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Der Mindestlohn ist noch viel zu jung, um ein abschließendes Urteil über ihn treffen zu können. Aber erste Auswirkungen sind schon spürbar. So hat der Mindestlohn zum einen die Praxis der Praktikumsvergabe in Deutschland umgekrempelt, zum anderen diverse Niedriglohnbranchen grundlegend verändert. Eine Analyse des IAB zeigt, in welchen Branchen die Beschäftigten bislang vor allem profitiert haben.

Mindestlohn: Vergütung steigt

Ein gutes Jahr ist der Mindestlohn in Deutschland nun alt, zum 1. Januar 2015 wurden 8,50 Euro pro Stunde (mit Ausnahmen) zur gesetzlichen Lohnuntergrenze erklärt - Zeit für eine erste Zwischenbilanz.

Eine Studie der Unternehmensberatung Clevis Consult zitierte am Sonntag die FAZ. Erkenntnis: Die Praktika in Deutschland werden immer kürzer. Vor der Einführung des Mindestlohns machten demnach nur elf Prozent der Praktikanten ein dreimonatiges Praktikum, ab dem Januar 2015 waren es bereits 21 Prozent. Hintergrund: Auch Praktikanten haben jetzt Anspruch auf den Mindestlohn, sofern sie länger als drei Monate im Betrieb sind oder ihr Studium bereits abgeschlossen haben. Viele Unternehmen versuchen also offensichtlich, dem Mindestlohn durch verkürzte Praktika auszuweichen.

Insgesamt fiel die durchschnittliche Dauer eines Praktikums von sechs auf fünf Monate. Der positive Effekt aber: Auch die Vergütungen steigen. So hatten Praktikanten in der letzten Erhebung noch durchschnittlich 771 Euro im Monat erhalten, jetzt sind es bereits 950 Euro - ein Steigerung um mehr als 20 Prozent.

Die ersten Auswirkungen des Mindestlohns auf die Niedriglohnbranchen, Gastronomie und Zeitarbeit etwa, hat derweil das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) untersucht. Das sind die wichtigsten Ergebnisse ...

Mindestlohn: Die ersten Erkenntnisse

  • Minijobs

    Auch nach der Einführung des Mindestlohns steigt die Zahl der Beschäftigten in Deutschland weiter an. Die Zahl der Personen, die ausschließlich einen Minijob hatten, ging dagegen zum Jahreswechsel 2014/15 deutlich zurück - saisonbereinigt um 94.000. Tatsächlich sind, so die Schlussfolgerung des IAB, viele der weggefallenen Minijobs in sozialversicherungspflichtige Stellen umgewandelt worden - nämlich rund die Hälfte. Zudem fielen etliche Minijobs weg, die lediglich als Nebenbeschäftigung ausgeübt wurden.

  • Hartz IV

    Auch die Zahl der "beschäftigten Leistungsbezieher", umgangssprachlich auch als "Aufstocker" bekannt, ist leicht rückläufig. Damit sind Erwerbstätige gemeint, deren Einkommen so gering ist, dass sie zusätzlich Hartz 4 beantragen können. Ein Teil von ihnen muss mittlerweile nicht mehr aufstocken, ein anderer hat sich allerdings auch in die Arbeitslosigkeit verabschiedet. Die Zahl der (nicht arbeitenden) Hartz 4-Empfänger wiederum ging zwar in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurück, stagniert seit Anfang 2014 aber bei rund drei Millionen. Seit der Einführung des Mindestlohns hat sich daran nichts geändert.

  • Region

    In Ostdeutschland sinkt der Anteil der Beschäftigten, die ausschließlich eine geringfügige Arbeit haben, stärker als im Westen. Dies ist unter anderem mit dem niedrigeren Lohnniveau im Osten zu erklären. Die Entwicklung spiegelt sich auch im Vergleich der Bundesländer wider. So sinkt der Anteil der Personen, die ausschließlich auf Minijob-Basis arbeiten, in Sachsen-Anhalt mit Abstand am stärksten, gefolgt von Sachsen, Thüringen und Brandenburg. Auch in Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Berlin und dem Saarland gibt es einen deutlichen Effekt. Am schwächsten ist er in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Hamburg und Bremen.

  • Geschlechter

    Zwei Drittel der geringfügig entlohnten Beschäftigten sind Frauen. Der Rückgang der Mini-Jobber fällt bei ihnen umso höher aus. Bei den Männern war in den letzten Jahren ein steiler Anstieg der Beschäftigten, die nur eine geringfügige Beschäftigung hatten, zu beobachten. Ab dem 1. Januar 2015 gab es auch bei ihnen einen Knick.

Mindestlohn: Die Branchen

Die IAB-Untersuchung zeigt: Nicht jede (Niedriglohn-)Branche hat gleichermaßen auf den Mindestlohn reagiert. So werden vor allem bei privaten Wach- und Sicherheitsdiensten und in der Gastronomie seit Jahren überdurchschnittlich viele neue Stellen geschaffen - ein Trend, der sich seit dem 1. Januar 2015 ungebremst fortsetzt, teilweise sogar beschleunigt.

Ganz anders sieht es für die Taxifahrer aus. Sie verzeichneten zum Stichtag 1.1.2015 einen klaren Einbruch bei den Beschäftigtenzahlen und haben ihre Zahl seitdem - auf niedrigerem Niveau - stabilisiert. Allerdings gilt auch für die Taxifahrer: Es gibt weniger geringfügige Beschäftigte und mehr sozialversicherungspflichtige Stellen - dieser Effekt ist aber längst nicht so stark wie in anderen Branchen. Auch im Einzelhandel hat ein vergleichsweise kleiner Teil der Mini-Jobber eine reguläre Beschäftigung erhalten, ein anderer ist leer ausgegangen.

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[Quelle: IAB-Forschungsbericht 1/2016 ]

In diesen Branchen gibt es Ausnahmeregelungen

  • Land- und Fortwirtschaft/Gartenbau: Hier gilt ab dem 1. Januar 2016 ein Mindestlohn von 8,00 Euro (West) und 7,90 Euro (Ost). Im vergangenen Jahr lag er noch bei 7,40 Euro bzw. 7,20 Euro.
  • Friseure: Die Übergangsregelung für Friseure, die 8,00 bzw. 7,50 Euro vorsah, lief am 31. Juli 2015 aus. Seitdem liegt das Minimum auch für sie bundesweit bei 8,50 Euro.
  • Fleischwirtschaft: Hier war der 1. Oktober 2015 Stichtag. Bis dahin betrug der Mindestlohn bundesweit 8,00 Euro - seitdem 8,50 Euro.
  • Arbeitnehmerüberlassung: Die Leiharbeit ist noch mitten in der Übergangsphase. Bis zum 31. Mai 2016 bekommt ein Arbeitnehmer hier mindestens 8,80 (West) bzw. 8,20 Euro (Ost), ab dem 1. Juni 2016 steigt der Mindestlohn auf 9,00 (West) bzw. 8,50 (Ost) Euro.
  • Textil- und Bekleidungsindustrie: Während die Beschäftigten im Westen schon seit dem 1. Januar 2015 auf 8,50 Euro pro Stunde kommen, wird der Mindestlohn im Osten schrittweise angehoben. Bis zum Jahresbeginn 2016 bekamen die Beschäftigten im Osten mindestens 7,50 Euro pro Stunde, seit dem 1. Januar 2016 sind es 8,25 Euro - übergangsweise bis zum 1. Januar 2017.

Vor allem in der Textilindustrie gibt es seit dem 1. Januar 2015 einen klaren Rückgang der Beschäftigtenzahlen, vor allem Minijobs wurden abgebaut. Auch in Land-, Fortwirtschaft und Gartenbau sowie der Fleischwirtschaft wurden nach der Einführung des branchenspezifischen Mindestlohns Stellen abgebaut, während parallel der Anteil der ausschließlich geringfügig Beschäftigten sank. Das bedeutet übersetzt: Auch in diesen Branchen wurden viele Minijobs in reguläre Stellen umgewandelt - aber eben längst nicht alle.

Eine Ausnahme bildet die Arbeitnehmerüberlassung. Hier kam es noch nicht zu einer Erhöhung des Mindestlohns und auch zu keinem Rückgang der Beschäftigtenzahlen. Das könnte sich zur Jahresmitte ändern. Dann steht die nächste Anhebung ins Haus.

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