rudolph. Sie überwand ihre Kinderlähmung, indem sie trotz ihrer Schwächen so lange trainierte, bis sie zu einer Stärke wurden: 1960 erreichte sie in Rom einen dreifachen Sprint-Olympiasieg.
1. Kommentar
Katrin K.
22.02.09 um 23:54 Uhr
Ein sehr schöner Artikel – vielen Dank dafür.
2. Kommentar
Olli
25.02.09 um 12:45 Uhr
Vielen Dank für die vielen Tips. Da kann man sicherlich einiges umsetzen.
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