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3 von Jochen Mai am 22. Januar 2010 → Artikel in Büro
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Mittagessen – Jeder Dritte isst mittags im Büro am Schreibtisch

essenWer geht mit? Das ist die vielleicht häufigste Frage mittags, um halbeins in Deutschland. Und vielleicht ist es auch eine der frustrierendsten Erfahrungen, wenn man sie selbst nie gestellt bekommt. Wahrscheinlich hat das jeder schon einmal erlebt, und sich anschließend über den gemeinen Ausschluss und den damit empfundenen Statusverlust auf der Beliebtheitsskala geärgert. Wer speist mit wem? Wer wird mittags umworben? Wer unterhält die Gruppe? Wer wird beklatscht? Wer darf zu spät kommen, während der Rest huldvoll auf ihn wartet? All das sind untrügliche Indizien für die Rangordnung im Bürogehege, vom Alpha-Tier bis zum Tetra-Pack.

Rein mikropolitisch betrachtet, ist das ein völlig normales Ränkespiel, aber sonst? Mittagspausen sind mehr als Nahrungsaufnahme. Wenn Sie denken, die Mittagspause allein am Schreibtisch zu verbringen – entweder weil Sie schmollen oder weil Sie achso viel zu tun haben –, würde Ihr Image als besonders engagierter und fleißiger Mitarbeiter verbessern, dann liegen sie falsch. Aber so richtig. Im Büro zu essen, mag billiger sein, trotzdem kostet es: Nerven, Gesundheit, Freunde – Karrierechancen sowieso.

Die Erfahrung lehrt, wer zwischen Tastatur und Tacker seine Tupperdose auspackt, nimmt sich nicht wirklich eine Auszeit. Sobald das Telefon bimmelt, geht man ja doch dran. Und die E-Mail, die da gerade im Posteingang erscheint, wird natürlich auch gleich geöffnet und beantwortet. Abschalten sieht irgendwie anders aus, oder? Und, glauben Sie mir, sollte der Chef jetzt zufällig ins Büro stürmen, sieht das Klappbrot im Mundwinkel auch nicht gerade souverän aus.

speisegrafMal ehrlich: Wenn Sie an jemanden denken, der vor seinem Schreibtisch in eine Leberwurststulle beißt und dabei in eine bunte Plastikbox schaut, sehen Sie dann vor sich den dynamischen Aufsteiger, der nächstes Jahr die Verantwortung für 300 Mitarbeiter bekommt oder den phlegmatischen Pullunderträger. Eben. Solche Bilder prägen sich unweigerlich auf die Netzhaut der Kollegen, haben sie hundertmal in Filmen gesehen und deswegen prägen sie irgendwann auch Ihr Image. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist nichts Falsches daran, sich sein Essen ins Büro mitzubringen oder auch mal ein Office-Lunch zu zelebrieren. Aber was, wo und mit wem Sie essen, übermittelt immer auch eine sublime Botschaft wer Sie sind und wer Sie sein könnten. Und belegtes Brot an Tupperdose ist nun mal nicht das Bild für Engagement und Erfolg.

Mittagspause24Dennoch tun viele Büroarbeiter genau das. Wie jetzt eine Jobscout24-Umfrage unter 3400 Nutzern ergeben hat, nehmen sich 33 Prozent der Befragten nicht die Zeit für eine ordentliche Mittagspause, sondern essen schnell eine Kleinigkeit am Schreibtisch. Weitere 28 Prozent gehen in die Kantine, um Zeit und Geld zu sparen, knapp 14 Prozent wärmen sie irgendetwas Nahrhaftes in der Mikrowelle auf. Obwohl ausgerechnet die Zeitersparnis für viele Beschäftigte der ausschlaggebende Faktor bei der Wahl der Lokalität zu sein scheint, nutzen lediglich 15,5 Prozent die Pause dazu, um mit Kollegen in ein nettes Restaurant um die Ecke zu gehen.

Das ist nicht nur gesund und klug, sondern auch rücksichtsvoll. Denn Pizza, eine Fünf-Minuten-Terrine oder Currywurst mit Pommes Schranke verbieten sich freilich noch aus einem anderen Grund im Büro: Sie miefen. Und die Kollegen finden es sicher gar nicht dufte, derlei Dünste auch noch nach der Mittagspause zu inhalieren. Wenn Sie sich also schon Essen ins Büro bestellen, dann vielleicht eher so etwas wie Sushi. Das verströmt zumindest die Aura von Weltoffenheit, Kreativität – und Wasabi.

Die zweite Subbotschaft von Selbstgemachtem (oder Selbstbestelltem) ist jedoch fast noch schädlicher: Wer sich sein Essen ins Büro bringt, isoliert sich freiwillig. Indirekt sagt er: „Ihr braucht mich erst gar nicht fragen, ob ich mitkomme. Ich hab schon alles, was ich brauche.“ Und selbst wenn sich die Kollegen allesamt ihre Speisen mitbringen, bleibt doch jeder für sich, weil jeder sein eigenes Essen isst. Es gibt daran einfach nichts Verbindendes, nicht einmal den Koch.

Alleine zu essen, ist wie Masturbation – man ist zwar hinterher entspannt, so recht befriedigt aber nicht. Es fehlt der soziale Kontakt. Zudem verpassen Sie so zahllose Gelegenheiten, neue Kontakte zu knüpfen oder alte zu vertiefen. Sie könnten in der Mittagspause zum Beispiel Kunden besser kennenlernen oder herausfinden, wie Sie in Zukunft besser zusammenarbeiten. Oder Sie verabreden sich mit Kollegen, mit denen Sie sonst nicht viel zu tun haben. So lernen Sie das Unternehmen besser kennen und erfahren womöglich eine wichtige Sache, die Ihnen im Job weiterhilft. Sehen Sie das Mittagessen doch mal als Investition. Es kostet Sie maximal 90 Minuten, dafür erhalten Sie ein wachsendes und immer festeres Netzwerk, gewinnen womöglich neue Einsichten und Freunde. Vermeiden Sie aber ständig über Geschäftliches zu reden. So schalten Sie nicht ab.

Bei einem Essen mit Externen sollten Sie in ein solch kulinarisches Meeting jedoch immer vorbereitet gehen. Dazu gehört eine Portion Smalltalk genauso wie eine Prise Selbstpräsentation. Falls Sie mit demjenigen, mit dem Sie die Pause teilen, schon öfter zu tun hatten, sorgt es zudem für Pep, wenn Sie an ein paar Details der vergangenen Gespräche anknüpfen – und sei es nur, dass Sie sich (namentlich!) nach den Kindern erkundigen. Wenn Sie sich solche Dinge nicht merken können, dann fragen Sie wenigstens. So vermitteln Sie zumindest Interesse an der Person – und das schmeichelt jedem. Und achten Sie bei der Bestellung darauf, dass Sie weder zu große Portionen noch komplizierte Speisen ordern. Bei einem solchen Business-Lunch geht es nicht vorrangig darum, bis zum Abend satt zu bleiben, sondern um Konversation und Kontaktpflege.


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1. Kommentar

MoroX
24.01.10 um 14:07 Uhr

Den Meinungen stimme ich zu, die “Mittagessen-Typen” kann ich bei uns fast alle erkennen.

Allerdings bin ich auch der Ansicht, dass nicht alle Arbeitnehmer die Möglichkeiten eines Restaurant-Besuchs besitzen (aus finanziellen oder zeitlichen Gründen). Außerdem ist auch nicht gleich jeder auf Kontaktpflege aus, z.B. weil es die Arbeitssituation erst gar nicht erfordert (ich denke da bspw. an Mitarbeiter telefonischer Hotlines) oder weil es sich generell um introvertierte Menschen handelt (die dennoch gut arbeiten können).

Insofern ist der obige Artikel nicht ganz vollständig aber interessant.

2. Kommentar

Cinnamoon
25.01.10 um 16:43 Uhr

Fragen Sie doch mal, wie viel Zeit laut Statistik die meisten Arbeitnehmer im Schnitt haben (würde mich auch selber interessieren). Bei lediglich 30 Minuten Mittagspause bleibt ja kaum noch Zeit zum Essen, wenn man allein für den Weg vom Schreibtisch bis zum Mittagstisch die halbe Zeit verplempert. Wenn dann das Essen hastig runter geschlungen werden muss, ist das weder gesund noch erholsam. Dann ist mir ein komischer Eindruck bei den Kollegen doch allemal lieber. Aber vermutlich haben die eine ganz andere Einschätzung der Situation, weil die selber dann auch wohl nur 30 Minuten zur Verfügung haben.

In allen Stellen, wo eine ganze Stunde zur Verfügung steht, sind die genannten Überlegungen aber sehr interessant.

3. Kommentar

Jochen Mai
25.01.10 um 16:46 Uhr

@Cinnamoon: Über eine Studie dieser Art habe ich schon einmal gebloggt.

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