So ziemlich alle Menschen treten im Job irgendwann gewaltig in einen Fettnapf, manche sogar mit Anlauf und Ansage. Nun ja, Kamikaze kann man auch als Sportart verstehen. Für alle anderen sind derlei Pleiten, Pech und Pannen jedoch peinliche Offenbarungen der eigenen Fehlbarkeit, die sie erröten lassen und manchmal bis in den Schlaf verfolgen. Oder am nächsten Tag bis in die Kantine. Nicht umsonst hat es das deutsche Wort „Schadenfreude“ zu internationaler Bekanntheit gebracht.

Der Mikrokosmos Büro ist nicht arm an Beispielen für unfreiwillige Komik, provozierten Spott und ungeplante Offenbarungen. Schon der Gedanke daran lässt manche schaudern. Da lächeln einen Kollegen unverhofft an und garnieren ihr Zahnweiß mit Schnittlauchresten von der Frühstücksstulle. Das Telefon klingelt, ein guter Kunde ist dran, und weil man weiß, wie Sozialkompetenz klingt, begrüßt man ihn inbrünstig mit: „Ach, Sie sind’s! Ich hab Ihre Stimme gleich erkannt, wie geht’s Ihrer Tochter, der, äh, ja also … wie war doch gleich Ihr Name?“ Nicht zu vergessen, die Auskünfte von Kollegen, die mehr Delikates von sich preisgeben als man eigentlich wissen möchte. „Neulich kam er grad frisch von der OP. Künstlicher Darmausgang. Na schönen Dank – mein Hunger war passé“, singen „Die Ärzte“ zynisch.

Augenscheinlich gibt es Situationen, in denen ist schon alles zu spät. Mitten in der Präsentation bemerken Sie die Entschlossenheit Ihres Reißverschlusses, der damit zugleich die Motiv-Unterwäsche freilegt. Oder Sie stolpern mit dem Aktenberg direkt in die Kaffeetasse des Chefs. Oder versenken beim Businesslunch den Rotwein in den Hosenanzug der Verabredung. Deren Reaktion: hochgezogene Augenbrauen, fragende Blicke, entgleiste Mundwinkel. Unangenehm, das. Und nur selten gelingt es uns, damit souverän umzugehen.

Nicht wenige stammeln, stottern und eiern daraufhin schlimmer herum als Faust beim armen Gretchen. Ihr Gesicht bekommt die Farbe von gekochten Krebsen – und genauso fühlen sie sich auch: heiß und elend. Aber wussten Sie, dass allein das Erröten, was viele von uns so fürchten, allenfalls eine Minute dauert und nach 15 Sekunden bereits seinen Höhepunkt erreicht hat? Also bitte keine Panik deswegen.

Überhaupt sind die falschesten Reaktionen in einer peinlichen Situation, entweder abgeklärte Coolness zu mimen oder in überbordene Hektik zu verfallen. Fragen wie: „Hab ich was Falsches gesagt?“ oder Ausrufe vom Typ „Oh nein! Oh nein!“ verstärken das Problem nur. Das gilt übrigens auch für den umgekehrten Fall eines sogenannten falschen Helfers. Der Satz „Das muss Ihnen nicht peinlich sein!“ entschärft die Lage keineswegs, im Gegenteil: Spätestens jetzt ist der Fauxpas amtlich. Was also tun? Im Kern gibt es für Fettnapftreter nur drei richtige Reaktionen:

  1. Durchatmen und nichts sagen. Noch nicht einmal, wenn der andere tobt, weil wir ihn brüskiert oder beleidigt haben, sollten wir sofort etwas sagen. Jede Erklärung, jede Rechtfertigung erhöht unmittelbar die Peinlichkeit. Das heißt nicht, dass man die Lage später nicht bereinigen, sich nicht entschuldigen oder um Verständnis bitten sollte. Nur eben nicht sofort. Erst einmal gilt es sich zu sammeln, die Souveränität zurückzugewinnen und die Welle abebben zu lassen. Selbst wenn Sie dumm gestolpert sind, machen Sie sich bitte nicht zum Clown! Selbstironie im Übermaß lässt Sie nur wie eine Witzfigur aussehen. Und womöglich ist den anderen ja gar nichts aufgefallen. Dumm, wenn man dann alle darauf hinweist.
  2. Zeigen Sie sich peinlich berührt. Klar, würden Sie sich jetzt am liebsten verkriechen, aber damit geben Sie nur ein noch jämmerlicheres Bild ab. Den Coolen zu markieren, wirkt wiederum reichlich abgebrüht. Der Grund für diese Trotzreaktion ist oft, dass wir den Fauxpas als Bedrohung für unser Selbstwertgefühl erleben und nun mit aller Macht versuchen, dagegen zu wirken. Dennoch wird die Mehrheit denken: Dem ist wohl gar nichts peinlich? Nur Menschen ohne Ruf und Gewissen handeln so. Humor wiederum – sonst ein guter Trumpf, um peinliche Situationen zu retten – wirkt zuweilen noch desaströser: Dann etwa, wenn Sie Ihr Gegenüber emotional verletzt, bloßgestellt oder etwas sehr Geschmackloses von sich gegeben haben. Dann noch zu scherzen, dokumentiert, dass Ihnen das Missgeschick herzlich gleichgültig ist. Ein Scherz verhöhnt Opfer nur. Daher: Sagen Sie ruhig, dass Ihnen das peinlich ist und entschuldigen Sie sich dafür. Punkt.
  3. Bieten Sie Wiedergutmachung an. Scham ist nur dann konstruktiv, wenn Sie aus Ihren Fehlern lernen. Sie haben Ihrem Tischnachbarn versehentlich Wein über den Anzug, das Kleid, den Rock geschüttet? Dumm gelaufen, aber menschlich. Ein wahrer Gentleman entschuldigt sich jetzt, ruft den Keller und bittet ihn, das Malheur zu beseitigen und mit einem Handtuch auszuhelfen. Und natürlich bietet er sofort an, für sämtliche Reinigungskosten aufzukommen. Wichtig ist dabei, dass Sie sich nicht rechtfertigen (das wird als unverschämter Versuch interpretiert, den Fehler herunterzuspielen). Sie wollen sich schließlich nicht freikaufen, sondern den entstandenen Schaden wirklich ausgleichen. Das gilt auch für den Fall, dass Sie über jemanden gelästert haben und der das blöderweise mitgehört hat. Allein richtig: sofort schweigen, sich peinlich berührt entschuldigen und nachher unter vier Augen Wiedergutmachung anbieten.

Schwieriger wird der Fall, wenn ein Kollege etwas Peinliches anstellt und das gar nicht mitbekommt. Was dann tun: ihn darauf ansprechen oder schweigen?

Tja, es kommt darauf an. Und zwar darauf, ob es sich dabei um ein einmaliges Malheur, einen Ausrutscher handelt (den man souverän übersieht) oder um einen Zustand. Im zweiten Fall sollten Sie etwas sagen – erst recht, wenn Sie die Führungskraft sind. Bemühen Sie sich aber gleichzeitig um Diskretion. Fragen Sie sich selbst: Wie würden Sie behandelt werden wollen, wenn Sie derjenige wären, der sich regelmäßig die Blöße gibt? Mit Fingerspitzengefühl ist ein entsprechender Hinweis ein Akt der Nächstenliebe. Manchen Menschen ist schließlich gar nicht bewusst, dass sie sich schon eine ganze Weile lächerlich oder zum Flurthema Nummer eins machen, weshalb sie auf einen fürsorglichen Hinweis entsprechend dankbar reagieren. Wie die übrigen Mitarbeiter anschließend auch.